Auswechselsitzenbleiber

Vor einer Weile hatte ich einmal die „Sozialraumläufer“ erwähnt (hier war das). Das sind jene bei der Stadt angestellten Menschen, die sich hier, also noch in Hauptbahnhofsnähe, um Elend und Verwahrlosung kümmern sollen. Wobei sie ausdrücklich eher aufklärend und helfend als vertreibend vorzugehen haben. „Erste Ansprechpartner für Menschen, die hier auf der Straße leben“, wie es offiziell auf den Seiten der Stadt heißt.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Armut

Sowohl am Begriff wie auch an der Aufgabe, an der Ausgestaltung der Maßnahme und am PR-Ehrgeiz und Neusprech der Behörden gab es reichlich Kritik. Etwas mehr dazu steht im oben verlinkten Artikel. Auch in anderen Städten wird aber Ähnliches versucht, wie ich gelesen habe, dann mit anderen, vermutlich auch kritisch zu würdigenden Bezeichnungen.

Sie sind immerhin einfach zu erkennen, diese Sozialraumläufer, denn auf ihren Westen steht hinten groß drauf, was sie sind. Ungegendert übrigens, auch die Frauen sind Läufer. Vielleicht nur ein Platzproblem, so breit sind die Rücken unter den Westen nun auch nicht.

Für bloggende Menschen und andere Chronisten ist es jedenfalls eine sympathische und auch hilfreiche Maßnahme, die handelnden Personen im Stadtbild so überaus deutlich zu betexten. Da weiß man dann in anziehender Klarheit, über wen man zu schreiben hat. Aus unserer Sicht könnte man dieses Kennzeichnungsmodell also gerne auf weitere Personengruppen übertragen. Allerdings erahne ich hierbei schon gewisse Schwierigkeiten.

Die Sozialraumläufer machen nun in der Nähe unseres Hauses häufig Pause. Weil sie dort eine Sitzgelegenheit vorfinden, wenn es auch weiß Gott keine bequeme Variante ist. Dazu noch eine kleine Überdachung, die beim Hamburger Regen zwischendurch überaus willkommen ist. Sie sitzen dann eine Weile auf kaltem Stein, sie plaudern, sie rauchen oder dampfen. Sie snacken vielleicht auch einmal eine Kleinigkeit, trinken einen Energy-Drink dazu.

Und weil sie dort sitzen und solange sie dort sitzen, hält sich die andere Klientel, welche diesen etwas geschützten Winkel sonst ebenfalls sehr schätzt, eine Weile fern. Also die Obdachlosen, die gestrandeten Arbeitssuchenden aus Osteuropa und anderen Weltteilen, die fortgeschritten Alkoholkranken, die Junkies. Dazu die Schnittmengen dieser Erstgenannten. Und natürlich noch die kiffenden Schülerinnen und Schüler, sowie schließlich die maximal Verwirrten aller Art, welche man in der Mitte aller Großstädte immer zahlreich antrifft.

Das Pappschild eines bettelnden Menschen "Bitte Essen"

Sie grüßen immer sehr freundlich, diese Sozialraumläufer, wenn ich etwa aus dem Haus komme und an ihnen vorbeigehe. Aber, und das wird vielleicht verwundern, das tun die Damen und Herren aus den anderen Gruppen in der Regel auch. Mit Ausnahme der Schülerinnen und Schüler, versteht sich.

Mit anderen Worten, die rastenden Menschen, die sich dort vom für alle so überaus anstrengenden urbanen Leben auf den Straßen kurz ausruhen, wurden einfach durchgetauscht. Es fehlt eigentlich nur noch, dass auch die Sozialraumläufer zwischendurch ihre Schlafsäcke ausrollen und eine Pappe unterlegen, um ein kurzfristig rettendes Nickerchen zu machen. Eine betont friedliche Auswechselsituation.

Ob ich daraus aber logisch ableiten kann, dass dieses neue Konzept funktioniert und für alle Beteiligten gut aufgeht, ob es gar soziale Fortschritte ermöglicht hat oder sich diese bald abzeichnen werden…  Ich weiß es noch nicht recht.

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