Brote auf der Leine, Nudeln am Straßenrand

Einer der Obdachlosen am Straßenrand sammelt laut Pappschild für ein „Odachlosenspargelessen“, vermutlich ist es scherzhaft gemeint. Ein anderer kocht sich direkt vor dem Supermarkt auf einem Gaskocher ein Nudelgericht. Er rührt gerade im Topf, als ich vorbeigehe, und er hat alles so überaus ordentlich angerichtet und aufgereiht, das Kochgeschirr, die Unterlagen, das Besteck und auch das übrige Zubehör, so adrett, wohlüberlegt und durchsortiert sieht das alles aus, dass es auf den ersten Blick eher wie ein hipstermäßiges Outdoor-Event wirkt, nicht wie eine Szene der Armut. Und ich weiß natürlich, das täuscht. Wie es neulich auch ein Sohn bei der Suppengruppe festgestellt hat: „Die sehen ja gar nicht alle arm aus.“ Nein, das sehen sie in der Tat nicht. Das ist hier kein Buch von Charles Dickens mit malerischen Lumpen auf jeder Seite, auch die Armut wurde mittlerweile tiefgreifend modernisiert. Aber sie ist noch da, und sie wächst auch wieder oder noch.

Ich gehe Brötchen holen, ich lege den neulich erst gestiegenen Preis abgezählt auf den Holzteller neben der Kasse. Das reicht aber nicht, wird mir dann gesagt, der Preis ist schon wieder gestiegen. Nur um 5 Cent diesmal, aber so ist es jetzt wohl bei allem und dauernd.

Einer der südeuropäischen Gemüsehändler ein paar Häuser weiter hat Fladenbrote so unter die Markise vor seinem Laden aufgehängt, wie andere bei Partys Lampions aufhängen, können Sie sich das vorstellen? Einen Haken durchs Brot gezogen und auf die Leine damit. Es ist frisches Brot, sehr frisch muss es sein, denn es duftet meterweit, und wie gut das duftet, es riecht so dermaßen appetitlich nach warmem Brot, man möchte sich sofort eines vom Haken pflücken. Die beste Werbung, die ich an diesem Tag wahrnehme. Ich könnte schon wieder ein Fladenbrot essen, wenn ich nur daran denke. So ein Duft war das.

Ich gehe nicht in diesen Gemüseladen, ich gehe in einen Supermarkt. Ich gehe da rein, obwohl ich einen veritablen Hexenschuss habe und am liebsten überhaupt nichts machen würde, aber das tut eben auch weh. Manchmal gehen die Schmerzen beim Gehen plötzlich weg, deswegen gehe ich gewissermaßen experimentell, manchmal habe ich Glück dabei. Und wenn ich schon herumgehe, kann ich auch gleich einkaufen gehen. Immer nützlich bleiben! Die norddeutsch-protestantische Arbeitsethik werde ich in diesem Leben nicht mehr los, obwohl ich mit der Kirche so gut wie nie etwas zu tun hatte. Es ist einfach angeboren, es ist lübsch.

Aber schön ist das alles nicht. Ich finde es sowieso schon unerfreulich, wie viele Menschen neuerdings überall im Weg stehen, das wird wieder so ein Generationending sein. Uns wurde damals noch beigebracht, nur um Gottes willen nie im Weg zu stehen, heute ist das vermutlich anders, die Zeiten ändern sich. Aber gut, ich komme aus einer Glaserei, es war in meiner Kindheit wirklich nicht ratsam, im Weg zu stehen, und andere Menschen kommen eben anderswo her.

Mit Rückenschmerzen jedenfalls wird das Einkaufen für mich gänzlich unerträglich. Dauernd muss ich abbremsen oder ausweichen, weil da wieder jemand breit vor dem Brot steht und sich erst einmal länger besinnen muss. Da liegen bloß zwei Sorten Toastbrot vor ihm, wie lange kann ein Mensch denn bloß brauchen, um sich zwischen zwei Sorten Toastbrot zu entscheiden? Ich kann an so etwas verzweifeln. Ich denke nie lange vor dem Toastbrot nach, mache am Ende ich wieder etwas falsch? Sollte ich über alles länger grübeln? Vollkorn oder nicht, ist das hier die Frage?

