Home-Office. Ich gehe frühmorgens um den Block, weil es mir zu nervtötend ist, bis in den Nachmittag hinein nur das Rechteck des Bildschirms gesehen zu haben, ich will etwas anderes sehen, irgendetwas anderes, das nicht Internet, Excel oder Word ist.

Die Straßen sind um 07:15 immer noch leerer, als sie es präpandemisch waren, so viel scheint mir festzustehen. Die paar Menschen nur, die mir begegnen, das wäre doch früher ein Sonntag gewesen? Auf den Stufen der Kirche wachen die Obdachlosen auf und wickeln sich aus ihren Schlafsäcken, einer klappt einen großen, blauweißen Regenschirm ein, der in der Nacht über seinem Kopf gestanden hat. Es hat nicht geregnet, aber es hätte ja können.

Im Coffeeshop schäumt jemand Milch, obwohl noch keine Gäste da sind. An der Ampel hängt ein neuer Zettel, da wird enggedruckt zum Kampf gegen die Mächtigen aufgerufen, wenn ich das beim flüchtigen Lesen richtig mitbekomme, von links. Die Wahlen haben nichts genützt, steht da, das Klima, die Wohnungsnot … Aber es ist zu viel Text, es ist auch zu klein gedruckt, es hängt außerdem zu tief, man muss sich erst bücken, um das zu lesen, so wird das nichts mit der Revolution.

Auf dem nahen Platz liegt ein weißer Damenschuh vor der Kreuzigungsgruppe, mittig vor der Jesusfigur. Ein weißer Schuh ist es, halbhoch, ein Teil eines Pumpspaares, was ein seltsames Wort ist. Salamander steht innen auf der Sohle. Der Schuh sieht auf den ersten Blick ein wenig nach Brautmode aus, aber das denkt man vielleicht bei jedem weißen Damenschuh ohne Kontext, der nicht gerade ein Sneaker ist. Jedenfalls liegt er da, zur Seite gekippt, allein und zurückgelassen. Nichts liegt neben ihm, kein weiteres Indiz für was auch immer. Das Relikt einer wilden oder verwirrten Nacht ist der Schuh vielleicht, man weiß es nicht.

Auf einem E-Scooter kommt mir eine Frau entgegen, in einem Moment, in dem gerade kein Auto auf der Straße zu sehen ist. Sie trägt einen langen, schwarzen Mantel, der ist offen und weht im Fahrtwind nach hinten, er sieht aus wie ein Cape. Sie hat lange, schwarze Haare, die wehen parallel zum Cape, und bei allem, was ich gegen E-Scooter habe, das sieht schon sehr gut aus, diese junge Frau mit den wehenden Haaren und dem eleganten schwarzen Cape auf dem lautlosen Roller, die da schwungvoll an mir vorbeikurvt, seltsam superheldinnenmäßig auf dem Weg ins Büro. Ein Fall für Officewoman.

Ich gehe nach Hause, eine kurze Runde war das nur, mehr Zeit habe ich heute nicht. In einem Geschäft für Schreibwaren und Geschenkartikel liegen die Kalender für 2022 im Schaufenster, die nehme ich noch zur Kenntnis. Ich könnte kurz stehenbleiben, hineinsehen und mich auch an diese Zahl gewöhnen.

Wie an alles.

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Was hört der Freundeskreis trauriges Liedgut? Die Herren Elridge und Lage, Sleeping by myself. Der Text wirft einen nicht um, aber gute Feierabendmusik ist es doch.

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