Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken, mehrfach sogar, und zwar einerseits für die Zusendung eines kleinen Bildbandes über die Sonnenallee in Berlin von Klaus Heymach, also vom Fotografen selbst – es gibt gewisse Ähnlichkeiten zum Steindamm hier um die Ecke. Gute Bilder, das mochte ich. Dann gab es noch ein weiteres Kartenspiel, Skyjo. Ich war daran bis jetzt nicht beteiligt und kann dazu also nichts sagen, aber die Herzdame hebt weiter hinten den Daumen, das war also auch gut. Es gab ferner eine große Dose Hausbrand Espresso, die ist noch geschlossen, wird es aber nicht mehr lange sein, denn nach einer Woche auf Eiderstedt freue ich mich auf nichts so sehr wie auf einen guten Kaffee. Den es auf der Halbinsel nirgendwo gibt, wenn man ihn nicht selbst macht, und wir hatten nichts dafür mit, wir haben ohnehin immer zu viel Gepäck, allein die Bücherstapel. Es wird mir wie immer ein feierlicher Akt sein, in Hamburg wieder Kaffee zu trinken, irgendeinen Vorteil soll die Großstadt auch haben. Muss sie auch haben.

Aber das ist nicht alles, wofür ich zu danken habe. Ich habe, es fiel Ihnen vielleicht auf, in den letzten Monaten keinen Trinkgeldbericht geschrieben, was vielleicht etwas ungehörig erschien, es lag aber daran, dass ich das Geld nicht ausgegeben habe, keinen Euro davon, sondern alles gespart habe. Für diese Woche Urlaub auf Eiderstedt, die Sie uns freundlicherweise komplett finanziert haben. Also die Anfahrt, die Wohnung auf dem Hof, die Stunden im Strandkorb und im Stall, die Gänge über die Weiden und zum Leuchtturm in Westerhever, sogar die Stachelbeertrümmertorte aus dem Café im Dorf. Die Einkäufe beim Edeka in der kleinen Stadt Garding, die Gummistiefel für alle, die auch zwingend erforderlich waren. Alles.

Wie großartig ist das denn, wenn ich das Geld so zurücklege, dann ist es noch toller, noch fantastischer, was es ermöglicht. Wir vier danken sehr und herzlich, echtjetztmal. Das war eine zwar im Ergebnis zu kurze, aber doch dringend notwendige Pause, vor allem auch für die Jungs, deren Leben intrapandemisch sonst nur noch aus Ganztagsschule und Bildschirmen besteht.

Die Herzdame und ich haben das Entspannungsziel zwar nicht erreicht, aber das wussten wir vorher, das war sozusagen eingeplant und in Kauf genommen. Es war dennoch wichtig und richtig, und ein wenig Entspannung ist besser als keine.

Vorderseite

Zu diesem Dankestext passt eine klassische Postkarte von der Halbinsel Eiderstedt, vielleicht noch mit einem kleinen Soundeffekt, wie es ihn bei Klappkarten oft gibt. Sie können sich dafür schon einmal Gänsegeschrei denken, aber womöglich etwas anders, als sie es kennen. Wenn Sie einmal ziehende Gänse gesehen haben, so eine Schar am Himmel oder zwei oder drei, dann nehmen Sie die einfach mal zehn oder auch gleich mal zwanzig und mehr, stellen Sie sich vor, es sind geradezu fantastisch viele Gänse über ihnen, in einer Landschaft, in der sonst nichts ist und der Zug der Vögel reicht den ganzen unverbauten Horizont entlang. Es sind keine redenden Menschen um Sie herum, es ist kein Verkehr, es gibt keine Züge, keine Stadtgeräusche, gar nichts, und Sie stehen da vor diesem unwirklichen Zug einer wahren Unzahl von Gänsen am Himmel vor ihnen und die Schreie der Gänse füllen die Landschaft bis zum Horizont. So laut ist das, so viele Vögel sind das, so überaus eindrucksvoll kommt Ihnen das vor, Sie haben das Gefühl, dass man diese Gänse bis zur nächsten Stadt hören muss, wo auch immer die von hier aus ist, dass man im ganzen Land, in ganz Nordfriesland in diesem Fall, in diesem Moment die Gänse hört. Haben Sie das?

