So geht es zu da draußen

Vielleicht ist dort, wo Sie wohnen, gar keine Stadt, vielleicht nur ein Städtchen, ein Dorf? Vielleicht möchten Sie wissen, wie das gestern in der Stadt war, wie es in einer großen Stadt war, mit diesen neuen Regeln für die Läden?

Ich habe nachgesehen. Die Innenstadt ist hier um die Ecke, das ist mein tägliches Spaziergangsrevier. Die Fußgängerzonen mit den Geschäften der großen Ketten, diese Gegend also, in der sämtliche Einkaufstouristen unweigerlich landen. Es ist im Moment auch die Gegend, die ein fast durchgehender Weihnachtsmarkt ist. Die Weihnachtsmärkte habe ich mir ebenfalls und gründlich angesehen, aber darüber schreibe ich an anderer Stelle, ich verlinke in Kürze.

Die Läden also. Ich gehe zunächst durchs kleine Bahnhofsviertel und gucke dort nach. In der Tür des Geschenkeladens steht einer und ist, ich möchte diese beiden Begriffe am liebsten unterstreichen, nachdrücklich freundlich. Er sagt den Kundinnen, dass sie selbstverständlich reinkommen können, dass das gar kein Problem sei, da Handy, hier Scanner, dort Ausweis, zack, fertig, war das jetzt schwierig oder was, nein, das war es wirklich nicht. Ich sehe zu. Es gibt Kundinnen, Kunden sind mitgemeint, die steigen auf diesen Tonfall ein, die reden auch so nachdrücklich freundlich, es ist ein wenig wie in einem Sketch, alle Dialoge gescriptet, alle aufgesagt: „Guten Tag, wir möchten gerne rein! Hier, das Zertifikat, hier, der Ausweis! Das ist aber schön, wie das klappt!“

Der Laden ist nicht leer, er ist auch nicht voll. Er ist vielleicht exakt so voll, wie er jetzt sein darf. Andere Läden haben allerdings gar nicht erst aufgemacht, ist das ein Zufall, hat da jemand einfach keinen Bock mehr, ich weiß es nicht. Vielleicht sortieren sie dort auch noch die Maßnahmen durch und öffnen heute später, das mag sein. Menschen stehen unschlüssig vor den Türen von Reinigungen und Handwerksbetrieben, darf man da jetzt einfach rein oder wie, ist das Handel, wie war das denn jetzt, also was nun. Sind Blumen Grundbedarf? Auch egal eigentlich, wir sind ja geimpft. Man hält das Handy mit dem Zertifikat hoch, immer mutig voran.

Die Restaurants, Kneipen und Cafés sind, ich prüfe das mehrfach am Tag, definitiv leerer als sonst. Sie sind nicht gerade trostlos leer, aber doch immerhin so leer, dass man überall mit Sicherheit noch einen Platz bekommt. Das ist ein Zustand, den es in diesem gerne Szeneviertel genannten Stadtteil sonst nicht gibt. Es gibt eher das Gegenteil, also die Gewissheit, nirgendwo einen Platz zu bekommen. Die letzten Wochen war das noch so, es ist jetzt wieder gekippt.

An einem italienischen Restaurant hängt ein Hinweiszettelrekord im Fenster, mittlerweile acht Regelblätter kleben da an der Scheibe. Maskenregeln, Abstandsregeln, G2, Sonderöffnungszeiten, was weiß ich alles. Teils ist das gar nicht mal so groß gedruckt. Ganz unten auf einem Blatt mit viel erklärendem Text steht: „Die Regeln für Kinder und Jugendliche können je nach Bundesland abweichen.“ Als ob eine Bundeslandgrenze durch den Laden gehen würde. Was gilt wo, es weiß ohnehin niemand mehr zuverlässig. Es gibt jetzt Apps dafür.

Vor dem asiatischen Massagesalon stehen zwei männliche Jugendliche und stellen sich ganz andere Fragen, nämlich ob es da drinnen nun um sexuelle Dienstleistungen geht oder doch nur um blöde Massagen. Sie diskutieren hin und her: „Alter, das sieht man doch!“ „Digger, was siehst du, ich seh da überhaupt nix.“ Klischeemäßig verpickelte Gesichter vor einer Grafik mit Fußreflexzonen und einer Winkekatze.

Ich gehe in die Innenstadt. Skandinavien hat Ausgang, die Stadt ist voller Touristen aus dem Norden. Es werden viele Fotos gemacht, man hört enorm viel Fremdsprachliches, ich kann die Sprachen nicht immer sicher unterscheiden. Mehrheitlich ist es Schwedisch, glaube ich. In den ruhigeren Nebenstraßen stehen überall Menschen mit aufgeschlagenen Reiseführern und geöffneten Karten-Apps auf den Handys, die suchen den Weg zurück ins Gewimmel, zu den Attraktionen, zum Rathaus, zum Hafen, zur Alster. Aus einem Imbiss kommt laute Reggae-Musik, ein Familienvater macht übermütig alberne Tanzschritte vor der Tür dazu. Seine pubertierende Tochter pfeift ihn an, er möge bitte nicht so entsetzlich peinlich sein, und ich verstehe ihren gezischten Satz, obwohl ich ihn mangels Sprachkenntnis gar nicht verstehen kann. Parents international.

