Ich bin bei einem Hörbuch hängengeblieben, bei dem ich eigentlich nur mal kurz reinhören wollte. Dann habe ich gemerkt, dass Roger Willemsen es liest und er auch die Textauswahl besorgt hat, damit hatte ich gar nicht gerechnet. Und wie es bei ihm so war, er freute sich so dermaßen deutlich über alles, was ihn interessierte, dass man sich da gerne mitfreut und also auch etwas hört, das man vielleicht gar nicht so dringend hören wollte. Etwa Brehms Tierleben. Ich hätte das vage unter staubig und veraltet einsortiert, das war falsch. Es ist tatsächlich interessant, und es ist sprachlich überraschend gut. Also überraschend für mich, Sie wussten das vielleicht längst. Ein überaus reiches Vokabular, man merkt dem Willemsen beim Vorlesen an, wie ihn das kickt.

Gleich zu Anfang, ich habe mit den Kriechtieren begonnen, geht es um die Smaragdeidechse, und die hat, so heißt es im Tierleben, einen seladongrünen Bauch. Klingt das nicht fantastisch? Und ich kannte das Wort nicht. Seladon, vollkommen unbekannt, da klingelte nichts. Seladon, das hätte meinetwegen auch der Name eines Schlafmittels sein können. Seladon, bei der Wikipedia findet man ein Bildbeispiel für das seladonfarbene chinesische Steinzeug, und man findet auch, was noch viel besser ist, den Verweis auf die früher übliche Redewendung: „Zärtlich wie Seladon.“ Und spätestens da verstehe ich den Willemsen vollkommen. Wie schön ist das denn, was für ein Vergnügen, so etwas zu finden.

Oder wenn ein Ameisenhaufen im Buch beschrieben wird, dann „wimmelt und grimmelt“ es darin. Wie großartig das passt. Roger Willemsen hat damals im Büchermagazin gesagt:

Jede lebende Frau, die einen Kanarienvogel hat, möge dieses Buch kaufen. Jeder Mann, der seine Zierfische nur halbherzig liebt, soll gefälligst dieses Hörbuch kaufen. Jeder Lehrer, der die Liebe zum Kosmos an seine Schüler weitergeben muss, kaufe sofort dieses Hörbuch. Redakteure, deren Hemd ein Krokodil ziert, sollen unbedingt dieses Hörbuch kaufen. Die ernste Antwort wäre: Es ist ein Volksbuch. „Brehms Tierleben“ gehört in jeden Bücherschrank, denn es ist eines der Grundbücher unserer Erziehungsgeschichte.“

Okay, das verstehe ich jetzt. (Auf Spotify ist es als Hörbuch verfügbar.)

Es war ein wortreicher Tag, ich las abends in den Dublinern weiter, James Joyce in der Übersetzung von Harald Beck. Da stehen Männer um eine Feuerschale und zerbröseln Zinder. Auch bei diesem Wort: Das habe ich noch nie gesehen oder gehört, glaube ich. Im Duden findet man es, es ist ausgeglühte Steinkohle. Nach anderen Quellen auch ausgeglühte Holzscheite, aber egal. Zinder jedenfalls. Gerne gelernt. Zinder und Zunder, wir braten einen Zander.

In der Zeit fand ich dann noch eine Meldung über den Drongo, der auch einen ansprechenden Namen hat, aber es kommt noch besser. Ein subtropischer Vogel ist das, der bemerkenswerte Fremdsprachenkenntnisse haben soll. Er macht die Warnrufe anderer Tierarten nach und verzehrt dann, wenn die alle panisch abgehauen sind, seelenruhig deren liegengelassene Beute oder Nahrung. Damit ist er, und das fand ich hervorragend, ein Kleptoparasit. Dieses Wort auch mal merken, man kann es hier und da sicher im familiären Kontext unterbringen, etwa wenn spontan wachsende Söhne nachts den Kühlschrank ausräumen.

Ich lese gerade Zeitungen, einfach nur deswegen, weil ich sie so lange nicht gelesen habe. Jahrelang nicht. Nachdem ich neulich in der gedruckten SZ schon den Waldrapp gefunden habe, jetzt also in der Zeit den Drongo, ist das nicht merkwürdig? Welcher Vogel wohl in der FAZ vorkommt? Das dann demnächst.

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Noch ein Lied. Heute von Ayo. You don’t have to worry at all. Auch mal schön.

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