Was da lebt und webt

Auch einmal in den Garten fahren, nach den Schneeglöckchen zu sehen, die anderswo bereits vereinzelt blühen sollen, so las ich in einem Artikel, in dem es um die Hasel- und Erlenpollen ging, die einigen jetzt schon lästig werden. Etwa sechs Wochen zu früh das alles. Sogar eine Obstbaumblüte wird auf Mastodon erwähnt, bei uns sehe ich noch keine. Die Schneeglöckchen wachsen erwartungsgemäß, andere Frühblüher auch, diverses Unkraut, aber es gibt keine Blüten, nirgendwo, und das ist auch gut so. Die Knospen an den Büschen und Bäumen allerdings sind zu weit, entschieden zu weit, überall drängt es, schwillt und wächst. Die Kornelkirsche ist dabei wie immer an erster Stelle, den anderen deutlich voraus, danach kommt schon die Magnolie, mit den Blütenansätzen im eleganten, weißen Pelz. In den Gemüsebeeten treiben die Zwiebeln hoch, frisches Grün, nahrhaft und knackig sieht es aus.

Und die Luft dabei so butterweich mild, dass es sicher nicht Januar sein kann. Nicht einmal dieses Nachmittagslicht passt dazu, es ist einfach kein Winterlicht, so sieht das nicht aus, der Abgleich mit der Erinnerung ist unmöglich. Oben der Vogelzug, eine große Truppe, Buchstaben formend, ein V, ein M, ein W, die Vögel fliegen nur Konsonanten, obwohl zumindest ein U oder ein I doch vorstellbar wären. Gänse sind es vermutlich, sie formieren sich fortwährend um, als es eine Übung.

Beim Fegen der Wege wieder alles von sich werfen, die Jacke, den Pullover, sogar die Over-Ear-Kopfhörer sind zu warm, man schwitzt an den Ohren. Irgendwo brummt ein Rasenmäher, es ist der 7. Januar. Insekten in der Luft, über dem Kompost schwirrt es wimmelnd.

Ich höre bei der Gartenarbeit den Dissens-Podcast mit Teresa Bücker, „Man muss überlegen, was man machen möchte“, wird da gesagt, und ich denke, ich möchte hier bitte fegen, so schlicht bin ich nämlich im Geiste.

Um uns herum ist es eher hässlich, bei aller Naturliebe kann man Schrebergärten im Winter doch kaum schön finden. Die Pracht des Sommers hängt braunschwarz dahingerafft und verwesend auf halbmast, rottendes Obst in den Ästen, Knickstängel und Moderboden, Staudengerippe, gut sieht das alles nicht aus und bei jedem Brett, bei jedem Stück Holz möchte man Schimmel, Pilzbefall und Ungezieferbehausungen vermuten. Rost auf Metall, verwehte Papierlampions, zerfetzt und abgewrackt. Vorsichtig und misstrauisch in die Laube sehen, was darin wohl ungestört seit Wochen lebt und webt.

In der riesigen Pappel hinter der Parzelle wieder die Krähen, schwarz, laut und umtriebig, sich um die besten Plätze streitend, ein stundenfüllendes Programm ist das.

Man müsste in einen weitläufigen Park, um jetzt Schönheit zu sehen, in einen Wald, in eine Flusslandschaft, ans Meer, auf eine Insel. Ein Kleingarten strahlt nicht vor dem April, vor dem Mai. Aber man hat, was man hat, und für einen Park etwa reicht es einfach nicht, er würde auch zu viel Arbeit machen.

Da mal bescheiden bleiben.

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