Frühlingserfolgserlebnis

Die Kaltmamsell, ein Jahr jünger als ich, sieht sich in etwas weiterem Abstand zu den Boomern. Da die Boomer etliche Jahrgänge umfassen ist es für mich naheliegend, dass unsere beiden Sichtweisen vollkommen berechtigt sind.

Sie erwähnt da außerdem Loseblattsammlungen in ihrem Text, in denen sie noch recherchiert hat. Als ich vor gefühlt hundertfünfzig Jahren Bibliothekswesen studiert habe, haben wir Studentinnen noch gedacht, dass das besinnliche Nachlegen von Neulieferungen in Loseblattsammlungen ein fester Bestandteil des künftigen Tagwerks sein würde, in dem Beruf, den ich dann nie ausgeübt habe.

Im Laufe der Semester kam dann aber schon eine vage Ahnung auf, dass es in der näheren Zukunft vielleicht etwas anders werden könnte und ich erinnere mich noch, wie spektakulär uns in einem Seminar zu den „Neuen Medien“ die erste selbst ausgeführte Online-Datenbankrecherche vorkam.

Sachen irgendwo auf der Welt nachsehen, ohne dafür in eine Bibliothek zu gehen, wie abgefahren war das denn.

***

Ich höre weiterhin jeden Morgen die Presseschau aus deutschen Zeitungen und ich weiß, ich schrieb es schon einmal ähnlich – aber es sind doch irritierend viele Passagen in den Kommentaren zur Politik dabei, die ich, wäre ich Lehrer für Deutsch, Geschichte, Philosophie oder Gesellschaftskunde, rot anstreichen würde, und zwar zugegebenermaßen nicht ohne eine gewisse Aggression und mit der Randbemerkung: Zu kurz gedacht! Oder auch: Leiten Sie logisch ab! Nicht selten auch: Fakten! Fakten Fakten!

Und das sage ich nicht, weil ich mich für so intelligent halte, das tue ich bekanntlich nicht einmal ansatzweise. Aber ich meine schon manchmal zu erkennen, wenn andere noch wesentlich schlichter und überhasteter denken als ich, und ich finde es dann nicht immer statthaft.

***

Ansonsten einen Bürotag gehabt, mit belebender Evakuierungsübung bei angenehmem Wetter, da geht man doch gerne zum Sammelpunkt draußen. Nachmittags dann der erste Mittagsschlaf bei geöffneter Balkontür. Dafür war es noch gar nicht warm genug, aber ich wollte unbedingt ein Frühlingserfolgserlebnis haben.

Und was war das dann schön. Ich habe bekanntlich eine schlimme Aversion gegen alles unter dem Sammelbegriff Wellness, aber Mittagsschlaf kommt dem vermutlich am nächsten für mich. Ein sehr konservatives Stück Wellness.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

3 Kommentare

  1. Genau: Mittagsschlaf, frische Luft! Mehr an Wellness ist nicht wirklich nötig, aber
    da es nichts kostet, wird es nicht entsprechend wert geschätzt.

  2. Mit Ihrem Wellnessverständnis gehe ich vollkommen d’accord. Man lasse mich bitte in Ruhe mit Wasser, Dampf, heißen Steinen oder übergriffigen knetenden Händen. Ich will doch einfach nur da liegen.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert