Zur Erholung zwei Hamburger Parkszenen. Eine wirkt ausgedacht, eine wirkt arg klischeemäßig, werden die lesenden Menschen da sicher wieder sagen. Ich aber sage Euch: Genau so geht es hier zu.
Das erste Bild ist schnell erzählt und stellt sich so dar, als habe man ein lustiges Internet-Meme mal eben im Original nachgebastelt und hierher ins Grüne verlegt. In etwa so, wie man früher die lebenden Bilder an den adeligen Höfen inszeniert hat. Wozu wir erstens noch eben den Fachbegriff lernen, wenn wir schon dabei sind: „Tableau vivant“ (Wikipedia-Link), und uns zweitens nebenher fragen, ob es bereits ein beliebtes Gesellschaftsspiel ist, auch Internet-Memes auf diese Art nachzustellen. Und wenn nein, warum nicht? Hier noch einige sehenswerte Tableau-vivant-Bilder frisch gefunden und gemocht.
Vor uns also, Sie werden es sich ohne weiteres vorstellen können, eine Reihe von Parkbänken in gerade ergrünender Anlage. Der Tag ist heiter, die Luft ist warm, die Stadt ist sichtlich gut gelaunt und der Tag schon etwas vorangeschritten, also sind diese Bänke auch fast sämtlich gut besetzt. Mal sitzen da Menschen zu zweit, mal zu dritt und manchmal auch noch zahlreicher, mit Kindern auf den Knien usw.
Diejenigen, welche zu zweit sitzen, sehen wir Arm in Arm, vielleicht Wange an Wange, Hand in Hand. Es wird auch geküsst und geherzt, das liegt an der Jahreszeit. Einige lesen, einige reden, einige sehen ins knospende Laub und denken vermutlich etwas Besinnliches wie etwa „Schön grün.“ Was man dann so denkt, in solchen Momenten, Sie kennen das.
Es ist ein Wochenendtag und insgesamt sieht hier niemand nach Überforderung aus.

Auf einer Bank sitzt nur eine Person. Aber ein sogenannter Zufall wird es wieder sein, dass nur eine einzige Bank mit nur einer Person besetzt ist. Eine Frau ist es, die dort allein sitzt. Wobei sie ein Buch liest, das sie so hält, wie alle Menschen, die in der Öffentlichkeit lesen, ihre Bücher gefälligst immer halten sollten. Nämlich derart, dass man als Passant den Titel erkennen kann, und zwar ohne lästige oder gar peinliche Verrenkungen machen zu müssen und ohne dem lesenden Menschen dabei unpassend nahe kommen zu müssen.
Wir erkennen also erfreulich mühelos den auf dem Cover auch noch sympathisch großgedruckten Titel, welcher in ihrem Fall lautet: „How to talk to anyone.“

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Zur zweiten Szene, einen Park weiter. Dort spielt vor einer Hecke am Wegesrand ein Straßenmusiker Saxophon (das Saxophon von Adolphe Sax hatte übrigens gerade Patent-Geburtstag, es gab dazu ein interessantes Zeitzeichen von 15 Minuten Länge beim WDR).
Er spielt gekonnt und eher unaufdringlich, der Mann mit dem Saxophon. Seine Musik ist keine allzu raumfordernde Maßnahme. Zwar nutzt er Technik, Box etc., aber so dezent, wie es heute kaum noch üblich ist. Entweder ist sein Equipment billig und kann daher nicht viel, oder er ist ein aus der Zeit gefallener, erstaunlich rücksichtsvoller Mensch, man weiß es nicht.
Aus seiner Box kommt Begleitmusik zu seiner Melodie, Percussion und andere Instrumente vom Band. Es swingt etwas, ohne dass ich einen bestimmten Song erkennen würde. Die Richtung Swing aber, die immerhin erkenne ich verlässlich, oder ich bilde es mir zumindest erfolgreich ein. Hinter und neben dem Musiker Frühlingsgrün, vor dem Musiker der Kiesweg, auf dem an einem so schönen und sicher auch für viele spaziergangssaisoneröffnenden Tag viel Volk unterwegs ist.

