Von Tauben und Menschen

Ich gehe am Morgen zum Arzt und lasse mich einmal gegen etwas anders impfen, nicht immer nur gegen das allmählich doch langweilig werdende Corona-Virus. Ruhig auch mal den Grippeschutz mitnehmen, dachte ich mir, das Immunsystem liebt die Abwechslung. Der Mensch, der mich da impft, hat das vielleicht gerade erst gelernt, denn er sagt sich selbst beim Handeln alle Schritte lehrbuchmäßig und leise auf, mir ist das sehr sympathisch: „Erst das Alter prüfen. Unter 60. Den Namen mit der Karte abgleichen.“ Das geht auf diese Art weiter, und ich finde, es macht so eine ruhige, sichere Atmosphäre, wenn Selbstverständlichkeiten fachgerecht aufgesagt werden. War es nicht so, dass japanische Zugführer alle Schilder benennen müssen, die sie während der Fahrt sehen? Um sich selbst und andere dauernd ihrer Aufmerksamkeit zu versichern? Vielleicht sollte ich das im Home-Office auch machen, am Ende nützt es etwas und man fühlt sich besser in den eigenen Routinen? „Ich öffne das Notebook. Ich mache das Notebook an. Ich melde mich an.“ Wie ein Pilot beim Check im Cockpit, wie ein japanischer Zugführer auf der Strecke, wie ein Impfender in der Arztpraxis, Sicherheitsrituale, Beschwörungen. „Ich mache Excel auf. Excel ist offen.“ Und, Stunden später dann: „Ich hau meinen Kopf an die Wand“. Aber eben fachgerecht.

Vor einer Bäckerei – Sie merken, es findet hier enorm viel vor oder in einer Bäckerei statt, das liegt aber nur daran, dass es dermaßen viele davon gibt – sitzt eine sterbende Taube. Sie ist schon so hinüber, so halb jenseitig, dass wohl auch ein ambitionierter Tierfreund keine Rettungsaktion mehr starten würde, hier geht es um Minuten, zumindest sieht es sehr danach aus. Sie kippt schon seitlich weg, die Augen verdrehen sich und der Morgenwind fährt ihr in diesem Moment kalt unter das Gefieder und plustert es ein letztes Mal auf, der feine Flaum an ihrem auf einmal exponierten Bauch gerät in wellige Bewegung. Die Taube liegt dabei unter einem Schild, auf dem steht: „Softer Genuss.“

Im Bahnhof selbst fliegt eine Taube gerade in, na was wohl, eine andere Bäckerei, die Verkäuferin dort macht ausladend abwehrend wedelnde Gesten mit den Händen, den lästigen Vogel zu verscheuchen, und es ist ein absurder Zufall, dass im Imbiss nebenan eine andere Verkäuferin gerade parallel gleiche Gesten vollführt, allerdings nicht gegen eine Taube, sondern gegen eine vermutlich Drogensüchtige, die zerlumpt, in eine schmutzige Decke gehüllt, die Kunden im Geschäft anbetteln möchte. Weg sollen sie, der Vogel und die Frau, bloß weg.

Nach altem Gesetz kommt alles immer dreimal, und die letzte auffällige Taube des heutigen Logbuch-Eintrags sehe ich dann vor dem Bahnhof. Sie ist bereits eine Weile tot und sie wird auch schon entsorgt, und zwar von den Möwen, die hier dafür zuständig sind. Sie haben die Taube bereits zerteilt, der Körper liegt schon zerfetzt und eine Möwe fliegt gerade mit einer abgetrennten, losgerissenen Taubenschwinge davon, die sie im Schnabel trägt, ein großes Beutestück. Und so kam es also endlich, dass heute ein Vogel mit drei Flügeln über mir kreiste, was gemäß einer alten Weissagung … pardon. Ich schweife ab, das gehört nicht hierher.

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Auf arte gesehen und interessant gefunden: Anjelica Huston erzählt James Joyce.

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Als Hörbuch gehört: Undine von De La Motte Fouqué. Vor langer Zeit schon einmal als Buch gelesen und als hölzern bis ledrig erinnert, das war aber ganz falsch. Tatsächlich ist es sprachlich schön. Ich hätte mich auch nicht erinnert, dass die Wurzel allen Übels in der Geschichte nicht in Undine selbst liegt, sondern im Wunsch ihres Vaters, sie möge es zu einer Seele bringen, was im Kontext der märchenhaften Erzählung gewissermaßen als unheilvolles Karrierestreben zu betrachten ist. Da haben wir es wieder, da haben wir es wieder.

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2 Kommentare

  1. Eine meiner Macken ist, dass ich mir nicht merken kann, ink ich das Auto abgeschlossen habe. Seit ich nach dem Abschließen laut sage: „Ich habe das Auto abgeschlossen“ ist es etwas besser geworden.

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