Zwei, drei Kapitel weiter

Nur ganz kurz. Mir lief am Morgen schon wieder der Begriff „Pandemietreiber“ über den Weg, auf Twitter, auf FB, in den Nachrichten, wo auch immer, es ist auch egal. Natürlich war es eine Negativformulierung, es wird immer nur gesagt oder eher ausgerufen, wer gewiss kein Pandemietreiber sei. Man muss sich dann selbst ableiten, wer es eigentlich ist, wer es sein kann, die üblichen Verdächtigen. Unstrittig haben wir gerade eine Pandemie, die irgendwie getrieben wird, es muss also etwas geben, muss jemanden geben. Ich habe dann, kleine Serviceleistung, einmal gegoogelt, wer oder was alles kein Pandemietreiber ist. Dann haben wir es alle einfacher, wenn man das mal so listet, dachte ich. Ich bin ein großer Freund der Übersicht und der Zusammenfassungen. Es verhält sich also wie folgt:

Der Handel, die Schulen, die Büros, die Clubs, die Gastronomie, die Hotellerie, der Tourismus, das Camping, die Reiserückkehrer, der Urlaub, die Schulen, die Kitas, die Heime, die Fitness-Studios, die Schausteller, die Dichte in den Zügen, die Heilbäder- und Thermen, die Kinder, die Vereine, der Sport, die Fußballspiele, der Karneval, die Kinos, Weihnachten, die Ungeimpften, der Nahverkehr, das Modellprojekt der Stadt Augustusburg und auch ich und wir sind keine Pandemietreiber. Haben Sie das? Man kann das auch auswendig lernen.

Aber der Rest jedenfalls, der ist vielleicht schon ein Pandemietreiber. Da also mal besser aufpassen, da mal Maßnahmen ergreifen.

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Diskontinuität und Konsensfiktion. Nützliche Begriffe! Zur Diskontinuität vielleicht noch ein Gedanke für Menschen in einem gewissen Alter, denn es gibt da einen Bezug, denke ich: Wenn man Geschichtsbücher liest, weiß man, dass man in Fünfzigjahresschritten durch Epochen und Kapitel eilen kann. Wir haben z.B. klare und deutlich unterschiedliche Bilder von 1850 und 1900. Oder von 1900 und 1950, da hat jeder sofort Bildmaterial vor Augen. Ich habe mir irgendwann klarmachen müssen, dass das auch mich betrifft, dass es auch mein Leben betrifft. Ich bin deutlich über 50, ich bin also längst in einem anderen Kapitel des Geschichtsbuchs gelandet. Ich bin nicht mehr da, wo ich qua Geburtsjahr und Kindheit zuerst vorkam, wo ich geprägt wurde, wir haben längst zur nächsten oder auch schon übernächsten Epoche geblättert. Ich bin ein Vertreter des Damaligen in einer neuen Welt, ich komme noch aus dem Abschnitt „Westdeutschland 1945 bis 1990“, und natürlich ist dieses Land längst nicht mehr mein Land. Das kann ich unbewegt feststellen, weil es normal ist und selbst dann normal wäre, wenn es, was allerdings kaum denkbar ist, überhaupt keine weltbewegenden Krisen, sondern einfach nur irgendwelche Entwicklungen gegeben hätte. Wie auch immer, möglichst elegant aus der Zeit und der Welt zu fallen, das ist eine Aufgabe, die allen ab einem gewissen Alter unweigerlich zugeteilt wird, glaube ich.

Ich bin nicht sicher, wann eigentlich nach 1990 das nächste Kapitel begann, ich müsste mal in ein Schulbuch sehen. Vielleicht steht das aber auch noch gar nicht fest, so etwas dauert immer eine Weile. Und vielleicht schaffe ich es sogar noch ein Kapitel weiter, die Abschnitte in den Lehrwerken zur Geschichte folgen meist keiner exakten Zahlenlogik, es geht auch nach kulturellen oder politischen Brüchen. Es ist also gut möglich. Wie auch immer das Kapitel dann heißen wird, ich weiß jetzt schon sicher: Ich werde darin fremd sein. Das ist eine Binse, ich weiß, aber es ist doch ab und zu bedenkenswert, glaube ich. Man muss den Anspruch auf Kontinuität aufgeben, wir leben einfach zu lange dafür. Der Kontinuitätsanspruch meiner Generation ist vermutlich an vielen Stellen längst Teil des Problems.

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4 Kommentare

  1. Das ist ein interessantes Gedankenspiel: welche (5?) Dinge fallen einem ein, wenn man mal Dekadensprünge unternimmt: 1910er, 20er, 30er usw.

    Mal ’ne Frage. Hörbücher bei dir woher? Wenn Spotify, dann: Lohnt sich das? Wie umfangreich darf ich mir deren Angebot vorstellen?

  2. Ich stamme auch aus Ihrer Generation, sogar noch ein Stück älter, denke mein Leben aber durchaus als ein Kontinuum (auch in der Gesellschaft). Wenn ich einen Gedanken mit „Früher…“ beginne, haue ich mir schon mal auf die Finger. Wann beginnt denn dann diese Diskontinuität? Mit 50, weil die Zahl so gut passt? Oder mit 10, weil die frühkindliche Prägung dann abgeschlossen ist und man für ewig ein Kind der Fünfziger ist?

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