In langsamer, stetiger Bewegung

Am frühen Abend eines Tages mit Strandwetter ging ich runter zum Meer. Zu einer Stunde, in der gerade die letzten vom Strand aufbrachen, die dort länger als die Mehrheit geblieben waren. Weil ihre Bücher so gut waren oder vielleicht auch ihre heruntergeladenen Serien, weil ihre Kinder noch im Sand oder in den Wellen spielen wollten, weil sie im Strandkorb wieder eingedöst waren oder weil sie sich einfach nur vor lauter Urlaubsentspannung nicht aufraffen konnten, den nächsten Tagesordnungspunkt anzugehen und den langen Marsch zum Hotel anzutreten.

Ich sah diese Grüppchen langsam auf mich zukommen. Familienrudel und freundschaftliche Verbünde, Paare und auch einige wenige Solostrandbesucher. Der Strand von Sankt Peter-Ording ist besonders breit und lang. Er ist eine Angelegenheit von enormer Weite, mit viel Auslaufraum für Sturmfluten, die es in sich haben. Man geht dort also lange durch den besonders feinen Sand, wenn man zurück zum nicht endenwollenden Steg und dann noch weiter in den Ort möchte. So weit geht man tatsächlich, dass es definitiv kein kleiner Gang mal eben so ist. Es ist eher so etwas wie ein Vorhaben. Man muss es daher auch wollen, man muss sich erst dazu aufraffen.

Weswegen diese Menschen, die mir da entgegenkamen, auch einen anderen Gang hatten, eine ganz andere Körperspannung, als ich es etwa aus Travemünde von den Touristen in der Hin- und Herbewegung vom und zum Strand kenne. Wo man vom Meer aus zwischendurch ohne Probleme und mal eben ins Hotel eilen kann, wenn man etwas vergessen hat. In Sankt Peter-Ording geht man dagegen in einer Art entspanntem Wandermodus. Gemächlich und ruhig geht man, denn man weiß, das dauert jetzt eine Weile.

Konzentriert sieht diese Fortbewegung auch aus, denn es geht sich doch erstaunlich schwer in dem Sand, wenn man mit all dem üblichen Strandzubehör beladen ist. Und es waren teils bedeutende Mengen an Zubehör auszumachen, besonders an und auf Vätern. Wie in Travemünde damals sah ich auch hier zwischendurch mehrfach das typische Stehenbleiben und Durchwühlen des ganzen Zeugs, mit der vermutlich an jedem Küstenort gleichen Frage, ob auch wirklich, wirklich alles dabei sei und nicht doch noch irgendwas dahinten im gebuddelten Loch oder hinter dem Strandkorb … was man dann nie wieder … Man kennt das.

Aber ich sah nicht nur diese auf mich zukommenden, müde wirkenden Badegäste, ich sah auch gegen die Sonne. Weswegen ich mangels Sonnenbrille die Augen etwas zukneifen musste und alles etwas unscharf und ungenau wurde.

Dabei fiel es mir dann auf. Dass nämlich diese vielen Menschen, die da in lockeren Abständen zueinander durch ein gemeinsames Ziel und eine Richtung geeint waren, all diese Menschen, die in dieser Szene in unterschiedlichen Verbindungen zueinander und in allen Alterstufen, Formaten und Ausprägungen vorkamen, einem anderen Bild ähnelten. Sie sahen nämlich, wenn man nicht genau genug hinsah, aus wie die Überlebenden einer Apokalypse, wie die versprengten Menschheitsreste in einem Science-Fiction-Szenario im Kino. Die letzten ihrer Art, die da durch die gerade erst entstandene Wüste auf ein unbekanntes Ziel zustrebten. Wo es noch Wasser geben sollte. Oder Elektrizität, ein Krankenhaus, die Reste einer Regierung, was auch immer.

Man hätte diese Badegäste alle, wenn die Optik nur unscharf genug gewesen wäre, in dieser abendlichen Strandstunde auf ihrem langen Marsch aufnehmen und mit gekonntem Schnitt in einen solchen Film hinein schmuggeln können. Denn Dune oder Düne – Hauptsache, man hat ein Ziel. Hauptsache, man bewegt sich gemeinsam, langsam und stetig auf etwas zu.

Und sei es nur auf ein Fischbrötchen am Ende des Steges.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Die Letzten werden die Ersten sein.

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