Runter zum Fluss

Der folgende Text enthält einige musikalische Selbstverständlichkeiten der vollkommen erwartbaren Art. Ich finde das gerade richtig so, weil doch immer weniger selbstverständlich ist. 

Die Herzdame kommt von einem Termin nach Hause und sagt, sie habe eine Tageskarte. Sie hält sie mir hin. Die Herzdame sagt, ich könne damit doch mal ein wenig herumfahren. Für Content etwa, denn würde ich doch dauernd brauchen.

Wir haben schon seit Beginn der Pandemie und der Home-Office-Zeit keine Abokarten mehr. Es schien uns ratsam, überall Geld zu sparen, die Kurzarbeit, die wegbrechenden Aufträge – und Abokarten sind in Hamburg nicht gerade billig. Mittlerweile weiß ich nicht, ob ich sie jemals wieder bestellen werde. ich habe den Verdacht, es wird preislich nicht mehr hinkommen. Wenn ich viel mit dem Rad fahre, zu Fuß gehe und dazu ein paar Einzelkarten kaufe, wird es wohl auf Dauer günstiger sein, denn ich werde auch künftig viel Home-Office machen. Aber manchmal fehlt mir doch das Gefühl, jederzeit und überall in Busse und Bahnen einsteigen zu können. Ich möchte nicht zu hoch greifen, aber auf eine etwas banale Art war das damals auch ein Stück Freiheit. Und so eine gewisse urbane Selbstverständlichkeit – manchmal fehlt sie mir.

Ich nehme die Tageskarte, ich ziehe mir eine Jacke an, ich gehe zum Hauptbahnhof. Ein Ziel habe ich nicht, ich habe nicht einmal darüber nachgedacht, wo ich hinmöchte, ich war zu sehr mit dem Gedanken beschäftigt, wie wenig ich herumkomme in diesen pandemischen Zeiten, wie wenig ich sehe. Ab und zu fällt es mir auf, auch wenn es mich im Alltag kaum stört, zumindest nicht bewusst. Jetzt aber könnte ich überall hin.

An der Straßenecke vor dem Bahnhof stehen Vatermutterkind und sehen sich um. Es ist eine Dreiergrupppe, bei der ich sofort weiß und auch jeden Betrag darauf wetten würde, dass es Touristen sind. Aber woran erkenne ich das eigentlich? Es sind doch nur Vatermutterkind, die könnten hier um die Ecke wohnen, was weiß ich denn? Und doch, und doch, man sieht es. Es gibt eine gewisse Art, an Ecken herumzustehen, die haben nur Touristen. Vielleicht liegt es daran, dass sie alles so interessiert ansehen, was Einheimische längst nicht mehr wahrnehmen, die Fassaden, die Bäckereien, die U-Bahn-Eingänge. Vielleicht liegt es daran, dass sie alle drei ihre Jacken so ordentlich zugemacht haben, weil sie sich im Hotelzimmer sorgsam auf diesen Spaziergang vorbereitet und sich entsprechend dafür ausgerüstet haben, während Einheimische einfach nur kurz rausgehen – es muss etwas in dieser Art sein. Überall auf der Welt sind wir als Touristen zu erkennen, auf einen Blick. Man steht und ist fremd und jeder weiß es.

Es sind also Touristen in der Stadt, weil gerade erst die Feiertage waren, weil in Bayern noch ein weiterer Feiertag kommt, weil da und auch sonst wo in dieser Woche noch Ferien sind. Nicht übermäßig viele Touristen sind es, aber doch so viele, dass sie um den Bahnhof herum auffallen.

Es war tagelang viel zu warm in der Stadt, laues Pulloverwetter war es mitten im Winter, jetzt aber wird es wieder passend, genau jetzt, in dieser Stunde. Ein halbstarker Wind rüpelt auf einmal durch die Straßen, am Himmel rollt einiges von großem Kaliber heran und der Wetterbericht meldet alles gleichzeitig, Sturm, Regen, Graupel, Schnee, Frost. Es wird gerade dunkel, zum einen wegen der Tageszeit, zum anderen wegen der tiefdunkelgrauen Gebirgsgebilde am Himmel.

