Vielleicht noch genauer hinsehen, was da draußen jetzt passiert, es ist doch historisch interessant, wie sich diese 4. Welle entwickelt und was man davon sehen oder hören kann. Ich höre von mehr und mehr Corona-Fällen im Bekanntenkreis, in Schulen, Firmen und auch nach Besuchen, Partys usw. Es wird jetzt, zumindest nach meiner Stichprobe, die selbstverständlich überhaupt nichts für Sie da draußen beweist, eine ernsthaft häufigere Erkrankung. Man hat das jetzt, man bekommt das jetzt, wobei die Zahlen in den mir bekannten Schulen noch ziemlich gering sind, das ist aber klarerweise schlicht Glück und kann sich verdammt schnell ändern.

Es gibt nicht wenig Menschen, wiederum auch in meinem Umfeld, mich eingeschlossen, die deswegen noch einmal deutlich vorsichtiger werden, die für sich einen Lockdown in welcher exakten Ausprägung auch immer beschließen, Home-Office etc., ganz ohne Staat und Vorgabe, gewissermaßen gemäß persönlicher Freiheit.

Am Sonntagnachmittag war ich auch in der Innenstadt. Es war ein noch mäßig warmer, eher grauer Sonntagnachmittag, Regen drohte vehement, schwarze Wolkengebirge über der Stadt, in ungeheuerliche Größe bauschten die sich auf, es war nicht das beste Spaziergangswetter, wirklich nicht. Und die Stadt war, pardon, bummsvoll. Menschenmassen schoben sich eng an eng an geschlossenen Weihnachtsmärkten und teils unbeleuchteten Schaufenstern vorbei, allgemeines Bedauern war hundertfach zu hören: „Ist ja alles noch zu!“ An einigen Buden und Absperrgittern hingen laminierte Zettel mit 2G- oder 3G-Erklärungen, lange Texte waren das teils, Kleingedrucktes. Ohne Prophet sein zu wollen: Macht man diese Märkte auf, dann ist da Party, und gewiss keine mit viel Abstand zwischen den Menschen.

Über der Spitaler Straße hängen jetzt wieder diese weihnachtlichen Lichtobjekte, die stellen Menschen auf Schlitten und Geschenkkartons und dergleichen dar, Dezembersymbole. Mir ist so, als hätte ich neulich erst mit meiner Freundin V. darüber gelästert, dass diese Figuren da immer noch hingen, wann war denn das, gerade erst war das, im März war das, letzte Woche war das. Jetzt hängt das da also schon wieder und ich schreibe sie an und frage: „Sag, war denn ein Sommer zwischendurch?“ Sie weiß es auch nicht. Egal. Winter is staying.

Die Nachbarn im Haus gegenüber haben Weihnachtdeko aufgehängt, Lichterketten an Balkonbrüstungen und Fensterrahmen, bei einem blinkt sogar alles. Es ist mir unklar, wie man das aushält, wenn vor dem Wohnzimmerfenster alles blinkt. Andere Menschen, das ewige Rätsel. Egal, nichts gegen Deko, bei uns liegt Weihnachten noch im Keller, aber bald schlagen wir auch zu. Ein Nachbar hat, das habe ich noch nie gesehen, drei Blumentöpfe so angebracht, dass sie schräg außen am Balkongeländer hängen, sie sehen wie kleine Abschussrampen aus, die auf den Kirchhof zeigen. Darin stecken kleine, koniferenähnliche Gewächse, weihnachtsbaumförmig und also geschossmäßig gedrillt und licterkettenumwunden. Als könne man diese drei Weihnachtsleuchtkörper jederzeit abfeuern, so sieht das aus. Was würden sie treffen? Ich denke mir die Flugbahn, sie würden wohl in der Wohnung der Pastorin einschlagen, krachend und glitzernd durchs Fenster, vom Himmel hoch, da kommen sie her.

Es dekorieren in dieser Saison auch Nachbarn, die noch nie dekoriert haben, fällt mir auf. Und wie sie das tun, gleich volles Programm vielleicht ist das auch ein Trend. Jetzt aber richtig! Oder sie haben Kinder bekommen, Enkel, dergleichen.

Am frühen Montagmorgen fegen und elektropusten drei Männer von der Stadtreinigung Laub vor unserer Tür zusammen. Es riecht kräftig, erdig und überzeugend waldig, es ist ein Geruch, den man hier in der Stadtmitte gar nicht kennt, und ich bleibe stehen und atme und rieche, denn das ist sehr schön. Und so viel ist nicht schön, in diesen Zeiten.

Riechen ist gut, hinsehen darf man aber auf keinen Fall, sonst nimmt man auch die zahllosen OP-Masken im Laub war, die blauen Tupfen überall im Gelb, man sieht den Müll, das Plastik, die Coffee-to-go-Becher, die Imbissstyroporschalen, die Flaschen und Dosen. Aber den Duft, denke ich, den habe ich. Damit in die Woche starten.

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