Der Mensch vor mir merkt schon, dass ich da durch möchte, aber das beeindruckt ihn überhaupt nicht, denn er steht da ja und muss nachdenken. Man wird doch noch im Weg herumstehen dürfen! So guckt er. Gleich macht er sich noch breiter, das ist jetzt sein Platz und er denkt da erst einmal in Ruhe fertig. Immer mehr Menschen sind so, denke ich. Oder aber ich möchte immer dringender irgendwo durch, das kann natürlich auch sein. Ich möchte durch oder ich möchte weg, vielleicht ist es das.

Es fällt mir tatsächlich schon seit längerer Zeit auf, dass mir vermehrt Menschen so dermaßen selbstbewusst im Weg stehen, wie ich nie gewesen bin. Ich finde das fast kränkend, aber was soll ich machen, ich muss mich irgendwie damit abfinden. Ich umkurve also innerlich fluchend dauernd andere, die anscheinend ganz genau wissen, wo sie jetzt gerade hingehören. Das passt schon, wenn ich so darüber nachdenke, ich weiß es nämlich eher nicht.

Zuhause lernt die Herzdame mit einem Sohn Französisch. Das merke ich aber erst, als ich ebenfalls in das Kinderzimmer gehe um zu fragen, ob ich vielleicht Französisch mit ihm lernen soll, woraufhin die Herzdame sagt, dass wir das nun nicht unbedingt zu zweit, und da hat sie ja auch Recht. Ich hatte den Satz aber schon im Mund, als ich in der Tür stand, der musste also noch raus. Und der Sohn befindet freundlich, dass es für ihn ohnehin am besten sei, wenn ein Elternteil mit ihm lerne und das jeweils andere ab und zu so als Sidekick dazukommen würde.

Das mal als Ziel für Eltern festhalten! Verhalte dich stets so, dass du auch als Sidekick für den Partner oder die Partnerin brauchbar bist. Man braucht Leitlinien im Leben.

Der Sohn tippt dann später die unregelmäßigen Verben auf der ollen mechanischen Schreibmaschine ab, die ansonsten eher dekorative Zwecke im Flur erfüllt. Öfter mal das Tool wechseln, das kann helfen, solche Methoden kennt man auch aus der Kurzzeittherapie, und ich mag so etwas. Je vais, tu vas, il/elle va, ich bin mir nicht sicher, was ich davon noch könnte.

Aber dieser Sohn … Er sieht so aus wie ich in dem Alter. Er tippt seine Aufgaben auf einer alten Maschine, genau wie ich in dem Alter.

Er versteht gar nicht, wieso ich so seltsam gucke. Und ich stehe da und habe jetzt auf einmal nicht mehr den Geruch des Brotes vom Vormittag in der Nase, sondern den meiner Travemünder Schreibmaschine. So ein metallisch-öliger Geruch war das, nach Hausaufgaben und Deutschaufsatz roch das Ding, etwa 1982 war das.

Vermutlich stand da auch schon ein voller Aschenbecher daneben, aber ich muss den Söhnen auch nicht alles erzählen. Es war eine andere Zeit in einem anderen Land.

***

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3 Kommentare

  1. Ich hab auch öfters mal Hexenschuß, aber auch ein Mittel dagegen: Wäsche aufhängen. Die Leine ist so hoch oben, daß ich sie grad mit den Fingerspitzen erreiche, und das ganze Strecken und Dehnen dabei scheint die verschobenen Wirbel besser an den Platz zu rücken.

  2. Lübsch! Auch so ein Wort, das viel zu selten vorkommt.

    An den Geruch der Schreibmaschine erinnere ich mich auch nur zu gut in meiner Kindheit. Ich komme aus einem Beamtenhaushalt…

    Wie immer herzlichen Dank für das Teilen der Beobachtungen und gute Besserung.

    Anke (Gefühlt eher Kielerin als lübsch.)

  3. Lieber Herr Buddenbohm,
    danke für das Erzählen über das Im-Weg-Rumstehen. Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich mit diesem Empfinden nicht alleine auf der Welt bin. Ich versuche immer, erstmal aus dem Weg zu gehen und wundere mich auch, dass es anderen Menschen nichts ausmacht, z. B. aus der Bahn zu treten und unmittelbar stehen zu bleiben. Einfach so. Mitten im Weg.
    Vielleicht hilft es mir beim nächsten Mal, mich nicht aufzuregen, wenn ich einfach mit einem Augenzwinkern an Sie denke!
    Herzliche Grüße
    Eva

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