Vor den Geschäften gibt es Schlangen, natürlich gibt es jetzt Schlangen. Lange Schlangen auch, besonders vor der Mode, und ganz besonders vor der jungen Mode. Es ist unspektakulär schnell erklärt, fast alle Menschen in den Schlangen tragen Masken, warten brav und rücken nach und nach vor. Dann die Kontrolle, die bei allen Läden, die ich gesehen habe, geradezu unhamburgisch freundlich abläuft. Die Läden sind jetzt nicht mehr brechend voll, aber immer noch gut voll, die meisten Läden jedenfalls. Die Straßen allerdings sind unverändert rappelvoll, alles geht und steht dicht an dicht. Massen, Völkerscharen, das Umland ist sicher auch komplett angetreten. Möchte man das konsumfreundlich sehen, so kann man den Leuten wirklich nicht vorwerfen, sie würden ihr Geld nicht ausgeben wollen. Und wie die wollen.

Aus einem Bekleidungshaus kommt ein Paar mit großen Papiertüten, der Türsteher vom Sicherheitsdienst sagt, und auch das klingt wie ein Satz aus einem falschen Drehbuch: „Kommen Sie doch bei Gelegenheit gerne einmal wieder vorbei.“ Ein Satz, der in eine Boutique passt, aber hier? Es ist alles etwas seltsam, aber auch alles ziemlich nett. Jedenfalls das, was ich sehe und höre, es bleibt selbstverständlich eine ungenügende Zufallsstichprobe.

Ich sehe keinen Protest, ich höre keine bösen Sätze. Später lese ich staunend, dass ich eigentlich durch eine Querdenker-Demo gelaufen sein müsste, durch eine ziemlich große Demo sogar. Ich habe sie nicht gesehen. Entweder stimmten die Zeitangaben auf der Nachrichtenseite oder die auf meinem Handy nicht, vielleicht bin ich auch durch einen aberwitzigen Zufall unachtsam durch eine große Lücke der Demo gegangen, ich weiß es wahrhaftig nicht. Ich habe nichts gesehen, ich habe nichts gehört. Für meine Rolle als Beobachter und Chronist ist das wiederum erhellend, eine Verschiebung von zehn Minuten und ein paar Metern wäre wohl nur nötig gewesen, und Sie hätten hier keinen Bericht über Freundlichkeiten an Geschäftseingängen gelesen, sondern Beunruhigendes über verschwurbelte Aufrührer. So kann es gehen, so wechselhaft ist das Stadtbild.

Einen Mann nur habe ich gesehen, der stand mit einer Fahne vor der Kunsthalle. Was auf der Fahne stand, konnte ich nicht lesen, es war zu viel Text, die Symbole kannte ich auch nicht. Der Mann sah bedröppelt aus und guckte unglücklich, ich dachte, der sei da allein und der Protest sei wohl eher in sich zusammengefallen, er hier der ratlose Rest. Das war falsch, aber so sah es in dem Moment aus.

Es ist schon eine Weile her, da berichteten Medien über Unruhen in einer Stadt, in den USA war es, glaube ich. Die Timelines waren voll mit Videos von Demos, Rauch und Action, etliche beunruhigende Bilder der Gewalt. Und ein Journalist, dem ich auf Twitter folge, schrieb aus seinem Büro mitten in dieser Stadt: „Also hier ist nichts.“ Beides war sicherlich richtig. So geht es nun einmal zu da draußen.

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6 Kommentare

  1. Auch in der Münchner Fußgängerzone gestern Schlangen vor allem an Modeläden für junge Menschen. Doch sind nicht junge Menschen(TM) die online-affinen? Oder sind sie noch mehr diejenigen, die ganz oft neue Kleidung brauchenwollen?

  2. Oh – das könnte sein.
    Außerdem, finde ich, könnten wir einander bei Gelegenheit (hahaha) Bahnhofsviertel und Fußgängerzonen HAM/MUC zeigen, aus anwohnender Innensicht.
    (Zum Münchner Bahnhofsviertel gehört zum Beispiel die höchste Tanzschuldichte Deutschlands.)

  3. Meine erste Schwedischlehrerin, damals in Braunschweig, erzählte, daß man in Schweden Bustouren zu deutschen Weihnachtsmärkten buchen kann. Man steigt ein, fährt dann die Nacht durch und den halben Tag, ist gegen Mittag auf dem Markt, und fährt am Abend (bzw. die Nacht durch) wieder zurück. Das südlichste, was angefahren wird, ist wohl Braunschweig. Das ist mit Burg und Dom natürlich malerischer als Hamburg – dafür aber noch mal ein paar Stunden weiter.

  4. Wüsste ich nicht, dass ich es nicht war, wäre ich mir sicher, dass ich der albern tanzende Familienvater war.

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