Ich wollte nie ein Weekly sein

Die Überschrift zu dieser Melodie von dem Maffay-Song zu singen, Sie wissen schon. Ich mache Ihnen aber doch lieber einen anderen Begleitsong an, Moment, hier ist er: „Nothing good can come from that.“ Das denkt man ohnehin öfter im Moment.

Es wäre viel besser für mich, käme ich öfter zum Schreiben. Das liegt daran, glaube ich, dass ich im Schreiben wohne. Wenn ich schreibe, weiß ich, was ich denke, wenn ich nicht schreibe, wölkt das nur so vor sich hin und wird allzu oft kein greifbares Gebilde. Ungefilterte Rückstände überall im Hirn, im Grunde eine einzige Schweinerei. Ich bin leider nicht gut im Denken, wenn die Hände nicht mitmachen können. Ich schreibe etwas auf, ich denke: Ach guck, so ist das. Vielleicht ist es auch schlimmer, ziehe ich gerade in Erwägung, vielleicht gilt das gar nicht nur für das Denken, sondern auch für das Fühlen (vor der Konjunktion sondern kommt immer ein Komma, nicht wahr, ich lerne so dermaßen oft und viel mit den Söhnen, ich werde mich eines Nachts in einen ungeheuren Oberstudienrat verwandeln oder es ist längst schon geschehen, was weiß ich). Ist Ihnen übrigens klar, dass die Schulkinder nach wie vor einen erheblich erschwerten Alltag haben, den Erwachsene im Großraumbüro ernsthaft keinen einzigen Achtstunden-Tag mitmachen würden, es aber im Gegenzug nicht die geringste Erleichterung im Lehrplan gibt? Stellvertreterwut, so etwas habe ich früher auch nicht gehabt. Aber das nur am Rande.

Egal. Die Woche. Konzentration. Das Wetter war schlecht, glaube ich. Wenn ich draußen war, dann meist mit Kapuze auf und diesem für Brillenträger typischen Blick zum Boden, dass einem bloß keine Tropfen auf die Gläser fallen. Natürlich wenig mitbekommen auf diese Art, graue Gehwegplatten, viele davon. Manchmal verblasste städtische Maskenhinweispiktogramme in Gelb darauf. Oder auch Reste aufgeklebter Markierungen vor Läden und Einrichtungen, die einmal 1,5-Meter Abstandszonen markiert haben, Fetzen nur noch davon, man sieht gerade noch, wie es gewesen ist. Oder wie es wieder wird.

Was ich sonst noch sah, sah aus wie immer. Weihnachtsmenüzutaten im Discounter, alles auf edel und festlich gemacht, Gänsebratensoße aus dem Tetrapack. Reduzierte Adventskalender, alles muss raus. Auf einmal auch wieder Wild in der Tiefkühltruhe. Steckrüben, Pastinaken und Grünkohl in den Gemüseregalen. Auf allen Kochzeitschriften Plätzchenbilder. Draußen dann wieder Regen, Schneeregen, Schnee, dieser nur ganz kurz. Keine Änderung im Stadtbild, in den Schaufenstern. Alles ist wie in der letzten Woche. Abgesehen von dem einen Tag, an dem ich zweimal draußen war und zweimal direkt um die Ecke eine Prügelei gesehen habe, echte Schlägereien in diesem Fall, eine auch polizeipflichtig. Dann dachte ich, ein drittes Mal gehe ich heute nicht mehr raus, lieber mal drinnen bleiben. Was ist denn mit den Leuten los?

Ich kaufe ein Kissen Grünkohl, es hat schon gefroren ich darf das. Ich versuche ein Rezept für Grünkohl mit Mettenden und Kartoffeln aus dem Ofen. Der Grünkohl verbrennt und die Kartoffeln werden nicht gar, die Mettenden platzen unschön auf. Ich stehe kopfschüttelnd vor dem Blech mit dem Ergebnis, es ist ein einziges Desaster, lange habe ich nicht mehr so in der Küche versagt. Ein Sohn kommt frierend aus der kalten Schule und sagt: „Das riecht aber mal sehr gut heute!“ Dann isst er begeistert fast alles auf. Vielleicht doch mehr Experimente beim Essen wagen.

Ein Paketzusteller klingelt, kommt aus dem Fahrstuhl und fragt: „Bist du du?“ Ich sage „Jo“ und bekomme mein Paket. Darin ist eine Weste zu einem Anzug, die Herzdame fragt, wieso Weste, wieso Anzug, willst du irgendwohin oder was. Ich sage, mir war eben danach. Ich brauche auch mal Trost-Shopping, andere machen das dauernd, und ich kaufe doch sonst nie was, ich werde ja wohl mal dürfen. Die Herzdame hat wieder diesen Betreuerinnenblick.

