12 Grad, absinkend

Alle paar Jahre kommt es vor, was sich jetzt gerade wiederholt, dass es nämlich im Norden des Landes, also hier, etwa in dieser Stadt, einfach nicht warm wird. Der Frühling fällt tendenziell aus. Er hat den Punkt verpasst, er wurde nicht abgeholt oder konnte nicht zugestellt werden, vielleicht hat er niemanden angetroffen, was auch immer genau zutreffen mag. Wir bleiben in diesen Breiten jedenfalls auf den längst verstetigten 12 Grad hängen, mit denen wir uns seit dem Januar schon mehr oder weniger angefreundet haben, wenn nicht sogar seit Dezember oder November.

Anderswo, ich sehe kurz etwa zu den geschätzten Kontakten in Bonn, ist es sehr wohl warm. Sieht es lau aus, freundlich besonnt, mild, mediterran anmutend und alles. Hier aber ist es jeden Tag aufs Neue nordisch by nature, so klischeegerecht wie es nur geht. Hier weht der Nordwest in starken Böen und grüßt dermaßen nordseefrisch und nasskalt, dass man sich an der Küste Norwegens wähnt. Irgendwo am Fjord, auf dem noch das letzte Treibeis …

Blick über die Elbe, ungefähr Höhe Dockland

Und die gnadenlosen 12 Grad, sie bleiben uns zwar unerbittlich und immer wieder fast auf den Punkt genau erhalten, sie werden aber immer kälter dabei. Dieses ergibt sich dadurch, dass sie von Woche zu Woche npassender werden, sich mit jedem Tag unstimmiger anfühlen, immer unterkühlter wirken. Etwas in uns bemerkt das. Es ist so eine chronobiologische Geschichte, denn der Mensch ist auch nur ein Tier. Und zwar bedauerlicherweise eines ohne Winterschlaf.

Wir erwarten nun, es ist immerhin bereits viertel vor Mai, instinktiv wärmere Temperaturen. Und zwar sollten sie allmählich deutlich wärmer ausfallen. Weswegen 12 Grad gefühlt immer weiter und spürbarer absinken, gefühlt in Richtung der Minusgrade zurückfallen. Weswegen sie sich retrofebruarmäßig anfühlen, winterlich und arktisch.

Das alte Fährterminal an der Elbe

Es gibt da draußen wieder Menschen, und wenig sind es längst nicht mehr, die haben alle Winterklamotten erneut hervorgekramt und angezogen. Mit Mützen, Schal, Handschuhen und allem, vermutlich auch mit Thermounterwäsche, die sieht man nur nicht.

Das aber geht bei mir nicht. Nein, da kann ich nicht mitmachen, kategorisch nicht. Denn ich habe, als es einmal versehentlich und leider auch nur stundenweise 14 Grad waren, meine Winterjacke in wilder Hoffnung schon weggehängt. Also weit weg, nicht nur in den Schrank oder an die Garderobe. Saisonendlich und gründlich verräumt habe ich sie. So wie man etwa auch Weihnachten irgendwann in den Keller bringt, um mit dem Thema erst einmal durch zu sein, was sich dann auch in jedem Jahr gut und befriedigend anfühlt. So auch mit der Winterkleidung.

Wenn ich diesen Schritt aber unternommen habe, dann gibt es kein Zurück mehr. Das ist wie bei einem Tier, welches das zottige Winterfell bereits abgeworfen oder die Frühjahrsmauser schon hinter sich hat. Das kann es sich dann auch nicht mal eben anders überlegen, wenn der Wind doch wieder auffrischt und im Radio überraschend noch einmal von Bodenfrostgefahr gemurmelt wird. Nein, da muss man dann durch. Und ich würde also, den anderen Tieren gleichend, eher erfrieren, als noch einmal meine Wintertracht neu zu beleben.

Aber Herr Buddenbohm, werden Sie da vielleicht lebensklug anmerken wollen, das sind doch nur eher irrationale Aspekte. Das sind doch nur beliebige Gefühle, nur emotionale Hindernisse! Die kann man doch leicht überwinden. Und diese rettende dicke Jacke, man kann sie sehr wohl wieder anziehen, wenn es doch so vernünftig und angebracht ist. Wenn doch sämtliches Volk in dieser Stadt wattiert und drall unterfüttert, in Daunen und unter drei Lagen Outdoorzeug herumläuft. Und Sie klappern da so elend herum, in ihrem leichten Blazer und in diesem dünnen Feinstrickrolli, der vielleicht für Vernissagen geeignet sein mag, nicht aber für Nord, Nordwest 7 bis 8, in Böen auffrischend bis 9.

Die Elbe an der Großen alten Elbstraße

Ich aber werde sie nach dieser Argumentation ernst ansehen und bedacht sagen, was dann nämlich zu sagen sein wird: „Emotionen, ne. So wichtig!“

Denn ich gehöre zwar zu diesen seltsamen Leuten, die gar nicht immer parat haben, was sie gerade fühlen – aber manchmal eben doch, und dann auch sehr. Deswegen, das wollte ich nur eben sagen, stehe ich also frierend im Wind.

Aus diesen eben erläuterten Gründen stehe ich dermaßen dünn angezogen an der Elbe, dass jede vorbeikommende Mutter gewisse Reflexe spürt, mich im Vorbeigehen streng ansieht und gerne etwas kommentieren würde. Was mir aber nichts ausmacht. Ich stehe da und ich zittere vielleicht etwas, zugegeben. Aber ich gucke dennoch immer wieder erwartungsvoll flussaufwärts und flussabwärts nach. Wo sie denn in diesem Jahr bloß bleibt, das sehe ich natürlich nach, diese stinkige Landratte von Frühling. Die sich vielleicht irgendwo in den Weiten Südelbiens verlaufen hat.

Lassen Sie mich einfach hier stehen. Es ist zwar verdammt kalt, rattenkalt sogar, arschkalt, aber am Ende stehe ich doch richtig so. Denn ein Mann muss tun usw. … Na, Sie werden es kennen.

Vielleicht summe ich schon einmal vorauseilend ein schönes Mailied mit? Vielleicht kann mir das helfen. Bei der Einstimmung, bei der Überbrückung und überhaupt bei allem, am Ende ist eh alles eine Einstellungssache.

Hier etwa Malediva mit einem alten Lied, aus dem Jahr 1931 ist es. Der Text stammt von Robert Gilbert, dessen Lebenslauf man sich in der Wikipedia ruhig einmal ansehen kann, und dann noch den des Komponisten, Nico Dostal. Et voilà, Geschichtsunterricht für nebenbei.

„Es wird in hundert Jahren wieder so ein Frühling sein.“

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