Ich bin ein großer Fan von Dan Reeder, hier ist ein neuer Song von ihm, er macht uns also heute die passende Soundkulisse, und wie immer macht er es großartig. Wenn Sie Dan Reeder versehentlich nicht kennen, hören Sie alles nach, was er gemacht hat. Es lohnt sich.

Es war ein Biest von Woche, nicht wahr, das ging nicht nur mir so. Ich habe mich zwischendurch allzu intensiv für Politik interessiert, ich habe alles Mögliche nachgelesen und versucht, etliche Aspekte ganz ernsthaft zu verstehen, ich habe mit aller Vehemenz einen auf interessierten Bürger gemacht wie schon länger nicht mehr. Dummerweise war aber gestern, zumindest für mein Verständnis, wohl einer der allerdümmsten Tage deutscher Politik ever, und da steht man dann da mit seinem Interesse und fühlt sich unsäglich veralbert. Unschön, und das ist milde ausgedrückt.

Ansonsten gab es viel Arbeit, wie in meinem Brotberuf zu dieser Jahreszeit üblich, und es gab Tage, die mit dem eher schnöden Dreiklang von Home-Office, Haushalt und Schule vollkommen freudlos verpufften. Das ist nicht schlimm, es gibt eben solche Phasen, es ist nur nicht gerade motivierend. Motivierend zu was auch immer. Es ist aber auch ein wenig schade, weil ich den November doch mag und ihn so fürchterlich gerne als Wellness-Monat für mich hätte. Davon bin ich sehr weit entfernt. Am Dienstag war es, glaube ich, da habe ich am späten Nachmittag an der Balkontür gestanden, als ich gerade einmal allein in der Wohnung war, und ich habe eine halbe Stunde zugesehen, wie es dunkel wurde. Das war schön. Wie die letzte Meise vom Futter wegflog, wie in der Kirche drüben ein Licht am Eingang anging, wie ganz oben am Himmel auf einmal etwas Mond zu sehen war, ein ganz kleines Stück nur, in wolkiger Dezenz. Wie dann drei Krähen vor diesem Mondausschnitt entlangflogen, so überaus bilderbuchmäßig.

Wie in den Wohnungen auf der anderen Straßenseite die Lichter angingen. Ich gehe in der dunklen Jahreszeit gerne allein draußen herum und sehe in andere Fenster. Ich stelle mir ausgiebig vor, was in diesen beleuchteten Wohnungen alles besser als bei mir läuft. Kommen Sie mir nicht mit Ihrem Imposter-Syndrom, ich bin längst weiter fortgeschritten.

Ich habe einen Nachbarn, bei dem läuft jeden Abend ein riesiger Fernseher, und dieser Fernseher hängt an einer Wand, die er lilafarben anstrahlt. Dieser Mann kann vermutlich Netflix oder was auch immer wahnsinnig unterhaltsam finden, der kann all diese Serien genießen oder die albernen Filme – ich kann das nicht. Der kann da vollkommen entspannt in seinem Sessel liegen und sich mit seichtem Zeug volllaufen lassen, das muss doch schön sein, und ich meine es es nicht ironisch, so gar nicht.

Ich habe einen Nachbarn, dessen Schreibtisch steht am Fenster, und er arbeitet wahnsinnig emsig daran. Er tippt etwas in ein Notebook, und er macht das immer. Also immer, wenn ich hinsehe. Der ist viel fleißiger als ich, der ist auch konzentrierter und bestimmt wesentlich strebsamer und ernsthafter, also verdient er mit dem, was er da macht, auch viel mehr Geld als ich. Er hat in der Konsequenz auch eine größere Wohnung. Glaube ich.

So hingegeben arbeiten – ich kann das nicht.