Ich lese Sohn II am Abend aus Manfred Kyber vor. Der Herr ist hier aufgrund meiner Kindheitserinnerungen so ein traditionelles Familiending und übrigens der Grund, warum ich heute noch dauernd mit Tieren rede. Es geht da gerade um eine Märchenfigur, um einen winzigen Elf, und im Text steht: „Er war so klein, dass es nicht lohnt, zu erwähnen, wie klein er war.“ Dann reden wir lange über diesen Satz, den wir beide seltsam gut finden, wir wenden ihn um und untersuchen die Wirkung und den Witz, es ist im Grunde wie in der Schule, nur aus echtem Interesse. Wir wollen ihn uns merken, den Satz, und bei Gelegenheit irgendwohin übertragen.

Ich lese Sohn I aus einem amerikanischen Fantasyroman vor, der ist so platt und vorhersehbar, dass wir uns gegenseitig vor jedem Kapitel aufsagen, was wohl passieren wird, und wir liegen nie falsch. Das kann man auch beruhigend finden. Die beiden Hauptfiguren verlieben sich, natürlich tun sie das. Und prompt. So ist das nun einmal. Weltliteratur ähnlich, wie wir alle wissen. Wie das Buch wohl ausgehen wird? Wir haben da einen todsicheren Tipp, aber wir lesen es dennoch bis zum Ende.

Ich lese der Herzdame aus Wolfdietrich Schnurre vor, eine Vater-Sohn-Weihnachtsgeschichte aus dem Berlin in der Wirtschaftskrisenzeit. Schnurre hat viele Geschichten mit hervorragender Vorleselänge geschrieben. Die Länge kommt mir seltsam bekannt vor, es ist diese Länge, die heute auch Bloggeschichten oft haben. Zehn Minuten Lesezeit oder weniger, wissen Sie noch, Lesungen? Hat man früher gemacht. Wie die Schnurre-Geschichten damals in der Jugend mein Berlinbild geprägt haben, es fällt mir beim Wiederlesen auf. Vater und Sohn verlassen da ihre eiskalte Wohnung und wärmen sich im großen Museum für eine Stunde an der Heizung unterm Dinosaurierskelett. Die Herzdame und ich denken daran, dass wir da mal waren, bei diesem Skelett, mit den Söhnen. Damals, als man noch herumreiste. Es ist auch schon eine Weile her.

Noch ein Lied, fröhlicher wird es heute nicht.

Ich lasse mir Hörbücher vom Streamingdienst vorlesen. Zuerst noch etwas Stifter, bis mir der biedermeierliche Anteil in seinem Werk doch etwas zu viel wird. Diese -eins am Ende der Wörter machen mich auf Dauer irre. Da tragen die Knäblein und Mägdlein immerzu weiße Höslein, und auf den Tischlein in den Stüblein liegen Messerlein neben den Milchtöpflein. Ich höre es und schüttele mich, da kommt das Herzdämlein herein und bringt mir ein dampfendes Kaffeebecherlein, wobei sie aber nicht spricht, sondern nur lieblich lächelt, den nachdenkenden guten Familienvater nicht zu stören – nein, das geht manchmal einfach nicht. Man möchte aufstehen und umgehend eine Punkband gründen. Man möchte sie „Asbest und Hässlichkeit“ nennen und fortgeschritten verdorbene Texte schreiben.

Stifterpause also. Moment, was sagt er da noch, der Adalbert, das nehme ich eben noch mit: „Untergehenden Völkern schwindet zuerst das Maß.“ Oder wie man heute sagen würde: Wir sind einfach todeslost. Gleich den alten Tweet von dem FDP-Chef wieder in der Erinnerung: „Ich möchte nicht verzichten.“ Was hat der mich damals aufgeregt, der Satz, es ist auch schon wieder zwei Jahre her oder so. Ein Niveau wie ein Kita-Kind, unerträglich.

Ich brauche zwischendurch einigermaßen dringend etwas Modernes, ich höre Wolfgang Herrndorf, Stimmen. Ein Zitat auch daraus: „Ich hatte Angst. Natürlich gefiel mir das auch, wann hat man schon einmal Angst.“

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Hatte ich nicht neulich diesen Tee bestellt? Via Simone Buchholz auf Twitter.

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4 Kommentare

  1. Zu dem verbrannten Grünkohl fällt mir eine Witz ein:
    Die junge Ehefrau macht ihrem Mann den geliebten Grünkohl. Er lobt ihn, meint aber:“So gut wie bei meiner Mutter schmeckt er nicht ganz“. Das wiederholt sich jahrelang. Eines Tages geschieht ein Missgeschick. Der Grünkohl brennt an. Da aber nichts anderes da ist, serviert sie ihn mit bangem Gesichtsausdruck. Er probiert. Ein Strahlen geht über sein Gesicht: „Ja, jetzt schmeckt er das erst Mal so wie bei meiner Mutter!“

  2. Vielleicht kann man bei der Gelegenheit „Ihr Kommentar wartet auf Modertaion.“ das „Modertaion“ gleich mit abändern…

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