Am frühen Morgen gehe ich durch den Hauptbahnhof. Vor dem Blumenladen stehen neuerdings viele kleine Töpfe mit den Stauden zur Herbstpflanzung, an jeder Sorte ein Hinweisschild: Winterhart! „So auch ich“, denke ich im schnellen Vorbeigehen, „so auch ich.“ Und das war dann so der Resilienzmoment des Tages, der war damit heute früh verbraucht. Aber Hauptsache, er war.

Auf dem weiteren Arbeitsweg finde ich die erste schöne Kastanie des Jahres auf dem Gehweg und ich sehe auch den ersten dürren Hund im burberrygemusterten Wintermäntelchen, der zitternd an einer Laterne riecht und von seinem sichtlich unausgeschlafenen Frauchen fluchend weiter gezerrt wird. Über die furchtbar hässliche Kreuzung kreiseln, während ich an der Ampel warte und warte, furchtbar schöne Blätter in großer Menge, ein lebhafter Strudel flirrenden Goldes. Ein wenig nach Magie sieht es aus, ein wenig nach Fantasyfilm vielleicht, ein munteres Crescendo im Soundtrack fehlt da noch. In der Mitte des wie choreographiert tanzenden Laubkreises müsste jetzt etwas höchst Bemerkenswertes erscheinen, eine Hexe, ein Zauberer, irgendein Wunderwesen müsste sich da materialisieren – aber quer durch die Mitte dieses wirbelnden Strudels gehe dann doch nur ich.

Später am Tag kommt eine Sturmflutwarnung von Katwarn auf dem Handy. Die Elbe macht die erste Dehnübung der Saison, sie reckt sich und streckt sich im Bett und sieht sich am Abend vielleicht mal wieder auf dem Fischmarkt um. Noch später viel Regen auf unseren Dachfenstern und ein stark aufbrisender Wind. Im Haus gegenüber hat jemand ein Dachfenster schon seit Stunden weit geöffnet, da regnet es rein, erheblich regnet es da rein, Pfützen im fünften Stock wird es geben. Die Äste der Bäume auf dem Spielplatz unten sind in wilder Bewegung, Beaufort 6 oder 7, das kann man ruhig auch ab und zu mal nachlesen, wie das da definiert ist, das ist schön, so etwas zu wissen.

Und ebenfalls interessant, sehe ich gerade, ist die Fujita-Skala, mit den Definitionen für Schäden bei Starkwinderscheinungen. Man beachte unbedingt die letzten drei Ausprägungen: Devastating Damage, Incredible Damage, Invonceivable Damage. Das vielleicht auch beim Wahlergebnis am Sonntag leise murmeln, je nachdem.

Ich fand das aber alles gut und gemütlich. Ich bin zwar mit der Gesamtsituation ganz und gar nicht einverstanden, ich erwähnte es vermutlich bereits seit 2015 ab und zu und es hat sich seitdem nicht mehr grundlegend geändert, aber dieses Wetter – es ist tadellos fein auf mich und meine herbstfreudige Stimmung abgestimmt, genau so soll es sein.

Nicht so gemütlich: In der Kirche wird wieder Essen an Bedürftige ausgegeben. Auf den Stufen vor der Kirche sitzt eine alte Frau und löffelt ein Joghurt, auch in das Joghurt regnet es rein. Aber sie hat Hunger, sie kann nicht warten, nehme ich an.

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Mit dem Schwalbenbuch bin ich durch. Klare Empfehlung, das hat Freude gemacht: Stephen Moss, Über die Schwalbe. Auch wenn es erwartbar pessimistisch endet, der Klimawandel, das Insektensterben, die industrielle Landwirtschaft, das ist alles nicht gut für Schwalben, man hat es bereits geahnt. Aber wie der Autor da den Schwalben in den Süden hinterher fliegt und sie dann in Südafrika trifft, und wie unvorstellbar viele von ihnen – fast bekommt man Reiselust, das möchte man auch einmal sehen.

Jetzt lese ich abends noch einmal das lyrische Gesamtwerk der Kaléko. Vermutlich gibt es kaum ein anderes lyrisches Gesamtwerk von Rang, das derart durchgehend süffig ist.

Nun gönnt sich das Jahr eine Pause.

Der goldne September entwich.

Geblieben im herbstlichen Hause

Sind nur meine Schwermut und ich.

[…]

Noch schnell ein Link, mehr passt heute nicht, aber er ist immerhin motivierend und erbaulich.

Der teuerste Wahlbrief seines Lebens

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In den nächsten vier Tagen ist es höchst zweifelhaft, ob ich zum Bloggen kommen kann, aber die Erfahrung lehrt: Wenn ich das so schreibe, dann klappt es verlässlich. Immer aus allem lernen!

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