Harte Arbeit an wuchtigen Maschinen

Als ich eingeschult wurde, irgendwann im letzten Jahrhundert, in grauer und analoger Vorzeit, bekamen alle Schüler eine gelbe Kappe, die ich, wenn ich mich richtig erinnere, peinlich fand und danach nicht wieder getragen habe. Ich hatte das dazugehörige Bild des Grauens einmal hier im Blog (Vorsicht, schlimm). Die Mädchen bekamen gelbe Kopftücher, die auch eher nicht getragen wurden, und die aus heutiger Sicht noch viel absurder klingen. In Japan, das wollte ich eigentlich nur sagen, bekommen einige SchülerInnen jetzt gelbe Sonnenschirmchen. Die Zeiten ändern sich.

Ich habe gestern erwähnt, dass eine Bäckerei hier die Öffnungszeiten gekürzt und eine andere die Preise signifikant angehoben hat, gestern habe ich gesehen, dass eine weitere im September komplett geschlossen bleibt. Ein Grund steht nicht auf dem Zettel im Schaufenster. Bei den Bäckereifilialen läuft was, ich werde weiter beobachten und berichten. Es gibt viele Bäckereien im kleinen Bahnhofsviertel, in jedem zweiten Haus in etwa ist eine, da habe ich etwas zu tun, wie es sich für die Hartarbeitendemitte, in einem Wort, wie das neuerdings wohl zu verwenden ist, gehört. Ein hassenswertes und empörendes Wort, finde ich, weil es impliziert, dass diejenigen unterhalb der Mitte weniger hart arbeiten, aber egal. Seit es trendet, klicke ich die Daten und Buchstaben in Word und Excel und Powerpoint jedenfalls beflissener und härter an, gewissermaßen mit Schmackes, das muss laut klicken, fast klackern, sonst zählt es nicht, sonst hat es keine Kraft gekostet und man ist abends nicht erschöpft. Härte muss sich aber bemerkbar machen, es ist sonst womöglich gar keine. Es muss alles Kraft kosten, was man macht, man muss schwitzen und stöhnen dabei, wir arbeiten hart, nicht smart. Auf einer mechanischen Schreibmaschine könnte ich das viel besser ausleben. Als ich etwa achtzehn Jahre alt war, da hatte ich eine uralte eiserne Schreibmaschine, die so monströs schwer war, da war man schon erschöpft, wenn man sie nur von einem Raum in einen anderen getragen hat. Solche Schreibgeräte braucht die Hartarbeitendemitte heute, nicht diese schnittigen Notebooks, die man mit einem Finger vom Tisch fegen kann.

Ich gehe abends um den Block, es ist immer noch warm, so seltsam warm. Aber vor den Restaurants und Cafés sitzen die ersten Menschen, die sich in die neuerdings wieder bereitliegenden Gastrowolldecken hüllen, als sei es schon tiefer Oktober. Es ist wohl die Sehnsucht nach dem Wechsel der Jahreszeiten, die sie in und unter diese Decken treibt, nicht die Außentemperatur.

Ich gehe durch den abendlichen Bahnhof, aber ich sehe nichts, das mir auffällt. Es ist voll und betriebsam dort, aber es passiert nichts, es ist nichts anders als sonst, es drängt nichts zur Beschreibung und auch der Kiosk, der immer so nah an den neuesten Trends ist, hat keine hippen Artikel auf dem Ständer vor der Tür, die auf eine Veränderung hindeuten. Es ist nichts anders als sonst. Die besten Geschichten beginnen am Bahnhof, so hat es Kurt Tucholsky einmal befunden, in seinem Schloss Gripsholm war das. Und vielleicht ist es auch die beste Geschichte, wenn überhaupt nichts passiert. Da mal drüber nachdenken.

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4 Kommentare

  1. Das menschliche Gehirn beansprucht gerade mal zwei Prozent der gesamten Körpermasse für sich – verbraucht aber zwanzig Prozent der dem Körper in Form von Nahrung zugeführten Energie.

    Wenn das kein Beweis für Hartearbeit ist, dann weiß ich auch nicht.

  2. Ich verstehe die Ablehnung des Wortes, für mich hingegen impliziert „hartarbeitende Mitte“ allerdings vor allem, dass diejenigen oberhalb der Mitte durch Erbe und Investemntfonds von harter Arbeit unbeschwert durchs Leben gleiten. Auch ein Klischee, ich weiß, aber eins, dass mir besser ins Vorurteil passt…

  3. Ogott, jetzt fällt mirs wieder ein: ja, solche Kappen gaben sie uns auch, den Mädchen Kopftücher und, wenn ich mich recht erinnere, Pudelmützen für den Winter. Hat aber auch keine und keiner je aufgezogen, außer vielleicht der Klassenstreber.

    Auf soner Schreibmaschine hab ich meine beiden Abschlussarbeiten getippt, in Kunst und VisKom. Nicht ganz so schwer, es war eine „Reiseschreibmaschine“, aber sie zerrte schon satt am Arm, wenn ich sie in den Garten schleppte und später wieder rein (kleines Dorf, Nordhessen, Garten, Wein, Weib, Gesang, wie man (=ich) halt so als Künstler Abschlussarbeiten geschrieben hat, damals). (Übrigens die „große“ „Erika“, von „Naumann, Dresden“, Erbstück vom Oppa. Die „kleine“ hab ich dann Jahre später mal auf dem Flohmarkt ergeiert, aus reiner Sammlerlust.) Glückliche Zeiten (wenn man (=ich) sich den Stuß wegdenkt.

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