Ich steige in die S-Bahn, ich fahre runter zum Fluss, runter zum Hafen, ich denke: In Städten mit Häfen haben die Menschen noch Hoffnung. Bernd Begemann war das. Ich denke dauernd in Liedtexten und Zitaten, womöglich ist das ein Ergebnis meiner Siebzigerschlagerkindheit, es war gar nicht alles schlecht. Es gab schon Situationen, da hat sogar ein Howard-Carpendale-Refrain zum Leben gepasst. „Fremde oder Freunde, wie wird alles sein …“ Aber ich schweife ab.

Die S-Bahn ist viel voller als ich dachte. Ach guck, die machen gar nicht alle im Home-Office. Oder die arbeiten alle im Handel, in der Pflege, im Zoo, in den Schulen, das wird es sein. Die müssen alle fahren, natürlich. Home-Office ist auch ein Privileg, das besser nicht vergessen. Ich springe, Sie wissen natürlich, was jetzt kommt, an den Landungsbrücken raus, und es ist nach all den Jahren, nach ziemlich viel Leben und Geschichten und Erfahrungen immer noch ein Moment, in dem ich verlässlich denke, dass es doch ganz cool ist, in dieser Stadt zu leben. Und es ist immer noch ein gutes Lied.

Ich fahre die Rolltreppe hoch, ich gehe zum Ausgang. Ich mache, was alle machen, was soll man auch sonst machen. Ich bleibe also wie der Rest der Menge abrupt dort stehen, wo sich die Station zur Elbe hin öffnet, wo man die Lichter des Hafens schon sehen kann, den Turm der Landungsbrücken, die Fischbrötchenbuden. Ich bleibe stehen, weil es beeindruckend schüttet. Norddeutsche Hafenromantik gut und schön, aber wir wollen nicht übertreiben, denke ich, und das denken auch alle Touristen. Wir stehen und gucken so in den Regen und in den Abend. Drüben die Bauten für die Musicals, die sind beleuchtet. Spielen die eigentlich? Eine Frau tritt neben mich und fragt mich im exakt gleichen Wortlaut das, was sich gerade denke: Spielen die eigentlich? Ein Grüppchen weiter fragt ein Teenager seine Eltern: Spielen die eigentlich? Wir sind hier alle in sync. Aber keine Ahnung, was mit diesen Musicals ist. Ich passe längst nicht mehr auf, was alles gerade geht und was nicht. Ich mache doch meistens eh nichts und die Regeln ändern sich dauernd.

Der Regen wird weniger, ich gehe los, wir gehen los. Die Treppen runter, unten stehen wie immer die Ausrufer: „Hafenrundfahrt!“ Die verstehen etwas von Marketing, denn sie rufen auch das, was wirklich zählt, wenn man sich ansieht, wie sich die Touristen in den Böen und Schauern in ihre Jacken verkriechen, wie sie in den Taschen nach Mützen und Handschuhen graben: „Alle Schiffe sind beheizt!“ Es ist mittlerweile nachtdunkel geworden und eine Frau fragt in schöner Arglosigkeit einen dieser Ausrufer mit Erstaunen in der Stimme: „Jetzt fahren noch Schiffe!?“ Der Mann bejaht lachend. Die Frau fragt, wo die denn hinfahren, die Schiffe. Der Mann erklärt, dass die durch den Hafen fahren, weil nämlich: Hafenrundfahrt. Er betont das Wort dabei theatertauglich gründlich und amüsiert sich. Die Frau sagt: „Ach so, nur im Kreis herum.“ Der Mann sagt mit ausholender Geste, die den ganzen Hafen umfasst, von der Elbphilharmonie bis hin zu Blohm & Voss: „Also das ist ja nun nicht irgendein Kreis, Madame!“ Sie berät sich mit ihrer Gruppe, will man da jetzt mitfahren? So im Kreis?

