Vierhundert Folgen „Die Buddenbohms“

Die Foodblogs sind voller Bärlauch und Spargel, nächster Halt dann die Erdbeeren, wir sind so weit im Zeitplan, trotz allem. Um sich saisonale Normalität vorzugaukeln, ist es gar nicht verkehrt, viele Foodblogs zu lesen, man muss sich doch an irgendetwas festhalten können, zumindest an einigen Fakten. Wie spät ist es? Es ist Bärlauch, das muss reichen.

Vor dem Fenster arbeiten wieder die Gerüstbauer am Dach des Hauses gegenüber, und einer von denen redet wie eine Figur aus einem alten Werner-Film. Es ist genau dieser Tonfall, es kann unmöglich ernst gemeint sein, es ist aber so. Wie soll ich mein Leben noch von Fiktion unterscheiden können, es ist nicht mehr möglich, überall diese Satire-Elemente. Seit mindestens zwei Jahren kommt mir alles arg ausgedacht vor, es ist so vieles an den Haaren herbeigezogen und eher furchtbar platt dahergesripted, bis hin zu dieser neuen Entwicklung, dass sich auf einmal alle verhauen wollen, wie damals in der fünften Klasse. Am Ende ist es alles nur ein Exkurs, ein fiktionaler, und ich werde eines Morgens wie einst Bobby Ewing unter der Dusche denken, krass, was hast Du da alles zusammengeträumt, das hätte ja für vierhundert Folgen „Die Buddenbohms“ gereicht, jetzt aber mal normal weiter.

Egal. Ich gehe morgens Brötchen holen. Vor der Tür macht ein Nachbar Dehnübungen, das ist der Nachbar, den ich ausschließlich beim Sport sehe, es gibt ihn in keiner anderen Erscheinungsform, das nervt mich schon seit Monaten erheblich, wie aufdringlich kann man so etwas ausleben. Er hat einen bunten, wie nennt man das, Ganzkörperturnanzug an, und er verbiegt sich dermaßen demonstrativ, dass es mich selbstverständlich provoziert. Wofür hält der sich, Elasto-Man oder was, kann er das nicht in seiner Wohnung machen, muss er hier so angeberisch Gummigelenke vorführen, was soll das, das finde ich unerträglich. Und ich trete ihm von hinten in die Kniekehle, dass er auf den Boden schlägt wie ein nasser Sack, der aus einem der oberen Stockwerke fiel. So ist es besser, denke ich, so ist es besser, und ich steige über ihn rüber und gehe weiter zum Bäcker, ohne mich um sein Winseln zu kümmern. Irgendwo blutet er. Aber sicher kann er sich prima verarzten, er kommt ja überall an.

Es ist eine Minute nach sieben, als ich beim Bäcker ankomme. Sie haben noch nicht geöffnet, ich rüttele an der Tür. Ich lese die Öffnungszeiten auf dem Schild im Fenster nach, es muss alles seine Ordnung haben, bloß keine Fehler machen. Sie machen um sieben auf, so steht es da. Regel ist Regel, denke ich und werfe die Glastür mit dem großen Stein ein, der den Sonnenschirmständer draußen beschwert. Ich habe auch nicht ewig Zeit. Ich brauche Brötchen, ich brauche sie jetzt und Öffnungszeiten sind verbindlich. Das Glas zerkracht und splittert, die Verkäuferin, die gerade noch Brot eingeräumt hat, geht hinter dem Verkaufstresen in Deckung. Ich gehe rein, die Scherben knirschen unter meinen Schuhen. „Hier muss mal gefegt werden, Fräulein“, sage ich, „aber erst einmal vier Vollkornbrötchen für mich.“

Okay, Spaß beiseite.

Filmidee: Zwei Jahre nach Beginn der Pandemie fand man heraus, dass Long-Covid auf Dauer gar nicht das größte Problem sein würde. Das größere Übel war vielmehr die deutliche Aggressionssteigerung bei männlichen Infizierten, die erst mit großer Verzögerung nach den akuten Symptomen auftrat, aber allmählich nicht mehr übersehen und überhört werden konnte. Die Betroffenen wurden reizbar und aggressiv gegen andere Männern, sie entwickelten ein kaum noch zu beherrschendes Bedürfnis, Affekten ungefiltert nachzugeben und sie auch körperlich auszuagieren. Die Instabilität der Gesellschaft nahm rasant zu, wobei es aber keine revolutionären Tendenzen gab, denn jeder war gegen jeden. Es gab keine Zusammenrottungen, keine Verbünde. Es wurde zunächst positiv bewertet, dass weltweit keine Kriege mehr möglich waren, weil sich zu wenig Soldaten noch an Befehle hielten, es wurde aber bald klar, dass sie dennoch weiter mit den Waffen in der Hand durch den Alltag gingen, was zu enormen, ungeahnten Problemen führte.

Ein Graffiti-Text: "Mehr Rap über Hass"

Gut, bis dahin. Aber wie enden? Eine feministische Richtung einschlagen, die Männer an sich selbst und ihrer Gewaltneigung zugrunde gehen lassen, dann ein neuer und friedlicher Anfang mit den wenigen Sympathen, die nicht infiziert waren … Hm.

Vielleicht eine deutlich schrägere Variante, die Gesellschaft kann nur noch mit Männern funktionieren, die jederzeit ein Elektrohalsband tragen und von ihren Frauchen eng kontrolliert werden, bei Fuß, Kevin! Geh von dem anderen Mann da weg!

Ich muss nachdenken. Das ist noch nicht reif, ich muss das noch weiter ausarbeiten. Das muss realistischer werden, ich muss da noch einmal ran.

Also wenn die Herzdame mich lässt.

***

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4 Kommentare

  1. In der SF der 60er wurde das öfters ventiliert, ob und wie eine Welt ohne Männer, oder zumindest ohne aggressive Männer, besser wäre, ob sie überhaupt funktionieren könnte. Ganz ohne Männer hatte da noch das Problem der Fortpflanzung, nichtaggressive Männer wurden gern vorgeführt in Zeitreisegeschichten, wo der zurückgekehrte Raumfahrer sozusagen „der letzte Macho“ war, der letzte „richtige Mann“, nach kurzer Haremsfantasie folgte dann meist eine Verschubung in irgendein Exil, Mond oder so, weil es zu gefährlich gewesen wäre, sie frei rumlaufen zu lassen. Als Nebenaspekt fast unweigerlich immer erwähnt, daß eine Menschheit ohen Männer leider auch nicht mehr zu diesen großen Leistungen in Kunst und Wissenschaft fähig sei … also alles ein bißchen kurz gedacht, vielleicht auch von Verlegern daraufhinfrisiert.

  2. „hier muß mal gefegt werden…“
    herrlich!
    dankeschön für das verursachen
    von herzhaften lachern am frühstückstisch!!!
    hab´s gut heute!

  3. Mein erster Anlass für lautes Lachen an einem verregneten grauen Morgen, der mit Verkehrshindernissen und doppelt so langer Anfahrt zur Arbeit begann…
    Danke! Herzliche Grüße und einen aggressionsfreien Mittwoch!

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