Ein junges Paar bleibt stehen. Sie hören kurz zu, dann legt sie ihre Handtasche neben den Musikgerätkoffer des Spielenden, er seine Jacke, und dann fangen sie an, etwas zu tanzen. Lässig sieht das aus. Ungemein gut zum Wetter und zu dieser Szene passend auch. Leger und irgendwie … südlich, denkt man da als Norddeutscher unwillkürlich.
Weil wir hier alles, was uns irgendwie nett vorkommt, gerne als südlich interpretieren. Denn es wird sicher woanders herkommen, dieses Nette, Lässige, Vergnügte, Entspannte, welches wir da gerade wahrnehmen. Aus uns heraus kommt es doch wohl nicht. Oder sind wir gar nicht so? Da neigen wir nicht zum Grübeln, da denken wir lieber an den Süden. Das ist simpel und erfüllt den Zweck.
Die beiden tanzen also, und es sieht in etwa so aus, wenn man kurz in Tanzkursen denkt, als seien sie bei den Fortgeschrittenen schon angekommen, noch nicht aber bei den ganz alten Hasen. Noch nahbar könnte man es auch nennen, wie sie da tanzen.
Sie führen nichts vor, was unerreichbar aussieht, keine allzu komplizierten Drehfiguren, keine Würfe etc., keine komplizierte Kür. Aber doch ist es so gekonnt, dass es auch nicht irgendetwas ist. Man sieht schon, dass und was sie gelernt haben.
Niemand schließt sich ihnen an, so ist es nicht. Wir wollen nicht übertreiben in dieser Stadt und niemand hat die Absicht, einen Flashmob zu inszenieren. Aber alle, wirklich und ernsthaft alle, die an den beiden vorgehen, und ich sehe es mir eine ganze Weile an, weil es mich so nett an meine Lindy-Hop-Zeit erinnert, lächeln.
Etliche Arten des Lächelns kann ich da auf den Gesichtern erkennen, von versonnen bis hell strahlend. Einige lächeln auch erinnerungsselig, im Geiste vielleicht weit und nostalgisch verklärt zurückblickend. Da werden Bilder auftauchen und Weißt-Du-Noch-Partikel. Du damals in dem Kleid mit den Polka-Dots, wir in diesem Garten-Café … und was war schon dabei.
Einige lächeln innig und freudig anteilnehmend, gönnend sicher auch. Einige lächeln wissend. Weil sie auch selbst tanzen könnten, wenn sie nur wollten. Oder wenn sie gerade den passenden Menschen dazu am Arm hätten und nicht gerade Onkel Klaus nach seiner Knie-OP.
Einige lächeln etwas sehnsüchtig, fast wie bittend, etwas wollend. Einige lächeln stark romantisiert und vermutlich zu allem bereit. Im Falle von Paaren lächeln sie sich dabei zwischendurch auch rückversichernd an, mit aller Ungeduld des Herzens, wie es bei Stefan Zweig heißt.
Sagen wir einfach, ein bis zwei Hundertschaften der hanseatischen Promenierbevölkerung gehen hier vorbei. Eine Lächelparade des Wohlwollens. Und die Tanzenden, sie bekommen das kaum mit. Sie sind doch so sehr damit beschäftigt, sich anzusehen.Was aus meiner Sicht auch vollkommen der althergebrachten Ordnung entspricht.

Mit anderen Worten, es gehört also gar nicht viel dazu, ein einziger betanzter Quadratmeter Kiesweg nämlich nur, um hier eine auffällig positiv wirkende Szene zu gestalten. Es braucht nur einige Sonnenstrahlen, es braucht nur ein paar Takte und einige getanzte Schritte.
Vielleicht denkt es der Saxophonspieler, bei dem man blasmusikbedingt allerdings nicht erkennen kann, ob auch er während dieser Szene lächelt, zumindest nebenbei:
„That was easy.“
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