Ganz im Sinne meines letzten Textes zum saisonalen Kippen in der zweiten Augusthälfte gab es, noch bevor die sommerliche Wärme in der kommenden Woche noch einmal voll aufgedreht wird, einen Sonntagmorgen und Vormittag mit der üblichen Heimat-Temperatur, also mit stabilen 12 Grad. Regen gab es noch dazu, ergiebige Schauer nennt man das dann in den Wetterberichten, was da herunterkam. Außerdem Wind, der aufrauschend durch das nasse Laub auf dem Spielplatz fuhr. Keine Kinder oder Eltern waren weit und breit zu sehen, leere Schaukeln nur und Pfützen in der Sandkiste, es war ein Drinnenspielwetter wie im Bilderbuch.
Aus der Kirche hörte ich Orgelmusik. Aber was da durch den Regen herangeweht wurde, das nutzte sich auf der kurzen Strecke zu mir schon so sehr ab, dünnte unterwegs schon so aus, dass es bei mir wie Spott auf Kirchenlieder ankam. So lustlos heruntergeleiert klang das, so schwunglos, langweilig, fad und zerfasert, so vorhersehbar war es auch in der Melodieführung. So würde man dieses Kirchengeorgel nachmachen, wenn man es nicht ausstehen kann. Es liest sich immer so gut, wenn der Wind von irgendwoher, von einem benachbarten Fest oder dergleichen, etwas Musik herüberweht …
„Vom Grand-Hotel weht der Nachtwind hin und wieder
einige Takte Tanzmusik herüber.
Gläser klingen, Lachen, weiße Jacketts und schöne Frauen.“
Kennen Sie das noch?
Es ist aber durchaus nicht immer gut, was da herangeweht wird.
Nacheinander landeten dann Eichelhäher, Rabenkrähe und Elster auf dem Balkongeländer, um sich in durchaus begrenzter Höflichkeit, in eher schon fortgeschritten forscher Direktheit dahingehend zu äußern, dass es erbärmlich kühl an diesem Tag sei, dass es außerdem reichlich nass und auch fortgeschritten chillig in dieser ohnehin zugigen Stadt sei. Sie plusterten sich jeweils theatralisch dabei auf, um zu illustrieren, wie nass und kalt sie waren. Und sie warfen dabei mit langem Hals und schräg gelegtem Kopf demonstrative Blicke in den leeren Blumentopf, in dem im Herbst und im Winter die Erdnüsse zuverlässig für sie bereit liegen. Jetzt aber noch nicht! Und es war ein unheilvolles Ausrufezeichen in diesem Satz, welches sie krächzend und keckernd betonten, alle drei.
Ich konnte ihnen aber nicht helfen. