Kaum hat man mal zwei Urlaubstage, schon kommt man nicht mehr dazu, die ganzen Notizen zu verbloggen. Aber egal, ich lasse mich wieder entspannt zurückfallen und berichte vom, was weiß ich, Mittwoch oder so. Und was ist heute überhaupt für ein Tag, man verlottert doch im Urlaub, auch im kurzen, erstaunlich schnell.

Ich gehe da also abends durch den Hauptbahnhof. Das ist meine normale Spaziergangsstrecke, durch die U-Bahngänge, durch die Wandelhalle und über die Bahnsteige, den Südsteg entlang und zurück. Noch einmal andersherum durch die Halle und vielleicht auch oben noch durch die Galerie, einmal an allen Geschäften und Gastrobetrieben und natürlich auch an den wartenden Reisenden auf den Fernbahnsteigen vorbei. Ich sehe zu, wie ein Zug einfährt oder gerade abfährt. Ich sehe zu, wie sich Menschen begrüßen oder verabreden. Wie sie Brötchen kaufen oder Alkohol und Limo und Zigaretten, wie sie reden, lesen, streiten und im Sitzen schlafen, manchmal auch wie sie sich prügeln oder küssen. Wie sie arbeiten, betteln, herumhasten oder schlendern, wie sie auf Koffern sitzen, ihre kleinen Kinder keifend reglementieren und ihre kleinen Hunde wiegend auf den Armen tragen, wie sie vor tieffliegenden Tauben in Deckung gehen, und ich weiß nicht warum, aber es ist mir gerade ein Bedürfnis, alles mitzuschreiben. Ich neige zu Hypernotaten, es fühlt sich seltsam befriedigend an, das alles aufzuschreiben. Also mache ich das.

Ich setze mich auf eine Bank an einem Fernbahngleis. Ein Zug fährt gerade ein, nach Köln wird er weiterfahren, lese und höre ich. Immer kurz an die Menschen denken, die ich dort kenne und gekannt habe, das geht Ihnen vielleicht auch so? Dass bei Städtenamen Gesichter aufschimmern, Situationen und Stimmen, dass die in geradezu unfassbarer Geschwindigkeit durchs Hirn blitzen und diese Stadt ausmachen? Im Falle von Köln blitzt sogar vieles, auch Kindheitserinnerungen sind dabei. Köln habe ich immer gemocht, ich könnte nicht sagen, warum. Nur wenige Menschen steigen in diesen Zug ein, und die paar, die ich von meiner Bank aus sehen kann, ziehen die blauen OP-Masken runter, sobald sie sich hinsetzen. Wenn jemand durch den Zug geht, ziehen sie sie mit zwei Fingern wieder hoch, es sind lässig routinierte Bewegungen.

Der Zug fährt ab, zwei Angestellte der Deutschen Bahn unterhalten sich am Gleis und sehen den Lichtern nach. Dann gehen sie langsam zurück zu ihrer kleinen Dienstbude auf dem Bahnsteig und treten an die Bildschirme dort, gucken prüfend zum Zuganzeiger und auf ihre Uhren.

Ich bleibe da noch sitzen. Der Bahnsteig ist jetzt leer. Ich habe nichts anderes vor und bin gerade gerne draußen. Ich sehe mir die Werbung auf der anderen Seite der Gleise an. Ich soll eine Ausstellung in Halle an der Saale besuchen. Ich war noch nie in Halle an der Saale, obwohl es mir bereits mehrfach empfohlen wurde, diese Stadt einmal zu besuchen, allerdings habe ich vergessen, warum. Irgendeinen Grund wird es für jede Stadt geben, versteht sich. Ich kenne immerhin sympathische Menschen aus Halle an der Saale, das ist nicht nichts. Eine Ausstellung des Malers Sitte soll ich mir da ansehen, eine große Retrospektive. Den kenne ich nicht, aber ich googele ihn natürlich pflichtgemäß, vielleicht ist es peinlich, ihn nicht zu kennen. Der hier war das. Aha. Die Gröner hätte den bestimmt gekannt, denke ich.

