Drei Anmerkungen zu Olympia in Hamburg. Mit Musik.

Erstens

Bei der Diskussion um die mögliche Olympiabewerbung von Hamburg fiel auch das Wort „Übertourismus“. Vielleicht fiel es in der öffentlichen und medialen Diskussion sogar zum ersten Mal ganz ernsthaft im Zusammenhang mit dieser Stadt. Es ist sonst eher für Städte wie Venedig oder Heidelberg vorgemerkt, vielleicht auch noch für Athen (ich sah es in diesem Zusammenhang gerade im Guardian), für Inseln wie Sylt und dergleichen. Aber für Hamburg selbst?

Als Bewohnerin von Hamburg-Mitte oder als mitschreibende Bloggerin aus dieser Gegend ist man allerdings seit Jahren deutlich weiter als die öffentliche Diskussion. Denn man hat sich längst oft genug zu Hochsaisonzeiten an den typischen Postkartenperspektivpunkten des Bezirks durch die unüberschaubaren, im Weg stehenden Massen gekämpft, weil man da aus vollkommen alltäglichen Gründen nun einmal vorbei- bzw. durchgehen musste.

Das übliche „I’m not a tourist – I live here.“ Ein Satz, der mittlerweile auf der ganzen Welt bekannt und an immer mehr Orten angebracht sein dürfte. Historisch ist dieses von tausend T-Shirts und Caps bekannte Statement übrigens mit dem Vietnamkrieg verbunden, ich habe es gerade einmal nachgelesen. Es stand scherzhaft auf den Helmen derjenigen, die dort schon länger gedient hatten.

Wenn man jedenfalls einen dieser Momente erwischt, und schwer zu finden sind sie nicht gerade, in denen es in der Mitte dieser Millionenstadt schon rappelvoll ist, Menschentrauben überall, alle Wege wieder blockiert, alle Bummelnden aufgestaut und sämtliche Außengastroplätze deutlich überlagert, der Hauptbahnhof so dramatisch überfüllt, wie man es vor jeder Massenpanik aus den Nachrichten zu kennen meint, dann weiß man vielleicht spontan nicht recht, wie zu diesen Mengen und Massen noch Olympiatourismus addiert werden kann. Und man denkt sich dann kurz und schlicht, wie man als Laie eben dauernd denkt: „Aber das passt doch gar nicht?!“

Ich finde es vollkommen nachvollziehbar, dass man das denkt, denn ich denke das auch. Es ist ein Gedanke, der einem logisch vorkommt, nicht besonders kritisch oder politisch, eher simpel und naheliegend. Es ist eine Frage, die man stellen kann, ohne damit zersetzend wirken zu wollen.

Ich fand es erheiternd, was der Tourismusverband gerade zu jenen gesagt hat, welche diese Befürchtungen bezüglich „Übertourismus“ geäußert hatten. Es wurde da nämlich verkündet, dass es zum Übertourismus gar nicht kommen würde. Da haben wir nämlich alle zu kurz gedacht. Nein, es wird keinen Übertourismus geben. Weil doch genug Leute wegbleiben werden, wegen Olympia! Die einen rein, die anderen raus. Es wird ein Kommen und Gehen sein, der Herr wird sie geben und nehmen, die Touristenmengen.

Dass man darauf nicht selbst gekommen ist! Man braucht eben doch Expertinnen für alles, um die Welt wirklich verstehen zu können. Seltsam ist es nur, wenn man dies so weiterdenkt, für ein Nullsummenspiel dieses Ausmaßes einen derartigen Werbeaufwand zu betreiben. Aber auch das wird gewiss jemand kundig kommentieren können, gar keine Frage.

Mir bleiben dennoch gar nicht mal so leise Zweifel. Ich gehöre, ein zugegeben etwas weiter Assoziationssprung, zu den gents qui doutent, um zur Abwechslung an ein Chanson zu erinnern.

Hier das entsprechende Lied von Anne Sylvestre dazu, in einer ansprechenden Coverversion. Und dann noch, es ist ja ein Serviceblog, wenn Sie mitlesen mögen, denn es ist ein wahrhaft wunderbarer Text, eine Übersetzung Zeile für Zeile.


Zweitens

Vergleichsweise brillant fand ich allerdings die neue Strategie des Ersten Bürgermeisters, sich bei der Olympiabewerbung argumentativ auf „Wenn nicht Hamburg, dann München!“ zurückzuziehen.

Respekt! Der Herr versteht etwas von seinem Handwerk, es ist nämlich das Argument schlechthin. Es holt die Leute ab, es ist erfrischend einfach, es bedient beliebte, uralte und nach wie vor gängige, äußerst lebendige Muster. Zudem richtet es sich gegen andere, irgendwo da draußen, weit südlich der Elbe, das wird schon passen. Es passt nämlich immer und diese Bayern, sie sind ohnehin dermaßen anders … Man muss auch nicht immer alles gönnen, kann es vielleicht gar nicht.

