Eingerastete Empörung

Freitag, der 8. September. Gestern gesehen: Diese Doku auf arte über Roberta Flack. Wobei alle Dokus über schwarze Sängerinnen, Künstlerinnen etc., kategorisch immer auch Lehrstücke über Rassismus und Feminismus sind. Wenn es nicht mehr so wäre, dann hätten wir endlich etwas erreicht, aber mein Optimismus hält sich da in engen Grenzen. Wir fallen, so scheint mir, in der Geschichte gerade eher wieder hinter die 70er und 60er zurück, mit dem weltweiten Erstarken der rigiden Rechten und all den immer gewöhnlicher werdenden religiös verbrämten moralischen Herrschaftsansprüchen aus diversen Richtungen. Eine schauderhafte Entwicklung ist das für mich als Kind der 60er und 70er, und es nützt mir nichts zu wissen, dass es in der Geschichte immer wieder diese Rückschläge gegeben hat und sie den Fortschritt letztlich doch nicht aufgehalten haben. Ich habe dann wohl gerade Pech mit der Phase. Vorsicht beim Geburtszeitpunkt!

Gute Doku jedenfalls, viel gelernt. Roberta Flack war z.B. die direkte Nachbarin von John Lennon, und ich mag es sehr, dergleichen erzählt zu bekommen. Hier noch ein anderes Video von ihr, eine lange, fantastische Version von Suzanne.

Beim Abendspaziergang, als es endlich wieder kühler in der glühenden Stadt wurde, habe ich weitere Lieder von ihr gehört, auch die von dem Album „Killing me softly“ von 1973, bei dem man den Klavierdeckel vorne auf dem Cover so hochklappen konnte. Das Album stand im Plattenregal meiner Mutter, das ich einmal, an einem langen Herbstabend vielleicht, komplett rekonstruieren müsste. So viele Platten waren es gar nicht, vierzig vielleicht in der Zeit, bevor ich eigene kaufte, und ich nehme an, mindestens die Hälfte müsste mir recht schnell wieder einfallen.

Ich könnte den Söhnen kaum erklären, wie oft wir diese Platten damals gehört haben. Wir hatten ja nichts, da ist man gleich wieder bei der alten Leier.

Bob Dylan live at Budokan, so etwas. Ein Doppelalbum von Elvis mit pinkfarbenen Platten, das war damals sehr abgefahren. Melanie Safka, das Cover war in roten Tönen, aber ich finde es gerade nicht im Internet … im Grunde ist es doch eine schöne Denksportaufgabe. Kinski spricht Villon, ach, ich hör schon auf. Später einmal mehr.

Ansonsten Home-Office, Alltagsklimbim, es ist alles nicht berichtenswert. Die lokalen Medien bejubeln währenddessen die Cruise-Days, bei denen etliche Kreuzfahrtschiffe die Luft der Stadt verpesten und abends noch Feuerwerk in den Dunst geschossen wird. Ich könnte mich aufregen oder nicht aufregen, es kostet beides Kraft. Empörungsfasten, das hatte der Herr Korten, die Älteren erinnern sich, einmal eingeführt, und eine dumme Idee war es tatsächlich nicht, auch mit einigem zeitlichem Abstand betrachtet. Denn die Empörung ist im Dauerzustand eine wenig nützliche Haltung, so sinnvoll und richtig sie in vielen Momenten zunächst auch sein mag.

Eingerastete Empörung ist allerdings eine erschreckend allgemein verbreitete Grundhaltung und ich denke, man muss ab und zu prüfen, ob man betroffen ist.

Andererseits: Cruise-Days. Herrje.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

 

Ein Kommentar

  1. Ich bin mir nicht so sicher, ob es langfristig moralische. Fortschritt gibt und wie hin und wieder Rückschläge erleben. Es würde andersrum genauso logisch aussehen. Wir entwickeln uns in Richtung irgendeiner Art von Faschismus und zwischendurch gab es mal „Rückschläge“.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert