Sie fällen alle Tannen

Noch eine eher grauenvolle Woche, meine Güte. Es wird so bleiben, voraussichtlich bis zum 17. Dezember, es ist ebenso self-fullfilling wie unabwendbar. Realismus und so, Sie kennen das. Ich will nicht jammern, wir hatten das alles schon. Na gut, ich will schon, aber ich mache es einfach nicht, da sehen Sie einmal, in welch lichte Höhen die Selbstbeherrschung uns führen kann. Auch ein neuer Lockdown, ich habe das gestern ausführlich mit der Herzdame besprochen, würde an unserem gerade etwas freudlosen Alltag vermutlich nichts ändern, selbst dann nicht, wenn auch noch die Weihnachtsferien der Söhne zwei Wochen früher beginnen würden, wie es der Brinkhaus vorgeschlagen hat. Die Herzdame und ich, wir stecken beide tief in Arbeit und Problemen, und diese Arbeit und auch die Problembewältigung finden als Home- statt, die werden also nicht downgelockt, gewiss nicht. December expects every man to do his duty.

Ich habe ansonsten heute Nacht im Traum die Boosterimpfungen für uns alle organisiert und bin daher einigermaßen gerädert aufgewacht. So weit ist es nämlich schon gekommen, dass man jetzt im Schlaf das machen muss, was andere wach einfach nicht hinreichend geregelt bekommen. Sehr, sehr anstrengend ist das alles. Ich bin mir nicht sicher, ob schon ein Buch mit gesammelten Coronaträumen aus aller Welt oder meinetwegen auch nur aus Deutschland erschienen ist, ich halte es aber für mehr als wahrscheinlich, dass es eines geben wird. Wir werden später darin blättern und ab und zu sagen: „Ach guck, den hatte ich auch.“ Man wird solche Bücher dann hervorragend bei Partys herumreichen können, also wenn es wieder Partys geben wird.

Egal. Erster Advent also, Kerze an und alles, Weihnachtsplaylist, here we go. Ich überlege, was ich von der Stimmung merke. Am frühen Morgen schläft die Familie noch, nur ich bin wach, wie immer um diese Zeit. Im Flur stehen die leeren Kartons, in denen die ganze Weihnachtsdeko war. Auch die Lebkuchenkisten von Schmidt aus Nürnberg. Mein Bruder schickt uns jedes Jahr eine, es ist ein schon recht hoher Traditionsstapel aus buntem Blech. Tannenbaumschmuck und so etwas liegt darin. Vor dem Fernseher, der eh nie an ist, steht ein kleiner Plastikengel zum Aufziehen, der flattert dann im Bedarfsfall mit den Flügeln. Im Bücherregal stehen auch die Krippenfiguren, zu denen sich irgendwann in der Kleinkindzeit eine Hexe gesellt hat, das hinterfragt längst niemand mehr, die gehört jetzt dazu. Ochs und Esel und ein Kamel, warum auch nicht. Die pinkfarbenen Glitzer-Rentiere spielen in diesem Jahr nicht mit, wir sahen sie gestern an und dachten: Nein. Die Zeit ist vorbei.

Ich gehe im Regen, der im Laufe des Tages in Schnee übergehen soll, durch das triste Stadtgrau Brötchen holen. Im Schaufenster der asiatischen Massagesalons tragen die beiden unermüdlichen Winkekatzen jetzt bunte Nikolausmützchen, im Schaufenster des arabischen Friseurs liegt frisches Tannengrün auf rotem Geschenkpapier. Im persischen Shop liegt Kunsthandwerkliches, das sich ideal als Geschenk anbietet, warum nicht einmal ein Schachspiel, Intarsienarbeiten. Die Weihnachtszeit kommt überall hin. Im Schreibwarengeschäft die 22er Kalender, da kann man ab März wieder Termine mit anderen Menschen eintragen, vorher gibt es eh keine. Im Fenster des neu eröffneten französischen Cafés liegt ein Blech mit frischen Madeleines, Vorsicht vor den Erinnerungen.

