Über die neue Seenplatte

Am 23. noch mit dem Auto raus aus Hamburg und durchs überraschend staufreie, aber unfassbar nasse Niedersachsen. Hinter Bremen beginnt die niedersächsische Seenplatte. Die ist neu, die findet man bisher noch auf keiner Karte, dafür ist sie aber schon beachtlich groß und reicht bis runter nach Nordostwestfalen, wo wir hinwollen. Katwarn meldet zwischendurch ein Entwässerungsproblem für das ganze Bundesland, wir fahren mitten durch diese Meldung, durch eine nahezu komplett abgesoffene Gegend. Ab und zu sieht die Landstraße wie ein Damm aus, über den man es eben noch schafft, jedenfalls mit etwas Fantasie sieht sie so aus. Oben ein Himmel wie ausgekipptes Tuschwasser nach dem Kunstunterricht in einer Grundschulklasse, es wirkt alles enorm freudlos und problematisch. Auf den Bäumen die lauernden großen Greifvögel, die sich über den neuen Gewässern wohl fragen, ob sie jetzt noch auf Seeadler umschulen sollen oder was.

An Ackerrändern sehe ich zweimal schnellgezimmerte Galgen, an denen Ampeln aus Karton baumeln. Auch jeder Protest muss jetzt maßlos sein in diesem Land, voller Hass und übergriffig, und alle weisen vermutlich jeden Gedanken an Gewaltbereitschaft in abstoßender Scheinheiligkeit weit von sich und singen dann am 24. wieder irgendwas von Gnade und Liebe in der festlich geschmückten Kirche.

Eine kleine Landwirtschaftsdemo irgendwo an einem Dorfrand, einige wenige Trecker im Regen mit durchgeweichten, kaum zu entziffernden Plakaten daran. Sie haben es satt, mehr kann ich nicht lesen. Nun, wir haben alle irgendwas satt, das ist so weit durchaus mehrheitsfähig.

An den Landstraßen die überall schon geschlossenen Läden. Es ist Sonnabendnachmittag, das Land fährt allmählich herunter fürs Fest. Erstaunlich wenig Weihnachtsdeko sehen wir in den Dörfern, vielleicht fehlt auch dazu allgemein etwas die Lust in diesem Jahr, vielleicht wird auch daran gespart. Irgendwo dann doch ein aufgeblasener Weihnachtsmann an einem Zaun, sicher zwei Metter hoch, rotfröhlich im Wind schwankend, plastikgrinsend. Er fällt auf, so vereinzelt. Und da, ein vermutlich schon altgedienter Leuchtstern an einer Volksbankfiliale, das immerhin. Der könnte auch zu den Requisiten aus einem älteren Film gehören, so historisch sieht er aus.

Im Heimatdorf der Herzdame wurden neulich erst die Gräben neben den Äckern ausgebaggert, und da haben sie aber noch Glück gehabt, die Anwohnerinnen, höre ich gleich nach der Ankunft. Denn auch hier steigt das Wasser, wie schnell es steigt. Und es regnet, regnet und regnet immer weiter.

Ein Sohn geht dennoch am Abend etwas spazieren, er kommt nass wie ein Teichfrosch wieder zurück und tropft in der Wohnung alles voll. Seine Schuhe stehen dann vor dem brennenden Kamin, dunkle Pfützen entstehen darunter.

Die Katze geht durch ihre Klappe raus und kommt nach Sekunden wieder rein, jähe Empörung im Gesicht. So ein Wetter ist es.

Aber Schwiegermutter macht schließlich Grünkohl und da bewahrheitet es sich wieder: Rettung lauert überall.

Ein teils überfluteter Acker in Nordostwestfalen

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3 Kommentare

  1. „“… die neue Seenplatte… / die lauernden großen Greifvögel, die sich über den neuen Gewässern wohl fragen, ob sie jetzt noch auf Seeadler umschulen sollen oder was…..“““

    Nicht nur; *Hey, voll schön*…. sondern: Hey; magnifique, elysisch, wunderbar…. / Danke!

  2. Rettung lauert überall…das stimmt. Und in Form von Grünkohl scheint sie mir besonders willkommen
    Schöne Feiertage.

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