Dann begann ich ein schmales Buch, das vermutlich schon seit Jahrzehnten ungelesen bei mir stand: „Der Tod eines Bienenzüchters“ von Lars Gustafsson, Deutsch von Verena Reichel.

Liest man Lars Gustafsson heute noch? Ich müsste mal nachsehen, ob er in Buchhandlungen überhaupt noch routinemäßig vorkommt, ich habe gerade kein Gefühl für so etwas. Früher habe ich, vermutlich vor zwanzig Jahren oder so, einmal viel von ihm gelesen und auch gemocht. Allerdings habe ich nur eine seltsam unscharfe Erinnerung an Stil und Aussagen.
Die Wikipedia schweigt sich leider dazu aus, wie seine Bücher nun waren, nur das Wort „lakonisch“ hilft mir in einem der Texte zu den Büchern etwas weiter. In einer Rezension wird er als „Retrograder Avantgardist“ bezeichnet, wie ich mit Staunen sehe. Ich kann nicht behaupten, dass mir das besonders viel erklärt, aber es klingt doch äußerst ansprechend. Vielleicht ist „Retrograder Aktivist“ auch ein hervorragender Titel für eine Visitenkarte, der Gedanke hat doch etwas. Fast möchte man sich umgehend so etwas drucken lassen, möchte man nicht? Es klingt so durchdacht, so anspruchsvoll und gewichtig, es macht zweifellos etwas her.
Nüchtern und besonders durchdacht. Das könnte es vielleicht treffen, so waren Gustafssons Bücher und Texte wohl, das passt zumindest zu meiner ungefähren Erinnerung. „Ich neige dazu, mich als einen Philosophen zu betrachten, der die Literatur zu einem seiner Werkzeuge gemacht hat“, so beschrieb er das selbst (Quelle).

Im „Tod des Bienenzüchters“ erhält die Hauptfigur einen Brief, in dem ein Befund vom Krankenhaus ist, der die Diagnose einer schnell zum Tode führenden Krankheit enthält – oder auch nicht. Er macht diesen entschieden unheimlichen Brief dann gar nicht erst auf. Um sich den Möglichkeitsraum zu erhalten, um sich etwas vage Hoffnung zu bewahren. Er vernichtet ihn sogar ungelesen, er wird nicht erfahren, was darin genau stand.
Manchmal tut ihm im weiteren Verlauf der Handlung etwas weh, manchmal fühlt er sich krank, manchmal nicht. Manchmal weiß er es nicht recht. Er schreibt etwas auf, er notiert etwas über frühere Zeiten, er denkt über sein Leben nach. Und über das, was er machen könnte, noch machen könnte.
Es war wohl ein typischer Gustafsson-Schachzug, die Geschichte so anzulegen, auch das Ende des Lebens als Akkord von Neuanfang und Tod darzustellen.
Das Buch wurde verfilmt, das wusste ich nicht. Von Theo Angelopoulos, der die Handlung nach Griechenland verlegt hat und Marcello Mastroianni die Hauptfigur spielen ließ. Die Bilder daraus, die ich auf YouTube finde, sehen so aus, als würde ich diesen Film sehen wollen.
Die Wikipedia zitiert eine Rezension: „… ein strenges, ernstes und sehr melancholisches Drama über die Einsamkeit, das Marcello Mastroianni in einer Glanzrolle als Hauptakteur präsentiert. Das Motiv Liebe und Tod durchzieht dieses poetische Meisterwerk.“
Auch bei Gustafsson wusste ich zunächst nicht, wie er aussah, aber YouTube hilft mir auch dabei. Er konnte Deutsch, sehe ich im Clip, sehr gut sogar, und seine Erscheinung passt erstaunlich exakt zu meiner Vorstellung von ihm.

Das Buch, das in diesem Film gerade auf seinem Schoß liegt, stand hier im Regal neben dem Tod des Bienenzüchters. Da könnte ich dann auch noch einmal hineinsehen. Es war, wenn ich mich richtig erinnere, eines der geschmeidigeren, netteren Werke.
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Ich finde, die ganze Romanreihe »Risse in der Mauer«, auch »Das seltsame Tier aus dem Norden« ist wiederlesenswert (auch für mich, mache mir gerade mal einen inneren Vermerk). Das sich in leichten Variationen durch die Pentalogie ziehende Motto »Wir geben nicht auf. Wir fangen noch einmal an.« ist eines, das sowieso taugt. – Spätere Romane klangen bei mir weniger an.