Dann das Bild dazu, es ist eiderstedttypisch einfach. Eine Weide vor ihnen, bis zum Horizont, flach wie ein Blatt Papier, und die Sonne steht gerade so, dass das Grün darauf nicht langweilig märzmatt aussieht, sondern tiefdunkelgrün, fast spätsommerlich, dramatisch durchschattiert. Das täuscht, aber es sieht gut aus. Dieses Grün also, soweit sie nur sehen können, und man kann hier enorm weit sehen. Am Horizont in doppelter Kirchturmhöhe wattierte Ölbildwolken. Man möchte dringend auf Landschaftsmaler umschulen, wenn man diese Wolken sieht und dort, da steht tatsächlich ein Kirchturm. Wie im Landschaftsmallehrbuch für Anfänger sieht das aus, ein Beispielbild ist das, with a happy little church. Ein Graben zieht sich durch die Weide vor uns, schnurgerade zum Horizont hin. Verwelktes Gras an den Uferstreifen, die Himmelsspiegelung im Wasser, ein ungemein sattes Schwarzblau mit einem Glitzern im leichten Wind, dass man unwillkürlich an Metallic denkt und das, so denkt man, das könnte man aber schwer malen, wie würde man das denn bloß machen, Landschaftsmaler haben es auch nicht immer leicht. Auch dieses Blau ist eine Täuschung, versteht sich, in Wahrheit ist das Wasser in den Gräben auf Eiderstedt zu dieser Jahreszeit schlicht baustellenpfützenfarben, es ist eher unschön und einfach schlammig, aber jetzt gerade, jetzt sieht man das nicht und der Graben sieht aus wie aus einem Naturfilm. Aus einer dieser wunderschönen Dokus ist er, die man abends seufzend sieht und dabei denkt, oh, da möchte ich aber auch mal hin. Es ist alles eine Frage des Lichts und des Moments. Hinten ein kaum noch zu erkennendes Geflatter in der Luft, dicht über dem Wasser, der abziehende Reiher ist das.

Auf der Weide steht ein struppiges Pony, ein kleiner Schimmel. Der sieht so aus, dass man gleich weiß, das ist ein Tier, dass dauernd draußen steht. Das sieht dermaßen robust und angeschmuddelt aus, das gehört da hin, unter den freien Himmel. Es grast, was soll es auch sonst machen. Neben ihm ein Schaf. Dichte Wolle, untenherum ist es fast schwarz vom Schlamm. Die beiden grasen nebeneinander, in gemütlicher Gesprächsentfernung, so sieht es jedenfalls aus. Ringsum ist alles leer, bis zum Kirchturm hin, die beiden könnten sich weit, weit voneinander entfernen, aber sie grasen nebeneinander. Wir können uns vorstellen, dass sie Freunde sind, die mögen sich, die beiden, das ist eine angenehme Vorstellung. Sie grasen gemächlich von links nach rechts durch das Bild und über ihnen ziehen die Gänse in hoher Reisegeschwindigkeit von rechts nach links. Hunderte, Tausende, wer will das schätzen, es ist unwägbar. Mehr Gänse, als ich jemals sah, so viele allemal. Das Pony und das Schaf sehen nicht hoch, sie kennen das vermutlich schon, ziehende Gänse eben, wie in jedem Jahr, März eben. Vielleicht sehen auch die Gänse nicht runter, sie kennen das auch alles schon, Nordfriesland eben, und nur der Mensch steht da und gafft und denkt und grast dabei nicht und fliegt und zieht auch nicht und staunt nur, und ob das nun ein Vorteil für unsere Art ist, wer weiß. Die Weide sieht sehr schmackhaft aus, in diesem Licht jedenfalls, sogar im März, aber ins Gras beißen, das ist bei den Zweibeinern etwas anderes als bei den beiden noch winterfelligen Freunden da. Ins Gras beißen möchte man nicht, das Zusehen muss reichen.

So sind die Bilder auf Eiderstedt, so einfach. Grüne Fläche, blauer Strich, leicht schattierte Watte am Horizont, Vögelgestrichel, zwei Nutztiere. Fertig. Man macht sich keinen Begriff, wie schön das sein kann.

Noch einmal: Vielen Dank für diese Woche. Im Sommer fahren wir wieder hin. Wir haben es zumindest fest vor.

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