Verdrussvergleiche

Dienstag vor einer Woche, der 30.5., ein Werktag, wie originell. Am Morgen ist die Milch alle, wenn es so schon losgeht, da ist man gleich gewarnt. Auch sonst ist es prompt ein seltsam trüber Tagesbeginn, allgemeines Herumgranteln, Nörgeln und Muffeln, bereits im Familienkreis, wir stoßen verbal zusammen wie die hektisch herumkurvenden Wägelchen beim Autoscooter. Man sieht zwischendurch aus dem Fenster und denkt, wieso ist da jetzt keine Sonne, das hatten wir uns alles irgendwie anders vorgestellt. Netter. Wärmer auch. Sommerlicher.

Dann anschließende Griesgramvergleiche im ÖPNV, wer sieht heute nach dem größten Alltagsverdruss aus. Sich selbst sieht man dabei nicht, vielleicht ist es auch gut so. Es ist eigentlich nichts, es fiel auch gar nichts vor, es ist nur irgendetwas an diesem Tag … man kann es nicht präzise benennen. Der Herr Kachelmann, ich las es am Morgen auf einer irgendeiner Zeitungsseite, bestreitet vehement die Existenz von Biowetter, er hält diese vermeintlichen medizinischen Auswirkungen für eine deutsche, wehleidige Spezialspinnerei, alles herbeifantasiert, jedenfalls abseits von Föhnwetterlagen, so sagt er, die seien dann doch ernst. Über Biowetter weiß ich nichts, vielleicht hat er da Recht, das mag sein, aber Stimmungswetter gibt es zweifellos, und es fällt heute bewölkt aus. Mit kräftigen Niederschlägen.

Am Morgen liegt ein zerfleddertes Buch am Straßenrand auf dem Weg zum Bäcker, ein Handbuch zur Führung von Media-Unternehmen. Das brauchte jemand wohl nicht mehr. Die oder der führt vielleicht nichts mehr, hat es jetzt endgültig aufgegeben. Man denkt als Hamburger dabei unwillkürlich an Gruner & Jahr, und nur etwas weiter liegt der Huckleberry Finn. Alles hinschmeißen, zur Elbe und Floß fahren, das sind so die Geschichten, an denen ich hier vorbeigehe.

Arbeit. Ich habe heute ein anderes Büro als sonst, ich kann von hier aus die S-Bahnen viel besser sehen, das immerhin. Stets trotz allem achtsam und dankbar bleiben, ja, ja. Oh fein, eine S-Bahn, schön rot ist die, da noch eine, da schon wieder eine. Mit jeder davon könnte man abhauen. Etwa nach Buxtehude, aber was macht man dann da. Sie merken, meine Gemütslage ist zart beschattet, to say the least.

Zum Heben der Stimmung höre ich auf meinen Wegen Hans Rosling, Wie ich lernte, die Welt zu verstehen. Es gelingt nicht recht, also das Heben nicht, aber dafür kann der Herr Rosling nichts, der macht seine Sache schon gut, und das kann heute nicht jeder von sich behaupten, sage ich mir später ernst vor dem Spiegel vor.

Ich mache am Abend deutsche Grammatik mit einem Sohn. Wir lassen die blöden Beispielsätze im Lehrbuch zu direkter Rede und Konjunktiv II hinter uns und lassen uns von künstlicher Intelligenz Übungssätze vorgeben, in denen die Mangafiguren vorkommen, deren Abenteuer er eine Weile gerne gelesen hat. Das ist, falls Sie da noch nicht darauf gekommen sind, nicht die schlechteste Möglichkeit, den Stoff wenigstens etwas interessanter zu machen, das geht mit allen Fächern und zielgenau für die jeweilige Klassenstufe. Nebenbei kann man noch gemeinsam und eher nebenbei etwas daran herumüben, möglichst zielgenaue Prompts zu schreiben.

Da merkt man dann gar nicht, wie man lernt, das hat mir gefallen. Also mir deutlich mehr als dem Sohn, aber okay. Auch Teilerfolge mitnehmen.

Egal. Weiter in der Grammatik. Stiege die Stimmung, schriebe ich heiterer.

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3 Kommentare

  1. Als ich las, dass zerfledderte Bücher am Strasserand liegen, musste ich an das Buch „Die Sehnsucht des Vorlesers“ denken. Passt auch gut zum Arbeitsweg…
    Und der Sommer kommt – mit Sonne und Ferien.

  2. Ich bin ganz begeistert davon, wie Sie mit dem Sohn mit Unterstützung von ChatGPT lernen. Da wär ich eher nicht drauf gekommen.
    Was sind denn Prompts, die Sie z.B. in diesem ganz konkreten Fall benutzen?

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