„Guck mal, die Kräne“, sagt ein Vater zu seinem Kind, das nicht mehr ganz so klein ist. Er zeigt zum anderen Ufer und das Kind sagt desinteressiert: „Ja. Kräne eben.“

Ich denke: „Die gewaltigen Tiere mit metallenen Krallen,

mit Neonlicht-Augen, und die Container, die fallen

unter grandiosem Gepolter in den hungrigen Bauch

eines uralten Frachters – und sein Herz, es poltert auch.“

Gisbert zu Knyphausen war das. Es ist ein Sommerlied, aber diese Stelle ist schön und passt immer, wenn man die Kräne sieht.

Ein anderer Vater nimmt sein noch kleines Kind und tut so, als wolle er es in die Elbe werfen, das ist ein Spaß. Aber die Elbe wellt so schwarz und ist dabei so seltsam weiß und wild krakelig liniert, ein Hafenfährenmotor brüllt gerade so unangenehm nah und laut auf, das Kind findet den Spaß überhaupt nicht witzig und schreit wie am Spieß, die Mutter schimpft.

Ein Bild, das sich wiederholt: Vatermutterkind stehen und beraten. Ob sie da nun mitfahren und mit welchem Schiff und wann. Ich höre das im Vorbeigehen, es geht um die Strecken, um die Preise, die Inzidenzen, die Dauer der Fahrt, G2, wie geht das hier eigentlich, die Uhrzeit, und sie müssten ja auch mal was essen. Aber keine Hafenrundfahrt ist auch keine Option. Oder doch? Sie stehen und reden.

Ein Paar steht vor dem blau beleuchteten Schaufelraddampfer und überlegt. Mir wird bestimmt schlecht, sagt sie, da sind doch Wellen, und sie zeigt auf die Elbe, in der es gerade etwas mehr schwappt, weil ein Frachter vorbeifuhr. „Wird dir auch schlecht, über die Reling halte ich dich gerne.“ Das darf auch nicht fehlen.

Ich setze mir Kopfhörer auf und höre Vier Stunden vor Elbe 1 laut und sehe dabei elbabwärts. Das habe ich noch nie gemacht, aber das war dermaßen gut, vielleicht mache ich das bald wieder. Runter zum Fluss, runter zum Hafen, und dort die richtigen Lieder hören, die alten Lieder, die guten Lieder. Wie schön ist das Wort Schleusenbekanntschaft. Wie gut ist der Anfang des Songs, wenn man dabei im Wind steht und dahin sieht, wo nach ein wenig Fahrt die Nordsee liegt, Helgoland. Das waren noch Zeiten, als wir da einfach hingefahren sind.

Die Touristen machen dauernd Fotos, obwohl es doch längst dunkel ist. Sie fotografieren Hafenlichter, ich nehme an, dass die in den Reiseführern stehen. Ich kenne keine Reiseführer über Hamburg, aber es wird dort vielleicht empfohlen. Abends in den Hafen, die Lichter, die Lichter, sehen Sie sich die Lichter an. Und sie sind auch schön. Da vorne die Rickmer Rickmers, der alte Dreimaster. Ein blasses und sehr schmales Stück Mond hängt in der Takelage zwischen jagenden Wolkenfetzen, also wenn das kein Motiv ist? Das könnte auch ein Buchcover sein, Gespenstergeschichten der Weltmeere, ich hatte so ein Buch mal als Kind. Unheimlich war das, ganz schlimm.

Mehr Menschen bleiben stehen und fotografieren den Mond am Mast. Dann gucken sie auf ihre Handys und freuen sich, da haben sie doch etwas. Eine Frau fotografiert die Musicalbauten am anderen Ufer und hält damit ihre Gruppe auf: „Wartet mal, ich mache schnell ein Bild für die Mädels.“ Und dann schickt sie es vermutlich per Whatsapp in Mädels-Gruppen, guck mal, guck mal, ich war da. Nicht drin, aber dran. Sie freut sich über ihr Bild, auch sie hat jetzt was.

