Von Szene zu Szene

Sonnabend, der 11. November. Gesehen und sehr gemocht: Jane B … wie Birkin. Ein Film von Agnès Varda auf arte.

Gelesen: Australien und die Klimaflüchtlinge der Inselnation Tuvalu. Tuvalu ist wohl das erste Land, das wir verlieren werden.

***

Ich gehe eine Straße entlang, es ist nur der übliche Weg um den Block. Mir kommt ein bekannter Theaterschauspieler entgegen, der sein Notizbuch in der Hand hält und Texte murmelt. Oft sehe ich ihn so, lernend, arbeitend, er ist ein Nachbar. Die Szene gewinnt einige Besonderheit durch einen bekannten Filmschauspieler, der auf gleicher Höhe gerade im Kofferraum eines Autos am Straßenrand wühlt, er scheint etwas zu suchen und nicht zu finden. Links Theater, rechts Film, ich gehe durch ihre Mitte und frage mich, was ich in dieser Szene mache, welche Rolle und Wirkung ich habe, wer hier was inszeniert und ich bin dann etwas beruhigt, als der nächste Passant einfach nur irgendwer ist, wie ich, kein Schauspieler, kein Promi. Irgendein Gesicht, vorbei, vergessen.

Später erst bin ich darauf gekommen, dass abseits des Improtheaters erst das Aufschreiben eine Szene zur Szene macht, dass der Zauber in diesem Fall also ganz bei mir lag, ich hätte etwas selbstbewusster durch die beiden spazieren können.

„So, na dann“, sagt der Filmschauspieler, schiebt sich etwas in die Jacke, macht den Kofferraum energisch zu und geht weiter, denn mehr Text hat er heute nicht. Mehr dichte ich ihm auch nicht an, als bloßer Chronist des Alltags. Aber ich könnte doch, denke ich, und ich finde den Gedanken kurz erfreulich, vielleicht sogar verlockend.

Ich setze mir meine Kopfhörer auf, ich lasse eine Playlist zufällig beginnen und warte, was der Soundtrack zu dieser Szene ist, denn die Begleitmusik ist bekanntlich immer wichtig und rundet alles erst ab. Es ist Vince Guaraldi, der verlässlich eine gute Wahl ist, mit dem Great Pumpkin. Jahreszeitlich ist das noch knapp passend, das kann man durchgehen lassen, es liegen auch hier und da noch Dekokürbisse in den Schaufenstern und legitimieren den Song.

Und dann einmal um die Ecke, gegenüber von den Holzbuden, die bald den Weihnachtsmarkt darstellen werden, da stehen die Busse und Wagen einer Filmproduktion auf dem Platz. Jemand trägt gerade große Lampen über die Straße, einer schleppt Kabelbündel und schwere Geräte, einer kocht Kaffee im Catering-Bus. Passanten bleiben stehen und gucken, ob es da gleich etwas zu gucken geben wird, einer zeigt mit dem Finger und wird mir dadurch für eine Sekunde zur Figur, die auf Figuren zeigt.

Aber das ist dann wieder für eine andere Szene. Ich teile die Neugier dieser Passanten ansonsten nicht und schlage mich also seitwärts zwischen die parkenden Autos, in die Kulissen und ins Dunkel, wo vermutlich kein Beleuchter hinkommen wird.

***

Im Bild heute zwei Möwendarsteller vor der Binnenalster.

Zwei Möwen am Ufer der Binnenalster, Jungfernstiegseite. Im Hintergrund die Fontäne.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

2 Kommentare

  1. Der Filmschauspieler fühlte nochmal nach dem Totschläger, den er sich in die Tasche gesteckt hatte. Dem Theaterluftikus würde er es zeigen… Hatte ihm die Rolle weggenommen, die ihm wieder den Weg auf die Bühnen der Stadt geebnet hätte. Er wollte endlich weg von den grellen Lichtern, weg von den Kabelbündeln der Beleuchter, über die er bei den Dreharbeiten ständig stolperte, und auch weg von den ewig starrenden und tuschelnden Passanten, die ihn bei jedem noch so banalen Außendreh bestaunten und kommentierten, als sei er ein Tier im Zoo. Es war ihm alles zuwider geworden.

    Er schaute wütend einem Spaziergänger nach, der ihn auch so angestarrt hatte wie alle die anderen Gaffer, und als er sich angewidert wegdrehte, sah er ihn: Der Theaterfatzke war gerade an ihm vorbeigegangen. Blut rauschte in seinen Kopf[…]

  2. Ach, Herr Buddenbohm!
    Hab ich schon mal erwähnt, dass ich Sie liebe?
    (Und die Herzdame! Die Herzdame auch besonders! <3)
    So schön, dass es Sie und alle Blogteilnehmer*innen gibt. <3

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert