Bei der morgendlichen Internetrunde sehe ich einen Artikel über den Maximalismus, das ist natürlich der Nachfolger des Minimalismus im Bereich der Inneneinrichtung. Man hat danach jetzt gemerkt, dass es doch nicht der Weisheit letzter Schluss war, alles Schöne und Alte aus dem Haus zu werfen, ergriffen auf leere Flächen zu sehen und nichts als ein Echo im schmucklosen Schrank zu haben, und man holt jetzt also alles wieder rein. Dazu malt man die Wände in fetten Farben an, moosgrün, lila, beerenrot. Und weil das aber alles dem Konsum dienen soll, nimmt man zum Zwecke der Dekoration selbstverständlich nicht die alten Sachen, die alt aussehen, weil man sie schon so lange hat, sondern kauft neue Sachen, die alt aussehen, weil sie so designt worden sind. In dem Text stand sinngemäß etwa: „Einen goldenen Lampenständer in Form eines Papageien oder Affen hat nicht jeder“.

Ich gehe am Morgen wieder vor dem Home-Office kurz um den Block, ich sehe im Vorbeigehen ins Schaufenster des Ladens mit Dekoklimbim, dort stehen – es passt wieder alles dermaßen schön zusammen hier! – güldene Lampenständer in Papageien- und Affenform. Die hat sicher nicht jeder, es stimmt schon. Noch nicht. Es ist eine Bewegung vom Schwund zum Schwulst, wenn ich es richtig verstehe. Und warum auch nicht.

Jenny Erpenbeck, so lese ich ohne direkten Zusammenhang irgendwo im Feuilleton, bewahrt alles auf und lebt in ihrem „Lebensmuseum“.

An der Tür der Eisdiele klebt ein Zettel, sie schließen in ein paar Tagen und kommen im Februar wieder. Diese Zeit des Jahres. Demnächst kann man sicher wieder Kunsthandwerkliches und Weihnachtliches dort kaufen, die übliche Zwischennutzung der Ladenfläche. Nasses Laub auf den Wegen, es ist nicht warm, es ist nicht kalt, es ist nicht dunkel, es ist nicht hell, mir fällt nichts weiter auf, gar nichts. Minimalismus der Eindrücke.

Ich gehe nach Hause, auf dem Küchentisch liegen die ersten Satsumas, gestern gekauft. Es gibt Menschen, die können einem die Unterschiede zwischen Mandarinen, Clementinen und Satsumas erklären. Und es gibt normale Menschen.

Ich mache das Home-Office an und teste mit der Notebook-Kamera, ob ich ein zeitgemäßer goldener Affe bin. Das ist nicht der Fall. Aber ich trage einen Pullover in sattem Lila. Immerhin.

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