Zusammenhangslos vorweg fällt mir ein, dass ich hier mit Dringlichkeit als links oder woke oder grün zu lesende Inhalte einstreuen muss. Denn es ist vielleicht so, der Gedanke ist längst nicht mehr abwegig, dass jemand wie der Kulturstaatsminister & Consorten auch Blogs überprüfen lassen. Wenn es nicht ohnehin längst geschehen ist, was mich keinesfalls überraschen würde.
Wenn es aber erst ansteht, dann wäre es doch arg peinlich, aus deren Sicht nicht zu beanstanden zu sein, nicht wahr. In welche Gesellschaft geriete man da.
Also bitte.

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Christian Hanne war jetzt auch bei Fortuna Ehrenfeld und schreibt darüber.
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Im Park Planten un Blomen blühen ansonsten die Krokusse. Teils tun sie das üppig und teppichartig, sie neigen wie Menschen zum massenhaften Auftreten. Was einem die Gelegenheit gibt, Verhaltensweisen von Mitmenschen zu beobachten, die man lieber nicht zur Kenntnis nehmen würde.
Denn es ist so, dass etliche Menschen, ich habe es am Sonntag in etwa 15 Minuten fünffach beobachtet und mir damit das Recht auf Verallgemeinerung erworben, behaupte ich jedenfalls, sich für ein Selfie gerne einmal in so ein Krokusfeld stellen. Also mitten rein, versteht sich. Wozu sie zunächst in Storchmanier vorsichtig durch die fragilen Blüten stelzen. Denn die werden ja noch als liebliche Deko in aparter Farbgebung für die Aufnahme gebraucht.
Dann gibt es eine kleine Fotosession, das übliche strahlende Gesicht, die üblichen Faxen. Das bin ich im Blütenmeer, so war das im Park, so schön ist Hamburg, so schön bin ich.
Danach verlassen sie die Blumenwiese wieder. Weil die nun aber ihren Zweck erfüllt hat, walzt man jetzt vollkommen ungeniert durch das Blühzeug. Man braucht es schließlich nicht mehr und es ist auch egal. Keine Spur von Vorsicht mehr im Schritt, gar kein Gedanke an eine Ähnlichkeit zu achtsam und berechnend schreitenden Störchen mehr. Man assoziiert vielleicht eher Wildsäue, die durchs Unterholz brechen, mit diesen Menschen, die ihr Smartphone gerade wieder wegstecken.
Und wie in einem merkwürdig bewusst zusammengestellten Bildausschnitt sehe ich bei meiner fünffachen Beobachtung eine faszinierend breite Streuung über Altersgruppen und andere erkennbare Merkmale. So dass der Schluss naheliegt: Man macht das heute nun einmal so. In unseren seltsamen Zeiten des überbordenden Ichs.
Ich habe kein Krokusbild gemacht. Hier Ersatzblumen aus anderer Gegend.

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Es ist aber auch nicht alles negativ, was ich in den Parks beobachten kann. Ich habe am Sonntag viel Parkraum, also im grünen Sinne, durchstreift, viel mehr als sonst, weil das Wetter und die Laune so waren und mich immer noch weiter und weiter zogen. Und weil ich einem sich andeutenden Rückenleiden im wahrsten Sinne des Wortes entgehen wollte.
Dabei habe ich festgestellt: Man liest offensichtlich wieder. Entgegen all der Meldungen zur Krise des Buches und der Buchhandlungen hatten eine Unzahl von Solo-Personen Bücher in der Hand, und zwar Bücher aller Art. Nach einer Weile sah ich immer interessierter hin, weil es mir an diesem Tag fast die Regel zu sein schien, dass fast sämtliche einzelnen Menschen Literatur in den Händen hielten. Und auch hier ging es wieder durch alle Altersgruppen und sonstige Merkmale.

Es kann sich also nicht nur um den Trend handeln, der neulich von TikTok aus in die Wirklichkeit brach, bei dem es darum ging, dass lesende Menschen, vor allem Männer waren wohl gemeint, angeblich wahnsinnig attraktiv aussehen. Das werden etliche ältere Menschen gar nicht mitbekommen haben. Es wird bei ihnen nicht in jedem Fall um das Balzverhalten im Frühling gehen, wenn sie zum Buch greifen, nehme ich an.
Aber selbst dann, wenn es bei den Jüngeren so der Fall sein sollte, wer könnte etwas gegen diesen Trend haben, der sich so harmonisch in den globalen Analogtrend fügt.

Man sitzt einfach in der Sonne und liest aus Gründen der Hipness. Man geht mit der Zeit, indem man nicht geht, sondern sitzt und liest. In einigen Fällen schläft man über dem Buch auch ein, vielleicht weil das Lesen längst ungewohnt geworden ist und daher anstrengend. Vielleicht auch nur wegen der Entspannung, wer weiß.
Dabei erinnert die Körperhaltung dieser Lesenden, Schlafenden auf einmal an alte Ölgemälde oder Zeichnungen aus vergangenen Jahrhunderten. Da wird dermaßen Ruhe und Frieden ausgestrahlt … Man muss es in dieser Welt doch zweifellos nützlich finden.
Oder die Menschen sehen kurz von Büchern hoch und dann verträumt den Vögeln nach. Den Wolken auch, den Segelbooten auf der Alster oder den Fähren auf der Elbe, den schaukelnden Kindern und Eltern auf dem Spielplatz, den Passantinnen oder Passanten in teils attraktiver Frühjahrsmode.


Ein sympathischer Trend, denke ich mir, und wann denke ich das schon einmal.
Da vielleicht demnächst einmal mitmachen! Man will doch ab und zu auch im Freizeitverhalten à jour sein.
„I read a lot, I can’t put it down
While others are painting the town, you’ll find me in a world
Of fantasy
Population: one. That’s me
So if you ask me how I stop
Contemplating what I now have not
I’ll reply
I read a lot“
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Pessismus (die Menschen trampeln alles Schöne platt) und Optimismus (Menschen können auch still sein und lesen) in einem Blogeintrag vereint.
Das ist sehr schön.