Der große Dezember zeigt seine leeren Hände

Das ist nicht von mir, was da in der Überschrift steht, das ist eine Zeile aus dem neuen Weihnachtslied von Erdmöbel.

Der große Dezember also. Haben Sie die oder den Adventskalender, die Nikolaussüßigkeiten, die Weihnachtsgeschenke, die Kerzen, die Deko, die Backzutaten, die Rezepte, die Menüplanung, sind Sie vorbereitet auf dies und alles, auch auf den Lockdown, den Shutdown, auf alle denkbaren Varianten davon, haben Sie Vorräte von allem, haben Sie die Ferienplanung parat und haben Sie auch den Plan B und C für alle Möglichkeiten und pandemischen Specials? Anna Aridzanjan war es, so glaube ich zumindest, die auf Twitter den Begriff „Sorganisation“ eingeführt hat, den merkt man sich doch gerne.

Wir fragen die Söhne, wenn sie aus der Schule kommen, wie viele Tests heute positiv waren, so gewinnen die Tage etwas an Spannung. Die Luftfilter für ihre Klassenräume, die in Hamburg bis zu den Herbstferien so sicher geliefert werden sollten, sie kommen jetzt demnächst wirklich. Vielleicht.

Es ist übrigens so, dass die Herzdame und ich durchgehend Home-Office machen – wegen dieser Pandemie. Aus Sicherheitsgründen, Kontaktreduzierung und so, Sie kennen das. Die Söhne dagegen gehen jeden Tag in die Schule, in rappelvolle Räume, und wissen Sie was? Die merken das. Kinder können denken, es überrascht manche Erwachsenen immer wieder. Ich halte es für vollkommen ausgeschlossen, dass diese Generation irgendwann auf diese Zeit zurückblickt und mit dem dann damaligen Verhalten der Erwachsenen zufrieden sein wird. Vielleicht erkennen sie rückblickend die Bemühungen ihrer Eltern und natürlich auch so mancher Lehrerinnen und Lehrer an, aber in der Gesamtheit – sie werden es uns übelnehmen, sie werden sich betrogen und veralbert fühlen. Alles andere würde ich für ein Wunder halten.

Egal. Im Discounter, ich habe das eben gerade gesehen, liegt jetzt schon das Zeug für Silvester in den Regalen. Knallbonbons und dergleichen, die sind da wieder ganz weit vorne, die Spitze der Bewegung durch den Kalender sind sie, gleich liefern sie auch die Ostereier, ab geht die Post. Ich fühle mich zeitlich dezent überfordert, aber wer fühlt sich nicht so.

Der große Dezember, das ist an sich eine schöne Idee, ich würde ihr auch gerne folgen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob und wie ich dem Monat Größe geben kann. Da mal drüber nachdenken! Wobei es mir schon hilft, etwas zu schreiben, merke ich gerade. Wenn ich schreibe, bekomme ich immerhin eine Weile die Nachrichten nicht mit, jetzt schon ganze zwanzig Minuten lang nicht, das ist seelisch unbedingt zu empfehlen. Mittlerweile machen die News mich nämlich auf eine Art wütend und ratlos … ach, es fallen einem gar keine Beschreibungen mehr ein.

Noch ein paar Links.

It’s my blog and I cry if I want to

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Wir halbieren Kontakte

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Über erzählende Affen. Das klingt doch interessant.

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Es steht außerdem eine Dankespostkarte aus, falls Sie darauf warten, pardon, hier geht gerade alles nach, es tut mir leid. Kommt noch! Danke für die Sendungen schon einmal!

Und falls Sie auf Spotify sind oder anderweitig Hörbücher hören, vielleicht diese gar löblicherweise kaufen, ich habe gerade „Wenn das Wasser kommt“ gehört, ein Essay von Rutger Bregman (mit Susanne Götze), übersetzt von Ulrich Faure. Es geht um den steigenden Meeresspiegel und um Johan van Veen, alias Dr. Cassandra, den Sie vermutlich nicht kennen, aber vielleicht kennen sollten. Wenn man will, kann man einige der im Text geschilderten Aspekte des Verhaltens der Menschen bei Katastrophen zwanglos auf eine gewisse Pandemie übertragen. Passt schon. Passt sogar sehr gut.

Und weil man gewisse Scherze ganz unabsichtlich macht, habe ich das Buch, ohne mir etwas dabei zu denken, gestern in der Badewanne gehört. Das Wasser stieg und stieg, während ich darin tatenlos herumlag, und ich brauchte wirklich bemerkenswert lange, bis es mir auffiel, was ich da veranstaltete, ein kleines Hörbuch-Happening nämlich, mit allerdings eher schlichter Symbolik.

Apropos. Sollten Sie gerade eine Tschechow-Ausgabe zur Hand haben, lesen Sie doch mal die Geschichte „Der Mensch im Futteral“ nach. Erstens hat die Story eine großartige Pointe, zweitens denkt man beim Lesen unweigerlich an Menschen, die Masken tragen, Kopfhörer in den Ohren haben, Mützen darüber …  es passt höchst eigenartig.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

2 Kommentare

  1. Lieber Herr Buddenbohm, das war ganz erstaunlich gestern, ich blättere den „anderen Advent“ um und beginne zu lesen – wie immer lese ich die Texte erst und schaue danach, wer sie geschrieben hat. Und genau im dritten Satz – es war bei „das Wetter war so überhaupt nicht einladend“ wusste ich plötzlich, wer den Text geschrieben hat. Ein Blick in die rechte untere Ecke bestätigte den Verdacht.
    So gut kenn ich Ihre Schreibe nun also schon, als meist stumme Mitleserin seit einigen Jahren. Danke dafür und viele Grüße in den Advent

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