Reinlesen, Behalten und Weggeben (5)

Ich fing einen Roman an, bei dem ich wieder erst einmal etwas zum Autor nachlesen musste, weil die Allgemeinbildung nur gerade einmal hergab, dass es diesen Herrn gegeben hatte. Na gut, vielleicht gab sie das immerhin her, nicht nur gerade, es ist alles eine Frage der Betrachtung. Und zwar gab es ihn mit Nobelpreis, das nämlich hatte ich noch parat bei dem Herrn José Saramago.

Aus dem öffentlichen Bücherschrank hatte ich vor einer Weile mitgenommen: „Das Zentrum“, in der Übersetzung von Marianne Gareis. Die dabei schwere Arbeit geleistet haben muss, denn sprachlich einfach ist das Buch nicht, eher ungewöhnlich erzählt, bis hin zu etlichen Besonderheiten in Satzbau und Grammatik. Auch für Leserinnen eher herausfordernd auf der Langstrecke.

Und es verstand sich dann schon fast von selbst, dass es wieder ein Buch fast ohne Absätze war. Wenn man einen Lauf hat … Wobei es diesmal aber kein schmales Werk war wie bei Thomas Bernhard oder Günter de Bruyn, sondern satte 400 Seiten umfasste. Es war also eher die Oberliga des Konzentrationskampfes. Aber ich kam ans Ziel. Souverän wie ein Mensch im Training, und es war mir auch ein Bedürfnis, ans Ziel zu kommen. Dem drohenden Brainrot zum Trotze.

Das Buch "Das Zentrum" von Saramago

Hier jedenfalls die Wikipedia zum Roman, hier die Perlentaucherseite dazu mit enthusiastischen Rezensionen. Einer anderen Online-Besprechung entnehme ich dieses Zitat, das dann doch etwas zu weit gehen mag: „Seid mutig, lest dieses Buch und tretet ins Sonnenlicht.“ Na ja.

Bei den Besprechungen kann ich einen Punkt ergänzen, den ich vielleicht sowieso häufiger erwähnen sollte, weil er mir oft zu kurz kommt: Nämlich für den dieses Buch passt. Wenn Sie etwa die gute und angenehm kulturfördernde Idee haben, ein Buch zu verschenken, dann brauchen Sie da vielleicht einen sinnigen Hinweis zur Zielgruppe? Da kann ich helfen.

Und zwar geht es im Roman intensiv um ein Handwerk, genauer um das Töpfern von Geschirr und Figuren. Seitenlang und erstaunlich intensiv wird das behandelt, und außerordentlich kenntnisreich wirkt das. So oft findet Handwerk in Romanen aus naheliegenden Gründen allerdings gar nicht statt, denn der dichtende Mensch macht in aller Regel eher Erfahrungen am Schreibtisch als an einer Werkbank. Er kennt sich oft einfach nicht aus, und zwar schon gar nicht mit vernünftigen Berufen.

Diese Geschichte hier wirkt aber besonders kundig. In der Tiefe und auch im Detail wird diese besondere Arbeit verhandelt und abgebildet. Es ist außerdem handwerkliche Arbeit, die in einem kleinen Familienbetrieb stattfindet, vor einem dörflichen, provinziellen Hintergrund.

Und diese Familie wird, auch das ist selten geworden, als funktional dargestellt. Fast liest es sich seltsam, nicht wahr, aber diese Familie ist tatsächlich intakt und okay. Die Mitglieder kommunizieren vernünftig miteinander, sie können außerdem gut mit Krisen umgehen. Sie klären Konflikte, und zwar sogar, Achtung, ohne dass die Darstellung der Auflösungen kitschig oder unglaubwürdig wirkt. Nicht einmal ansatzweise wirkt es so, als sei hier etwas versüßt worden.

Und jetzt alle: „Das gibt es ja heute kaum noch.“

Schließlich werden in einem kafkaesken Sinne die Macht, Ausstrahlung und Kälte eines gigantischen Einkaufszentrums in der Provinz ausführlich geschildert. Wobei uns bekannte Einkaufszentren nur ein wenig hochgerechnet werden müssen, um diese Wirkung auf Menschen und Stadtplanung zu erzielen.

Zum Vormerken für Geschenkaktionen also folgende Schlagwörter: Handwerk, Töpferei, Familienbetrieb, Einkaufszentrum.

Trotz einiger Anstrengung – man kann es nicht mal eben nebenbei konsumieren – habe ich es gerne gelesen, dieses Buch. Aber es geht jetzt zurück in den öffentlichen Bücherschrank.

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2 Kommentare

  1. Lieber Herr Buddenbohm, das geht so nicht, dass Sie einfach wild und spontan bloggen, wann es Ihnen gefällt. Ihre Texte sind der Grund, warum ich morgens aufstehe, mein Silberstreif im Morgengrauen, die Wortwolke, die mich sanft in den Tag trägt. Ich kann es nicht gutheißen, wenn Sie nach sieben Uhr posten. @kaltmamsell und @buddenbohm braucht es für einen guten Start in den Tag, auf einem Blogbein kann ich nicht stehen 😉

  2. Vielen Dank!Und ja, ich weiß. Ich will dem auch gerne weitgehend Folge leisten, brauche aber dennoch zwei, drei Tage mit krassen Abweichungen im Jahr, damit ich stets sagen darf, und sei es nur vor mir selbst: Ich kann auch anders.

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