Dekonstruktion der Sommerluft an der Küste

Düfte sind bekanntlich besonders eng mit Erinnerungen verbunden und immer wieder in der Lage, unseren Geist erstaunlich gekonnt und unversehens flott durch viele Jahre zurückzubefördern. Mal ist es willkommen, mal ist es etwas lästig, wenn unsere längst vergangenen Momente sich solcherart als untot erweisen: Manchmal kommen sie eben wieder. Um nicht schon wieder Faulkner mit „… it’s not even past etc. …“ zu zitieren. Aber es trifft die Sache schon, trotz aller Kalenderspruchqualität, wie man mit jedem Lebensjahr deutlicher erkennt.

Es kann auch sein, dass die Qualität der Erinnerung etwa auf der Mitte zwischen den beiden Polen liegt. Dass sie gleichzeitig gute und schlechte Zeiten enthält.

So geht es mir mit Geruch, der etwa dem folgenden Bild zuzuordnen ist. Den Strand im Hintergrund müssen Sie sich bitte noch dazu vorstellen, gleich beim Horizont dahinten, etwa fünfzehn Gehminuten entfernt.

Landschaft mit Heckenrose bei SPO

Es ist ein Sommerduft, und man muss ihn sich intensiv vorstellen. Er füllt die Landschaft, leicht auch ganze Orte und weite Strände, er hat Volumen und Erstreckung. Eine süße Schwere ist darin und fällt zuerst auf, die kommt von den überall an der Küste blühenden Heckenrosen. Besonders weit duften die, und manchmal mit einer so deutlichen, blumigen Süße, dass man meint, man müsste etwas wie Schwaden herumwehen sehen können, rosafarbenes Gewölk in der Luft. Aber da ist natürlich nichts. Die Landschaft gibt sich nur wie eine Dame, die ein wenig zu viel Parfüm genommen hat.

Dann, etwas weniger süß, auch in diese Richtung gehend, aber ein wenig mehr die Kurve Richtung Badezimmer nehmend, der Anteil an Sonnencreme oder -öl. Der auch weitab der Strände, oft sogar eher unvermutet, markant wahrzunehmen ist, in unterschiedlichen Sättigungsanteilen.

Schwer zu verorten, wenn das ein Wort ist, das man mit Duft überhaupt in Verbindung bringen kann, ist die Grundierung der Aromen durch Salzwasser und frischen Wind vom Meer. Die beide unaufdringlich unter allem sind und die dem Ganzen Weite geben. Vielleicht auch so etwas urlaubshafte Lässigkeit, aber das wird nur vom Land aus gelten, wenn man sich also nicht gerade um Segel oder Anker und dergleichen zu kümmern hat.

An der Nordsee deutlicher als an der Ostsee kommt noch Kraut dazu. Ein würziger Gründuft, vielleicht mit etwas Ginster oder Raps dabei. Ein wenig herb manchmal, oder auch süßer und an Heu erinnernd. Je nachdem, wo man gerade ist und was ringsum so wächst.

Bodenhaftung und Schwere wird der Luft in diesen Gegenden durch Pommesfett zugesetzt. Ein Imbissmittagsgeruch und eine flüchtige Kindheitsstrandhungererinnerung, die mit großer Verlässlichkeit auszumachen ist, sobald es irgendwo auch nur geringfügig nach Bädertourismus aussieht.

Ich atme prüfend ein und merke, wie ich die Wahl habe. Ich kann mich entweder erinnern an Ferientage am Strand, die mit rein gar nichts gefüllt waren, abgesehen von Schwimmen, Burgen bauen, irgendwelchen Ballspielen und dergleichen. Keine Pflichten weit und breit und die kostbare Gewissheit, dass morgen noch so ein Tag sein würde. Und dann noch einer. Teils selige Zustände habe ich damals erreichen können, etwa beim Einschlafen im Strandkorb nach dem stundenlangen Baden in den Wellen.

Oder aber ich kann mich erinnern an Tage, die den eben beschriebenen durch und durch ähnelten, aber ich war dummerweise schon ein wenig älter und nicht mehr nur Kind. Ich wollte vielmehr schon etwas, ich hatte schon Wünsche und gewisse Vorstellungen. Und meist konnte ich die auch mit Namen benennen. Also mit Mädchennamen.

Aber es passierte dann gar nichts, sommerlang passierte nichts. Mit dem Duft kann ich daher ebenso eine unerträgliche, schwer durchzustehende Ödnis verbinden. Eine schwere, lähmende Langeweile, ein mühsames Existieren von Stunde zu Stunde. Mit der unschönen Gewissheit, dass die Stunde danach auch nicht viel besser werden würde.

Es muss einen Sommer gegeben haben, in dem sich die beiden Zustände noch knapp die Waage gehalten haben. Aber das kann ich nur ableiten, ich weiß es nicht mehr genau. Ich kann mich nur auf eine seltsam gefühlskippelige Art an die damaligen Zustände erinnern.

Das Vorland am Strand von SPO

Strand von SPO mit Holzgestell

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