Er war immer schon da

Cem Basman ist gestorben, ich las es heute auf Twitter. Er war, falls Sie den Namen nicht kennen, einer, der online immer schon da war. Er hat gebloggt, bevor ich gebloggt habe, er hat getwittert, bevor ich getwittert habe, und vermutlich war er bei vielen weiteren Tools oder Diensten immer schon dabei und User der ersten Stunde, bei Tools oder Diensten, die wir heute längst wieder vergessen haben. Er war auch einer der ersten Menschen aus diesem Internet, die ich im sogenannten Real Life kennengelernt habe, es ist schon Ewigkeiten her. Und er war einer der Ersten, der mein Schreiben gut fand, der darin weitere Möglichkeiten gesehen hat.

Er hatte mich auf einen Kaffee eingeladen, vor gefühlten hundert Jahren, nur um mir das zu sagen. Dass aus meinem Schreiben Bücher werden sollten, Artikel, Kolumnen, so etwas in der Art. Dass ich davon doch ganz oder wenigstens teilweise leben können müsste, wenn ich mich online immer so weiter als Marke … Das war noch bevor irgendwer Bloggen und Geld und Schreibaufträge ernsthaft in Verbindung gebracht hat, das war aus heutiger Sicht geradezu hellseherisch. Ich habe mich damals gefreut über das Gespräch, das war eine großartige Bestätigung und Ermutigung, das war ein kräftiger Schubs nach vorne. Er wollte dann meine Pläne verstehen und war überrascht und überhaupt nicht damit einverstanden, dass ich gar keine hatte. Er hätte sie gerne kommentiert, die Pläne, und vermutlich wäre es sinnvoll gewesen.

Ich habe heute erst verstanden, bei wie vielen Menschen er so in Erscheinung getreten ist, ich las es in meinen Timelines auf Twitter und FB. Sowohl als Privatmensch als auch als „serieller Unternehmer“, wie er sich bezeichnete, und als hervorragend vernetzter Immer-schon-da-Mensch in der Online-Szene hat er andere nachdrücklich auf Chancen hingewiesen. Er hat manche zu großen Projekten animiert und andere in wilde Vorhaben eingebunden, teils sehr spontan und wildwest, er hat ihnen neue Aufgaben gegeben, er hat zugetraut und Mut gemacht. Er hat in Möglichkeiten gedacht und ich denke, er konnte das ganz erstaunlich gut. Menschenkenntnis, die hatte er wohl. Die meisten Menschen glauben von sich, eine gute Menschenkenntnis zu haben, aber in Wahrheit haben sie wohl nur wenige. Ich z.B., ich habe sie eher nicht, das habe ich erst peinlich spät verstanden. Aber Cem – das muss man wohl als bewiesen betrachten, er hatte sie.

In den letzten Jahren hat er hier um die Ecke an der Grundschule, auf der auch die Söhne waren, noch etwas ehrenamtlich gearbeitet, ich bin ihm dabei ab und zu über den Weg gelaufen. Die Kinder mochten ihn da, das sah man, er hatte eine angenehme Art, mit ihnen zu reden.

Er war schon eine ganze Weile nicht mehr online, mehrere Jahre nicht. Er hatte andere Prioritäten, nachdem er in der Folge von gesundheitlichen Problemen lange darüber nachgedacht hat, was Prioritäten wirklich sind. Ich hatte den Eindruck, dass er sich aus seiner Sicht gut entschieden hat, und ich hoffe, das stimmt so.

Was ich aber eigentlich nur sagen wollte – dieses Mutmachen, dieses Denken in Möglichkeiten, dieses Motivieren, das war etwas, das mir gut in Erinnerung bleiben wird, das war, der Begriff ist wohl angemessen, vorbildlich.

Über seinem letzten Blog stand: „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, ich blogge.“ Ein Satz, mit dem ich immer noch etwas anfangen kann.

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