In Städten mit Häfen haben die Menschen noch Hoffnung, und sei es nur die auf ein gutes Bild, und warum auch nicht. Eine Frau steht frierend neben ihrem Mann, sie zittert sichtlich und sagt: „Glühwein, ich brauche jetzt Glühwein.“ Ein Hafenrundfahrtausrufer hört das und sagt ihr, wo sie den kriegen kann. Sie bedankt sich und sagt im Weggehen zu ihrem Mann: „Die sind alle so nett hier.“ Das hört man in Hamburg auch nicht jeden Tag.

Menschen steigen von einem Schiff, sie waren auf einer Hafenrundfahrt, es passiert wirklich. Sie sehen auf ihre Handys, ob die Bilder etwas geworden sind, sie nicken. Eine Hafenfähre nach Finkenwerder klappt rumpelnd die Gangway ein, sie fährt gleich ab. Im Saal des unteren Decks sitzen Menschen, die nicht raussehen, die sich nicht umsehen, die nicht einmal aufs Handy sehen. Die fahren nicht rund durch den Hafen, die fahren durch den Hafen nach Hause oder zur Arbeit. Am Kai stehen andere Menschen, halten ihre Handys auf die Fähre und machen Fotos von Menschen, die keine Fotos machen: „Für die ist das normal!“

„Ich verstehe noch nicht, was hier wohin fährt“, sagt eine Frau, die Abfahrtszeiten von Schiffen auf einer Tafel nachliest. „Aber ich“, sagt ihr Mann und sie rollt die Augen.

Vor dem knallroten Feuerschiff, das heute ein Restaurantschiff ist, wird auf einem Plakat in ebenso knallroter Schrift geworben: „Kostenlose Antigentests!“ Dahinter das Gebäude von Gruner & Jahr. Ein Mann zeigt darauf und fragt: „Hier, ist das nicht Dings?“ Sein Freund nickt, ja, das ist Dings.

Es regnet schon wieder, es windet, es ist kalt, es wird immer kälter. Ein großer Mann hat seine viel kleinere Frau oder Freundin unter seinen Mantel genommen, vor mir geht ein merkwürdiger Vierfüßler. Ich höre sie kichern und laut lachen, weil sie den Gleichschritt nicht sofort hinbekommen und dann bleiben sie stehen, sie taucht aus dem Mantel auf und sie küssen sich.

Ich fahre nach Hause, ich gebe der Herzdame die Tageskarte. Ich sage: „Also, wenn du wieder mal eine hast …“

***

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11 Kommentare

  1. Ich war mit der Familie genau in dieser ersten Januarwoche 2018 als Touristin in Hamburg und fühlte mich beim Lesen gerade sehr daran erinnert. Und auch zu uns waren damals tatsächlich alle so freundlich! Ein großartiger, knackekalter Kurzurlaub, und über die Bilder freue ich mich heute noch 😉
    Vielen Dank für diesen Text!

  2. Das war sehr schön, danke fürs Mitnehmen. Ich bin auch nur ein kleines bisschen neidisch, dass Sie nach einer kurzen Fahrt mit der Bahn an den Landungsbrücken stehen können.

  3. Lieber Herr Buddenbohm,
    Herzlichen Dank für diesen Text.
    Obwohl ich selbst in Hamburg wohne, war ich schon ewig nicht mehr an den Landungsbrücken.
    (auf meinem Arbeitsweg fahre ich wenigstens mit der S3 über die Elbe).
    Und die tolle Musik – hach!
    Liebe Grüße aus Barmbek

  4. Vielen Dank für den tollen Text.
    Sven Regener hat es mir voll angetan.
    Lieblingstelle “ ein Tritt dem trotten“
    Liebe Grüße Blanka

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