Ich habe für das Goethe-Institut etwas über Menschen und Tiere geschrieben. Ein Text, der im Oktober geschrieben wurde, aber auch im November noch seltsam gut zu passen scheint.

Aus Gründen, die weiter unten noch deutlich werden, kommt die Musik zum Text heute erst gegen Ende, es hat alles etwas Erklärungsbedarf und die Szene muss ein wenig ausgemalt werden, manchmal ist das so. Aber kurz zurück zum Leitmotiv des Textes beim Goethe-Institut: Mehr Tiere ansehen! Dazu noch etwas.

Neulich war ich mit der Herzdame bei Ikea, was selbstverständlich eine selten blöde Idee zurzeit ist, ich weiß, Kommentare überflüssig. Aber wir brauchten unbedingt eine bestimmte Lampe. Die Home-Office-Situation ist hier an dem einen Arbeitsplatz allzu spätherbstlich-düster geworden, das kann so nicht weitergehen. Ein nicht geringer Teil von mir würde es zwar ausdrücklich begrüßen, bei Kerzenlicht mit der Hand zu schreiben, kratzende Feder, Tintenfass und alles, aber nein, es geht nun einmal um Büroarbeit im Jahr 2021, ich muss es widerstrebend anerkennen und mich fügen. Das Möbelhaus war dann allerdings dermaßen überfüllt mit Trotteln, die nicht in der Lage waren, Masken auch nur halbwegs korrekt zu tragen, etwas Abstand zu halten oder sonst eine sinnvolle Maßnahme auch nur annähernd zu akzeptieren, ich fand es wirklich über allen Maßen anstrengend. Vor dem Gastrobereich eine sichtlich überforderte Zugangskontrolle, im Kassenbereich die Wartenden, die mir in den Nacken atmeten und husteten … Es überforderte mich alles etwas und mein Bedarf an Kontakt zu Menschen da draußen ist erst einmal gedeckt, ich möchte bitte bärenhaft in meine Höhle zurück. Bis März, bis wann es eben passt.

Aus organisatorischen Gründen haben die Herzdame und ich uns danach direkt vor dem Möbelhaus getrennt – nicht endgültig, nur für diese Stunde -, und sie fuhr mit dem Auto weiter, ich ging zur S-Bahn und das war sehr gut so, denn dabei war ich allein. Nach dem grellen Licht und dem absolut grauenvollen Gedränge im Möbelhaus war da auf einmal, nur ein paar Schritte weiter, ein ruhiger, diesiger Novemberabend über Schrebergärten zwischen Ausfallstraßen, auf denen nicht viel los war. Steingrauer Himmel, orangegelbe Lichtkegel um die zahlreichen Straßenlaternen, dazu das mittlerweile spätherbstmatte Ocker des letzten Straßenbegleitbaumlaubes. Dann die Schienen der Bahn. An dem einen Ende der Strecke die Innenstadt, nur in der Ferne zu ahnen, bekannte Lichter hoher Häuser, in der anderen Richtung ein großer Umschlagbahnhof, still und trostlos, Krimikulisse, Tatortabend. Container, Lastwagen, Güterzüge bis zum Horizont, kein Leben darin oder dazwischen, gar keines. „Gott strafe diese Stadt mit Industrie, Industrie ist die härteste Strafe Gottes.“ Das hat Joseph Roth geschrieben (im Hotel Savoy), noch bevor die Weltgeschichte eine Weile später auf ganz andere Strafen Gottes kam.

Die S-Bahnstation im Nirgendwo war fast menschenleer, ein Mann nur stand da wartend am Gleis, sah mich kommen und ging sofort weiter weg, ans andere Ende des Bahnsteigs. Zehn Minuten bis zum nächsten Zug, und ich fand es hervorragend dort. Ruhig, leer und der Jahreszeit angemessen, man muss dem November auch einmal Raum geben, das ist wichtig. Bahnschienen können, besonders wenn sie exakt gerade verlaufen, etwas angenehm Klares haben, da links, da rechts, daher, dahin, keine Nebenwege, keine Umwege, hier, die Richtung.

Auf Plakaten wurde für die Mobilität von morgen geworben. Es gab keine Erklärung, worum es sich dabei genau handelt, und der Text prangte direkt neben diesen Schienen, die nicht so aussahen, als würden sie sich morgen irgendwie verändern. Schienen werden gelegt, um zu bleiben, sollte man meinen.

Über mir ein großer Vogel, ein einziger Vogel nur. Eine schwarze Silhouette vor dem schon fast abendlichen Himmel. Ein Kormoran war das, er flog über die Gleise. Vielleicht flog er von der Alster oder der Elbe zur Bille, das kann gut sein, wo der Kormoran hinfliegt, da wird wohl Wasser sein. Er folgte jedenfalls einer anderen Geraden durch die große Stadt, als wir Menschen sehen oder wahrnehmen können. Eine lange, schnurgerade Linie durch den Himmel zog dieser Vogel, und ich stellte mir vor, dass das eine altbekannte Kormoranlinie war, immer schon so geflogen seit Generationen und Generationen, eine Traditionslinie, schienengerade über die Gegend und seit ein paar Jahrzehnten auch den riesigen Umschlagbahnhof hinweg: Aber die Vögel sind immer quer über die Gleise geflogen.

Ich sah dem Kormoran nach, hörte dabei Hildegard Knef, die mir vom Shuffle-Modus kundig zugespielt worden war, und ich habe exakt in diesem Augenblick, Kormoran, Schienen, Umschlagbahnhof, Alleinsein, Stadtrand, Wartezeit, eine Stelle in einem Lied gefunden, die ich nicht kannte. In dem zunächst etwas schlagerhaft anmutenden Chanson von den Eisblumen nämlich, es ist sicher nicht eines ihrer bekanntesten Lieder. Die Anspielung auf den Krieg im Text fällt beim ersten Hören auf, das „zersplitterte Rot am Gardinenrand“. Man muss es dann aber ganz bis zum Ende hören, sonst bekommt man nicht mit, welche Stelle ich meine. Denn erst nach dem Gesang sagt sie auf einmal etwas, ganz ernst sagt sie das, und in anderer Stimmlage, hören Sie doch mal: „In der Watte seines Unvermögens lebt der Mensch – begrenzt …“ Und dann folgen noch kurze Sätze, sehr kurze Sätze. Es ist etwas niederschmetternd resignativ, was da folgt. Es endet schließlich mit einer dreimal wiederholten Wendung, die übrigens, ich habe das nachgelesen, auf der Schallplatte, die Älteren erinnern sich, in einer Endlosrille lief. Und lief und lief, das muss man sich also bitte auch so vorstellen, das mit der letzten Rille.

Hier das Lied, den Text mit der Watte des Unvermögens spricht sie ab 3:04. Aber es ist viel ausdrucksvoller, wenn man alles hört.

Der Kormoran, die Knef, der November. Das war wunderschön da, an diesem Umschlagbahnhof, etwa drei Minuten lang, allein am frühen Abend, außerhalb der Stadt und fern vom Getümmel, über mir der Flügelschlag des schwarzen Wasservogels, zielstrebig wohin auch immer. Hier, die Richtung.

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