Ich habe einen Nachbarn, der kann Saxophon spielen. Das weiß ich aber nicht, weil ich sehen kann, wie er spielt. Ich sehe von seinen Fenstern nur einen eher schmalen Lichtspalt, ich sehe seinen eher kargen Balkon. Warum weiß ich dann das mit dem Saxophon? Es gab da einen Moment, im letzten Jahr oder wann, es war noch in dieser jetzt schon seltsam unwirklich erscheinenden Pandemiephase, in der manche abends aus den offenen Fenstern geklatscht haben. Da gab es auch einmal so ein Happening, bei dem alle, die irgendwas mit Musik konnten, etwas gemeinsam machen wollten, deutschlandweit, glaube ich. Es ging um die Ode an die Freude, meine ich noch zu wissen, ohne es aber beschwören zu wollen. Und zu der Uhrzeit jedenfalls, als das überall stattfinden sollte, da kam dieser Nachbar auf den Balkon, mit seinem Saxophon. Und setze das so an, guckte dann aber doch erst einmal, lauschte, guckte noch einmal. Und stellte fest, dass er vollkommen allein war. In diesem Block und um den ganzen Platz herum war sonst absolut niemand, der irgendwas mit Musik machte, es gab keine Blockflötenkinder, keinen E-Gitarristen, keine Chorsänger, keine Geiger, keine Cellistinnen, nichts. Es gab kein Happening. Da hat er sein Saxophon wieder abgesetzt, hat mit den Schultern gezuckt und ist kopfschüttelnd wieder in seine Wohnung gegangen. Das war ein sehr trauriger Pandemiemoment. Im Grunde tut er mir heute noch leid, der Nachbar.

Aber jedenfalls kann er Saxophon, und ich kann das nicht.

Ich habe eine Nachbarwohnung, die sieht immer besonders hell und einladend aus. Und ausgesprochen gut dekoriert, geradezu wohnzeitschriftenmäßig durchstilisiert. Altbauhohe Bücherwände, teure Design-Leuchter und ein großer Tisch in der Mitte der Wohnung, auf dem eine riesige Obstschale auf weißem Tischtuch steht. Große Bilder an der Wand, Kunst, bestimmt Originale, Ölgemälde. Und die haben da dauernd Besuch, der aussieht wie aus alten Woody-Allen-Filmen, also von der Ausstrahlung her. Da kommen immer Leute, die einen Verlag haben, ein Theater leiten, ein Museum oder eine Konzerthalle, die Professoren sind oder weltbekannte Bildhauerinnen. Vielleicht kommen auch Leute, die Saxophon spielen können, das würde passen.

Die führen da ein äußerst gepflegtes Sozialleben auf verdammt hohem Niveau. Ich kann das nicht.

Und es gibt auch eine Wohnung, da sind immer alle Fenster verhängt, das ganze Jahr hindurch, da sieht man nur Lichtschlitze, wenn man überhaupt etwas sieht.

Da lebt jemand vollkommen im Geheimen. Ich kann das nicht.

Ich mache das übrigens ausgesprochen gerne. Ich sehe dermaßen gerne in andere Wohnungen, ich stelle mir so gerne vor, was da alles gelingt und was gut und schön ist. Ich stelle mir den Spaß vor und die Wärme, die Liebe und die Entspannung, die Ruhe und die Zeit, manchmal sogar den Babyduft, den Geruch von Kleidern an Schranktüren und auch den Geruch von Plätzchen oder Braten aus Küchen, von denen ich im Vorbeigehen nur einen Oberschrank sehe. Ich stelle mir vor, wie jemand in einem wahnsinnig gemütlichen Wohnzimmer auf einem Sofa sitzt und liest, ich höre das Umblättern im Geiste, es klingt wunderbar beruhigend, wie auch das Ticken dieser antiken Wanduhr da.

Ich laufe herum und billige fremden Menschen gelingendes Leben zu. Ich kann immerhin das.

Egal. Ich wollte etwas anderes schreiben, was ist jetzt wieder passiert? Na,  jedenfalls was geschrieben, sagte er mit einem trotzigen Unterton.

Hier noch drei Links. Ich müsste wohl schneller mit den Links sein, sie veralten so schnell im Moment. Aber schnell geht gerade nicht, mir fehlt dummerweise die Schreibschnellkraft.

Apropos. Ich habe, und auch das war seltsam schön, gesehen, dass jetzt noch ein Satz von mir in diesem Internet zitiert wird, den ich im Juli oder so geschrieben habe. Es ist kein besonders schöner Satz, es ist nur einer, den viele Menschen (da draußen an den Empfangsgeräten, sagt eine Stimme im Kopf) nachvollziehen konnten. „Ich bin nicht erholt genug für diesen Herbst“ habe ich da geschrieben. Ein eher schlichter Satz, nicht wahr. Aber so sieht es aus, das war die reine Wahrheit. Ich war vermutlich noch bei keinem Jahresendspurt jemals so unfassbar erschöpft und komplett durch. Ich leite daraus nichts ab, es ist vermutlich auch nicht so schlimm, wie es vielleicht klingt. Es ist nun einmal so, ich halte es einfach nur fest.

Wie auch schon im letzten Jahr.

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Positiv

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Zur Regierung durchschweigen

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Dynamische Ignoranz

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