Zum Wochenanfang erst einmal um 5 Uhr morgens so gegen ein niedriges Möbelstück im noch nachtdunklen Flur rennen, dass das Schienbein blutet. Okay, denke ich, und schreie trotz des jähen Schmerzes nicht laut herum, denn alle schlafen noch und es nützt ja auch nichts und ich bin mittlerweile alt genug, um mich manchmal halbwegs zusammenreißen zu können, okay, denke ich, auch diese Woche ist also ein harter Hund. Da mal mithalten!

Ich steige fluchend und knurrend in die Dusche. Blut in der Wanne, es verquirlt sich mit dem heißen Wasser in Richtung Ausguss. Farbige Schnörkel auf Weiß, ich denke unwillkürlich an den Buchtitel von Wondratschek: „Früher begann der Tag mit einer Schusswunde.“ Auf was man so kommt!

Ich gehe humpelnd ins Büro. An der großen und vielspurigen Kreuzung, die auch noch unfassbar hässlich ist, ein überdimensionierter urbaner Affront gegenüber Fußgängern ist das da eigentlich, stehen zufällig gleich drei SUVs in der ersten Reihe an der roten Ampel. Schwarz, riesig und monströs sind diese Autos. Sie sind von verschiedenen Herstellern, aber sie sind im gleichen Geist gebaut. Als die Ampel auf Grün umspringt, geben alle drei Fahrer Gas, und wie sie Gas geben. Jetzt nur nicht verlieren, Erster sein, Bester sein, Schnellster sein, drei röhrende Motoren, die Fahrzeuge schießen gleichzeitig nach vorne. Es ist alles dermaßen lächerlich, denn die drei Fahrer, Männer natürlich, sie wollen am Ende auch nur in irgendein Büro, meine Güte. Ja, toll, du warst heute echt schnell im Großraumbereich, Respekt, du wilder Krieger, du Hektor unserer Tage.

Es gibt in Hamburg eine Soko Autoposer. Die sollen die Typen jagen, die ihre Autos übertunen und in der Stadt damit nachts illegale Rennen gegeneinander fahren. Die Damen und Herren aus dieser Soko könnten sich morgens auch einfach an diese Ampel stellen, alle Vorkommnisse dort notieren, zack, Jagd vorbei, that was easy.

Ein Mann auf der anderen Straßenseite, sechs Spuren weiter. Er lehnt an der Ampel und sieht in etwa so müde aus, wie ich mich noch fühle. „Just do it“ steht groß auf seinem knallbunten Hoodie, „Just don’t“ steht in seinem grauen Gesicht.

Unter der Brücke drei Obdachlose, eng aneinander liegen sie da im Dreck, im Lärm und in kaputten Klamotten und zerschlissenen Schlafsäcken. Vor ihnen eine große Papiertüte mit letzten Habseligkeiten, auf der Tüte steht: „Haute Couture.“ Die Aufschrift auf den Tüten und Kartons, die Obdachlose bei sich haben, ist fast immer zynisch. Im letzten Jahr sah ich irgendwann, ich schrieb auch darüber, den Obdachlosen unter dem Karton von „Maisons du Monde.“ Was für eine unfassbare Gemeinheit.

Eine Frau steht vor einem der Bürogebäude in Hammerbrook und wühlt in ihrer Handtasche. Sie wühlt immer schneller und guckt zwischendurch bittend zum Himmel, sie wühlt jetzt eindeutig hektisch, sie weint. Sie hat etwas nicht mit, vermutlich war es enorm wichtig, sie schluchzt. Vielleicht ist es auch ganz anders, vielleicht ist es noch schlimmer, man kann es im Vorbeigehen nur raten. Jedenfalls aber: Tränen am Montagmorgen, da ist die Woche dann auch bereits gelaufen, nehme ich an.

Im Vergleich, denke ich, im Vergleich geht’s mir ja noch gold. Es ist nur ein Montag, es ist nur eine dieser Wochen.

Just do it.

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