Spaziergang dorthin, wo Maleen zu lange gewartet hat

Vorweg herzlichen Dank erneut für die Zusendung eines Buches vom Wunschzettel. Diesmal gab es, äußerst passend zum Aufenthalt am Strand, ein Buch des portugiesischen Dichters Antonio Lobo Antunes: „Welche Pferde sind das, die da werfen ihren Schatten aufs Meer?“  So ein anziehender Titel, ich finde ihn sehr gelungen. Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann, und auch zu diesem Namen möchte man gratulieren.

Vielen Dank!

Das Buch "Welche Pferde sind es, die da werfen ihren Schatten ins Meer?"

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Maleens Knoll, oder, wenn man es etwas feiner ausdrücken möchte, die Magdalenenspitze, was aber doch im Vergleich etwas geziert klingt, ist ein Aussichtspunkt mit einer kleinen Turmkonstruktion für die Besuchenden auf einer hohen Düne bei Sankt Peter-Ording, im nördlichen Ortsteil Bad. Wenn man dort Urlaub macht, wenn man etwa die Dünen-Therme nebenan besucht, wie es fast alle tun, spaziert man vielleicht einmal dort vorbei.

Durch etwas Kiefernwald geht man da zunächst. Der einem angenehm südlich vorkommen kann, mit Anklängen an Frankreich und an die Küste des Atlantiks, wenn man das dort kennt und vergleichen kann. Kiefernwald und sandiger Boden, dazu der Geruch nach Meer. Die stehende Sommerhitze zwischen den Baumstämmen, der angenehme Geruch des trockenen Holzes, und über dem hellen Boden flimmert es hier und da sogar. Unbekannte Vögel singen im Unterholz und es ist meist wenig los dort. Es ist ein ausgesprochen schöner Gang dort „hinauf“. Von wirklicher Höhe kann man allerdings dabei kaum reden, auch wenn es tatsächlich weit und breit der höchste Punkt ist.

Der Name des Ortes stammt von dem Mädchen Maleen, von der man sich heute noch erzählt. Die wir uns selbstredend schön vorzustellen haben, wie in allen Geschichten dieser Art. Blond wird sie gewesen sein, das damalige Friesenmädchen aus einer Zeit, in der man sich Geschichten noch erzählt und gemerkt hat. Strahlend blond und vielleicht sogar besonders schön, warum auch nicht. Ihr Verlobter fuhr zur See, wie es vermutlich alle Verlobten in jener schon fernen Zeit gemacht haben, auf Walfang oder dergleichen. Er fuhr zur See, sie versprach zu warten. Er aber wird versprochen haben, wiederzukommen.

Es ist bis dahin ebenso nett und herzig wie vollkommen unoriginell.

Strand in SPO, abendblauer Himmel, wolkenverhangen. eine Boje liegt auf dem Sand

Damit es aber eine Geschichte werden konnte, kam der Verlobte nicht wieder. Lange, lange Zeit kam er nicht wieder. Und sie saß und saß auf der hohen Düne, sie sah aufs Meer und wartete treu, sie verzehrte sich schier vor Sehnsucht dabei. Ein Spinnrad nahm sie stets mit dort hinauf, damit sie beim Warten beschäftigt sei, und auch eine kleine Laterne. Sie saß da und spann und spann, und sie wartete immer weiter. Wenn es dunkel wurde, zündete sie ihre Laterne an. Für sich, aber auch und vor allem für den Verlobten, damit er jederzeit zuverlässig ein Licht an der Küste sehen könne.

Sie sah auf die See und hoffte und hoffte, er würde von einem zurückkehrenden Schiff aus auf das Land sehen.

Grünes Vorland in SPO unter grauen, tiefen Wolken

„An den Anblick gewöhnten sich dann alle“, so heißt es immer. Nämlich an den Anblick des abendlichen Funzelleuchtens auf der Düne. An diesen kleinen, aber so zuverlässigen Lichtpunkt dort oben.

Als das Licht für einige Tage abends ausblieb, ging man schließlich nachsehen, es war doch ungewöhnlich. Man fand sie neben ihrem Spinnrad liegend, sie hatte sich zu Tode gewartet. Einige Wochen später, wie es lapidar berichtet wird, wurde nicht weit von dort ein ertrunkener Seemann mit der Flut an den Strand gespült. Er trug den gleichen Ring wie jene Maleen.

So also geht die Geschichte, die sich mit Maleens Knoll verbindet. So wird sie dort im Ort erzählt und so steht sie auch in den Reiseführern und auf den erklärenden Tafeln am Wegesrand. Wir wollen diese kurze Sage von Liebe und Leid, liebe Freundinnen und Freunde des Beziehungscoachings, kurz ausdeuten.

Und zwar wollen wir klar und in angemessener Deutlichkeit benennen, was wir hier eigentlich im Kern vor uns haben. Ausdrücklich im Lichte neuerer Erkenntnisse, also im Geiste unserer Zeit, wollen wir es deuten. Denn wir leben und lieben heute und nicht im Friesland vor Hunderten von Jahren. Und kommen daher zu folgendem Schluss:

Wenn ein innig geliebter Mensch, der versprochen hat, zu einem anderen Menschen zurückzukommen, partout und entgegen aller Absprachen nicht erscheinen möchte, dann sollte man keinesfalls lange herumspinnen und sich mit vergeblicher Warterei beschäftigen. Vielmehr sollte man sich möglichst umgehend dem Leben und selbstverständlich auch anderen, weiteren Menschen zuwenden.

Sonst geht man nämlich am Ende leer aus, womit man für niemanden etwas erreicht. Sonst dient man auf diese Weise also lediglich anderen als warnendes Beispiel, und das sollte kein erstrebenswertes Ziel für uns sein.

Bitte sehr, gerne geschehen. Man sollte Geschichten nicht nur lesen oder hören, man sollte auch aus ihnen lernen können. Das ist sehr wichtig.

Es ist, ich sagte es schon, unbedingt ein empfehlenswerter Spaziergang, dieser kurze Besuch von Maleens Knoll, und es ist ein Gang, den nicht allzu viele Besucherinnen machen. Es ist daher bemerkenswert ruhig dort, wo andere schon vor lauter Warterei gestorben sind.

Ein so besinnlicher kleiner Umweg.

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