Gegen Mittag in den Garten.

Auf einer Kreuzung liegt eine bereits hundertfach überfahrene Ratte, schon so flach wie ein sorgsam gearbeitetes Relief im Asphalt. Pergamentbleich und lang wie ein springendes Karnickel, das war ein großes Tier. Der dünne Schwanz steht linealgerade nach hinten ab. Am Unterbauch etwas rostrotes Gekröse mit rosafarbenen Einsprengseln, das da durch einen Autoreifen hervorgedrückt wurde. Das Gebilde sieht aus wie eine Figur aus einem Ausmalbild, da grau, da rostrot mit Buntstift eingefärbt, das hat jemand dann in diesen gedeckten Herbstfarben ausgeschnitten und da hingelegt. Bald wird es wegwehen, das dünne Etwas, das Stück Stadtnatur.

Ein paar Meter weiter ein unordentliches Geranke an einem Brückenpfeiler, übergriffige grüne Üppigkeit, ich sehe es im Vorbeifahren und halte: Brombeeren. Und sie sind groß, reif und sie schmecken. Keine Brombeeren im Discounter kaufen, diese immer nur wie ein Sammler in grauer Vorzeit konsumieren, also da stehenbleiben, wo sie im Revier an den Wegen wild wachsen und dann dort alles abgrasen. Sich die Stellen merken, also das denkt man dann jedenfalls so, in Wahrheit aber hat man sie hundert Meter weiter schon vergessen. Im nächsten Jahr wieder überrascht sein, ach guck, Brombeeren.

Später im Garten die sieben Pflaumen anstaunen, die wir dieses Jahr noch von dem jungen Baum ernten werden. So ein prächtiges, lockendes Lila, vornehm zurückhaltend matt ist es, mit einigen wenigen glänzenden Stellen, die fast leuchtend rot sind. Aber die Früchte sind noch steinhart und hängen da also weiter, edel, erlesen und erst einmal ungenießbar.

Die Kürbisse runden sich langsam, dieses unwahrscheinliche Signalorange unter dem Laub, Hokkaido. Die Zucchini dagegen wächst längst freiwillig in Richtung Kompost und ergibt sich dort mit ihrer unverbrauchbaren Überfülle.

Eine vereinzelte Erdbeere hängt noch an den Pflanzen im Beet, auf der einen Seite zeigt sie noch ein freundlich lockendes Frühsommerrot, auf der anderen Seite aber ist sie braun und faulig, dem Boden zugewandt und schon in Auflösung begriffen.

Sohn II und ich ernten Kartoffeln und Karotten, es riecht nach Herbst und Erde und der Sohn schnuppert an einer gerade gezogenen Möhre, sagt „Das!“ und ich weiß, was er meint.

Ich habe in den letzten Wochen seltsam am Sommer vorbeigelebt, ich war nicht recht dabei und habe anders gealltagt, in der Wohnung, am Schreibtisch. Viel gearbeitet. Es zog mich nirgendwo hin, nicht einmal in den Garten. Ich saß in den Stunden ohne Arbeit eher ratlos herum, aber es hat sich gar nicht schlecht angefühlt, eher angemessen und passend. Warum soll man nicht einmal ratlos sein, das kommt vor. Einfach mal tagelang denken: Ich weiß es doch auch nicht. Wenigstens davon überzeugt sein.

Jetzt gehe ich wieder raus und das Sommerwetter scheint erst einmal vorbei zu sein, es gibt in der nächsten Woche, so lese ich, ein Preview auf den Herbst zu sehen. Die große Fracht des Sommers ist verladen, das ist von Ingeborg Bachmann. Ich lese einen Gedichtband mit Septembergedichten, weil ich den gerade passenden Band mit dem August nicht finden kann, ich greife vor. Die Luft ist kalt und voller Distelsamen, das ist nur ein Gedicht weiter und von Hilde Domin. Man kann die beiden Zeilen zusammenkleben, merken Sie das auch beim Lesen?

Die große Fracht des Sommers ist verladen

Die Luft ist kalt und voller Distelsamen.

Passt doch. Na gut, ich habe klammheimlich eine Silbe dazugeschummelt, immer ehrlich bleiben. Ein Bastelgedicht, ein Remix deutscher Dichterinnen, ein wenig früh in der Saison vielleicht. Aber ich gehe da gerne etwas vor, ich mag die Wechsel und die Zwischenzeiten viel lieber als die eigentlichen Jahreszeiten.

Egal. Es sind 20 Grad, es ist nicht warm, es ist nicht kalt, der Himmel ist bedeckt. Es kommt ein böiger Wind auf und macht einen auf dicke Hose. Es rauscht und saust in den Bäumen, die Äpfel fallen ins Gras, die Wolken sind auf einmal schwer schattiert, es wird Regen geben. Bald schon.

Ich fahre auf dem Fahrrad zurück ins kleine Bahnhofsviertel, der Wind jagt mir nach. Die Regebogenfahnen im Stadtteil hängen in Bausch und Bogen von den Balkonen. Gut gestylte Frisuren werden durch das auffrischende Wehen auf die Zauselstufe zurückgesetzt und blaue OP-Masken flattern an den Touristenoberarmen, an denen sie vertäut sind.

Und dort, aus der gemäß Wetterbericht nur noch heute gut besuchten Außengastronomie, steigt ein Schwarm weißer Papierservietten auf und fliegt in den Süden.

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