Wäre ich Kampagnenchef für die Olympiabewerbung, wofür ich allerdings dank meiner Aversion gegen Sport, Großereignisse und Massentourismus ein klein wenig ungeeignet sein dürfte, ich würde mich dieser Argumentationslinie anschließen wollen. Weil sie vermutlich funktionieren wird.

Wir hier oben, die da unten, klar geht das auf.


***

Drittens

Durch bloßen Zufall kann ich mich außerdem in Medienkritik üben. Wobei ich mich etwas zusammenreißen muss, denn ich bin, wenn man bedenkt, dass es nur um ein Sachthema geht, das mir eigentlich egal ist, ungewöhnlich wütend. Und das kam so:

Ich ging am Jungfernstieg so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Im Schatten sah ich eine Demo steh’n, und muss hier allerdings vom Goetheschen Textvorbild abweichen, denn so komme ich nicht weiter. Diese Demo war auch gar keine Demo, das dachte ich nur zunächst, sie war vielmehr eine Kundgebung. Mit Bühne, mit Bühnentechnik auch, und zwar von der gewaltigen, außerordentlich fetten Art, sehr auffällig. Als würden gleich die Rolling Stones die Binnenalster beschallen wollen. Auf dieser Bühne hampelten aber nur etwas verloren wirkende Plüschmaskottchenfiguren herum, und vor der Bühne, Achtung, standen einige wenige Schaulustige, wie man so sagt. Allzu lustig sahen die aber gar nicht aus, und vor allem nicht allzu zahlreich.

Das war eine Pro-Olympia-Veranstaltung. JOlympia oder OlympJA, wie man hier sagt, im Gegensatz zum ebenso naheliegenden NOlympia. Ich finde diese Varianten alle sprachlich etwas anstrengend, to say the least, aber egal.

Also stellen Sie sich bitte kurz vor: Riesenbühne, so deutlich überdimensioniert, dass irgendwer im Publikum mit absoluter Sicherheit mehrfach „Was das alles kostet!“ sagt. Dazu Politprominenz aus der Stadt und flehendes Animations-Applaus-Gebettel wie am Hotelpool auf Mallorca. Davor ein paar Hundert sich besonders erfolgreich zurückhaltende Hanseaten. Ein heftiger Reinfall, diese Veranstaltung, schon auf den ersten Blick.

Was mich dann wütend machte, immer noch macht, das waren einige Medien, die auf Insta und anderswo anderes verbreiteten. Nämlich Wendungen wie „Großer Andrang“, „Klares Signal“, „Gute Stimmung“, „Deutliche Unterstützung“ und dergleichen mehr. Dazu Bilder, bei denen ganz auffällig die Totale fehlt, bei denen vielmehr nur Nahaufnahmen von Grüppchen, Plüschmaskottchen etc. ausgewählt wurden. Manipulativ bis zum Anschlag, von „Qualitätsmedien“ gar keine Rede bei denen, die sich dort so einspannen lassen. Ernüchternd und schade, ich hatte und habe deutlich höhere Erwartungen an Berichterstattung ab dem Boulevard aufwärts.

Denn dagegen bin sogar ich um die Wahrheit, von der ich doch weiß, dass es sie in der textlichen Abbildung gar nicht geben kann, jederzeit ernsthaft bemüht. Echtjetztmal.

Zu loben ist allerdings ausdrücklich der NDR. Und Gott sei Dank ist er zu loben, möchte ich als Freund der Öffentlich-Rechtlichen da ergänzen. Denn der NDR schrieb, was war, und ich will stark hoffen, dass es niemanden Mut gekostet hat, das so zu schreiben, die Leute so zu zählen und die Wirklichkeit zu benennen.

Dagegen etwa das Abendblatt: „Party auf dem Jungfernstieg: 3000 Menschen setzen Zeichen für Olympia in Hamburg.“ Nein, das taten sie eher nicht.

Na, wie auch immer. Wenn das eine Party war, ich möchte bitte künftig zu keiner mehr gehen. Aber Partys und ich – das ist eh ein schwieriges Thema.


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Ein Kommentar

  1. Es gibt schon erstaunlich einseitige Berichte zu dem Thema. In der Hamburger Wirtschaft, dem Magazin der Handelskammer, war ein großer Beitrag. Beim Lesen entstand der Eindruck, dass Hamburger dumm wären, diese Riesenchance zur Sanierung der Stadt anderen Orten zu überlassen. Es klang alles wie ein wunderschöner Traum. Nicht wie der meiner Ansicht nach zu befürchtende Apltraum. Ein Argument dafür war auch noch ausgerechnet, dass dauerhaft mehr Tourist_innen nach Hamburg aus dem fernen Ausland kämen, weil die Hamburg dadurch erst namentlich kennenlernen würden und Lust auf einen Besuch bekämen. Nun ja.

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