In der Auslage der esoterischen Buchhandlung sehe ich ein Buch: „Erkenne die Person, die du wirklich bist.“ Ich blicke auf die Person, die sich in diesem Schaufenster spiegelt. Sie ist müde, nass und schlecht gelaunt, sie sieht aus wie ich. Ich winke, sie winkt lustlos zurück. Ich bin nicht sicher, wie mir diese Entdeckung weiterhelfen kann, aber okay: Da war ich.

Musik, wir brauchen hier weihnachtliche Musik, merke ich gerade. Wilhelmine, kennen Sie die? „Die Weihnachtszeit ist bald da, sie fällen alle Tannen …“ Ich mag diese Version.

Vor der Hilfseinrichtung für Straßenkids (glauben Sie bitte nicht, dass es keine Straßenkinder in diesem Land gibt) prügeln sich zwei. Oder auch nicht. Ich bleibe auf der anderen Straßenseite stehen, ich sehe mir das an, was ist das, muss ich jetzt die Polizei holen oder was, dauernd wird man irgendwo zuständig, ich möchte das nicht. Zwei Jugendliche, 15 Jahre vielleicht, rangeln da, sie gehen sich ordentlich an die Wäsche. Der eine schlägt zu, der andere taucht weg, kommt wieder hoch, dann ringen sie. Ich höre Beleidigungen und ich weiß nicht recht, ist das da ernst oder nicht, ich sehe es nicht. Ich höre Musik über Kopfhörer, es dauert immerhin einen halben Song, bis ich sicher bin: Das ist nur Spaß. Die albern da herum. Aber sie sind beide ziemlich stark, sie machen vielleicht auch Kampfsport oder was, da muss man eben länger hingucken, bevor man etwas erkennen kann, und ich fühle mich bestätigt, was natürlich angenehm ist – überall noch länger hinsehen. Sage ich doch. Wichtig ist das.

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Hier kann man etwas über Birken lernen. Warum auch nicht, man kann nicht immer nur etwas über Viren lernen.

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Wir haben Corona.

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Ich mache dauernd aus Versehen die Vorlesefunktion in Word an. Irgendein Shortcut, den ich bewusst gar nicht kenne, den meine Finger aber regelmäßig irrtümlich reproduzieren und los geht es, eine Roboterstimme liest mir vor, was ich selbst geschrieben habe, das ist überaus befremdlich. So auch eben gerade, da wurde es wieder weihnachtlich, denn Sie sehen ja, was hier als Nächstes kommt, die Stimme las es laut: „Sternsternstern.“ Bitte sehr, so geht Deko im Geiste heutzutage.

Ich wünsche Ihnen einen schönen ersten Advent. Lesen Sie mal wieder irgendwem etwas vor, ich habe in dieser Woche noch einmal gemerkt, dass das hilft. Ich lese drei Personen aus drei Büchern vor, das ist billig, spontan zu regeln, familiär und kuschelig. Es hilft, zwischendurch an etwas anderes zu denken. Es lockt manchmal sogar große Kinder von Bildschirmen weg und Erwachsene von steinblöden To-Dos. Vorlesen ist super und geht auch zwischendurch. Na, nur ein Tipp am Rande.

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2 Kommentare

  1. Was für eine Erleichterung zu lesen, nicht alleine von sonderbaren Corona-Träumen heimgesucht zu werden.
    Ich war kürzlich nachts im Traum (im wirklichen Leben hatte ich den Besuch gerade gecancelt) mit dem Zug nach Bremerhaven unterwegs. Neben meinem Sitz stand ein Kontrolleur, der Fahrkarten und Impfzertifikat kontrolliert hat. Obwohl ich alles vorweisen konnte, bestand er darauf, dass ich die Bahn am nächsten Halt verlassen müsste. Grund: meine Klamotten im Koffer, Schuhe, T-Shirts und was man so dabei hat für einen Wochenend-Trip, waren nicht geimpft. – Ja, wirklich – soweit ist das schon…

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