Wie durcheinander ist alles

Beim bereits erwähnten Buddeln im Garten zeigte sich, was man auch in den Nachrichten hören oder lesen kann, es ist zu trocken. Viel zu trocken. Staubig fällt die Erde vom Spaten, pulverig ist der Sand. Es hat seit Wochen nicht geregnet, es ist auch kein rechter Regen in Sicht, es soll vielleicht gerade mal etwas nieseln, mit Glück. Es gibt verlässlich auf allen großen Medienseiten Newsticker zum Krieg und zu Corona, es gibt verlässlich keinen zum Klima, fällt mir nebenbei auf. In der letzten Woche war ich einmal im Anzug draußen und es war mir schon zu warm, das war eindeutig ein Junigefühl, wie weit gehen wir vor?

Vor der Haustür blühen die Mirabelle und die Zierkirsche, weißer und rosafarbener Schaum im Baum. Ich müsste bei allem nachlesen, ob das da jetzt gerade passt, oder wieviel es zu früh ist. Im Garten strahlen immerhin passend die Forsythien und der innere Chor der GärtnerInnen fordert ebenso feierlich wie nachdrücklich zum Rosenschnitt auf. Die Kornelkirsche ist schon durch und verblüht, die Purpurmagnolie lässt bereits ihre unfassbare Blütenfarbe erkennen und richtet die Kerzen. Am Boden überall die kleinen Traubenhyazinthen, Heerscharen in kräftigem Blau, die Korkenzieherweide ist bereits grün umflort.

Egal. Diese Woche wird es wieder März, auch wenn es April wird. Die Temperaturen gehen zurück, 12 Grad soll es geben, wie damals, als Corona gerade anfing und dann blieb, Sie erinnern sich, da waren es immer 12 Grad. Ewigkeiten lang und durchgehend war das so, 12 Grad werden mir lange im Gedächtnis bleiben, es war und ist die Temperatur der Pandemie.

Am Sonnabend ging ich zum Einkaufen. Ich war in drei Läden, in jedem war ein anderes Regal leergefegt, Nudeln, Mehl, Zucker und Speiseöl, die Leute kaufen wieder ein wie die Irren und wenn man sieht, was zuerst fehlt, dann machen sie vermutlich alle enorm viele Pfannkuchen, gesund ist das nicht. Auch die leeren Regale weisen jedenfalls zurück, das war doch schon einmal dran, die Phase hatten wir bereits, wie durcheinander ist alles. Früher lief alles chronologisch ab, das war auch schön.

Ich bin dessen ungeachtet schon seit sieben Tagen grundlos gut gelaunt. Ich komme nicht darauf, warum das so sein könnte. Ich überlege, was sich grundsätzlich verschoben haben könnte, worin die Erleichterung eigentlich liegt, es fällt mir nicht ein. Ich bin einfach gut gelaunt, das ist jetzt so. Es ist alles nur eine Phase und nach dem Tod erfährt man von einem freundlichen Wesen im Jenseits, dass die Stimmungen im ganzen Leben übrigens stets rein zufällig verteilt waren – das wäre doch eine wunderschöne Pointe für den Freundeskreis Overthinking, nicht wahr.

Eine Parkbank mit einem Herz in den Farben der Ukraine

Ich fuhr am Sonntag auf dem Rad durch einen Park, ich fand dabei alles schön. Die Menschen sahen nett aus, die Sonne schien, die Narzissen blühten leuchtgelb. Es war alles erstaunlich freundlich angerichtet und sah ungemein gut aus. Ich verliere den Verstand, dachte ich, aber es macht nichts, und es ist ja auch kein großer Verlust. Ich machte ein Testselfie auf einer Parkbank, wie so ein depperter Jugendlicher im Fernflirtmodus, ich sah es mir an. Ich schien darauf zu lächeln, die Sache war also ernst.

Ein Selfie heißt auf Jiddisch Zikhele, sehe ich nebenbei auf Tiktok. Ich mag die jiddischen Wörter für moderne Dinge, siehe auch Mobilke für das Smartphone. Ich mache ein Zikhele auf dem Mobilke. Das hat doch etwas, denke ich, und ich freue mich schon wieder und grinse vor mich hin wie die Katze bei Alice im Wunderland.

Vielleicht doch mal Nachrichten lesen, dann gibt sich das vermutlich. Eine Schlagzeile am Montagmorgen bei RND: „Scholz zu Putin: Wage es nicht.“ In diesem Schulhofsound, der dazu passt, dass sich männliche Prominente neuerdings gerne öffentlich verhauen, wie ich beim Weiterlesen feststelle.

Ich glaube, es wirkt tatsächlich, die Stimmung sinkt schon. Alles im Griff.

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Ein Kommentar

  1. Ihre verbesserte Laune erfreut mich, wenigstens etwas trotz schwieriger Zeiten! Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir, Sonnenschein macht’s möglich.

    Aber nun: Bei dem anderen Begriff für Ihr „Selfie“ ist Vorsicht geboten wegen des möglichen Vorwurfs der „kulturellen Aneignung“. Mein Eindruck als jemand, die selbst gern schön klingende Worte wie „Mischpoke, meschugge“ u.a. benutzte, ist, dass man es, egal wo, fast nur noch falsch machen kann.
    Früher einmal trug ich z.B. zeitweise die „Angela Davis“ Frisur. Dieser künstlich hergestellte Lockenkopf beruhte auf Solidarität und Wertschätzung und veranlasste damals viele heutzutage „alte weiße Frauen“ dazu, sich diesen „Look“ zu geben. Die Rastazöpfe (aktuell diskutiert bei FfF) betrachte ich deshalb ähnlich positiv in ihrer Aussage.

    Und daher glaube ich, dass nicht alles, was zwar gut gemeint ist, auch gut durchdacht ist.

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