Ich frage mich, ob es ernsthaft Menschen gibt, die im Hamburger Hauptbahnhof ein Plakat für eine Ausstellung in Halle an der Saale sehen, und dann tatsächlich dort hinfahren. Lohnt sich denn diese Art von Werbung? Es muss so sein, ich arbeite ja sogar für eine Firma, die Werbewirksamkeit misst und beweisen kann, solche Plakate hängen nicht umsonst, wo sie hängen. Nicht kostenlos und nicht umsonst. Aber es wundert mich doch ein wenig. Vielleicht gehe ich dabei zu sehr von mir aus. Wie lange man wohl für die Fahrt braucht? Dann fällt mir ein, dass meine Mutter und ich das gemacht haben, damals. Also ganz damals, in der Travemünder Zeit. Plakate für Dalí in Paris gesehen, und dann sind wir da mit dem Nachtzug hingefahren. Jeden Betrag hätte ich damals gewettet, dass ich später mal einer von denen werde, die das öfter machen. Jeden Betrag hätte ich verloren. Vielleicht werde ich als Rentner noch so. Nie zu spät und all das? Als Rentner, ich habe da so eine pessimistische Ahnung, wird mir eventuell das Geld dafür fehlen. Aber wenn nicht – dann habe ich jetzt etwas vorgemerkt. Ausstellungsplakate sehen und spontan hinfahren, dann darüber bloggen. Sie wissen, der Mensch braucht Ziele.

Ein anderes Plakat hängt daneben, ich soll die Messe Hamburg toll finden, steht da. Ich finde schon die Herzdame toll, die arbeitet dort, das muss erst einmal reichen. Dann noch irgendwas mit der Telekom, das ist langweilig. 5G oder so.

Ein kleines Schild lese ich auch noch, ich soll auf meine Wertsachen achten. Ich packe mein Notizbuch wieder weg.

Ich gehe weiter. Auf der Theke einer Bäckerei steht ein grellgelbes Hinweisschild, mit dem einige der aktuellen Krisen, die gerade immer öfter auf den Wirtschaftsseiten besprochen werden, in der Szenerie um mich herum ankommen und sich zu einer Aussage verdichten. Zumindest könnte man es so deuten. Gewissheit gibt es nicht, aber es fällt doch auf, was ich da sehe: „Achtung“, steht da, „Achtung, wir erhöhen demnächst unsere Preise!“ Ob jemand heute ein Brötchen mehr kauft, weil es morgen teurer wird? Was bewirkt dieses Schild, was ist der Zweck und was ist der Hintergrund? Die steigenden Mieten, die ausbleibenden Rohstoffe, die schlechteren Ernten, die Klimakrise, die Lieferkettendramatik, die Energiepreise, die Inflation, was noch alles. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Schild und all den Zetteln, auf denen geradezu verzweifelt nach Personal aller Art gesucht wird, ich weiß es nicht. Ich fand VWL immer furchtbar uninteressant. Ich durchschaue die Lage nicht, ich schreibe nur mit, was ich sehe.

Ich gehe nach Hause. Vor der Haustür liegt eine zertrümmerte Flasche Chardonnay. Auch das fällt auf. Nicht weil da eine von Kippen umrahmte zertrümmerte Flasche liegt, das ist normal in dieser sogenannten besseren Wohnlage. Es wird hier überall gerne gecornert, und wo gecornert wird, fallen Scherben. Nein, es fällt auf, weil es sonst eher Wodkaflaschen sind, die da zerschlagen auf dem Boden liegen, Red-Bull-Dosen oder anderes Zeug, das die jungen Menschen schnell druckbetankt. Aber Chardonnay?

Die Brötchenpreise steigen, es gibt Chardonnay vor der Haustür, man kann nicht immer alles passend zusammenfügen. Ich schließe kopfschüttelnd auf und verbleibe für heute ratlos.

Im Treppenhaus liegt Werbung für Schiffsmotoren. Ich brauche im Moment keinen Schiffsmotor. Aber ich habe hier gerade ein neues Wort gelernt, fällt mir dazu noch ein, das Wort hieß „Seemannssonntag“. Das habe ich noch nie vorher gehört, aber ich finde es schön. Man möchte das sofort einführen, nicht wahr, es klingt nach einer überaus feinen und sehr norddeutschen Tradition. Nächsten Donnerstag vielleicht?

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Noch ein trauriges Lied? Noch ein trauriges Lied.

Falls Sie übrigens auf traurige Lieder stehen oder gar so wie ich darin wohnen, also gefühlt jedenfalls, falls Sie also traurige Lieder gar nicht so traurig, sondern eher heimelig finden: Ich arbeite gerade wieder mit Vehemenz an meiner entsprechenden Playlist “Good evening”. Ich nähere mich tausend Liedern und es ist ganz ungeheuer gemütlich. Falls Sie auf Spotify sind: Hier. Die zuletzt hinzugefügten Lieder sind in der Probezeit, die müssen sich erst noch durch lange Winterabende hindurch als solche beweisen, die ich mmer wieder hören kann, die verschwinden also vielleicht wieder.

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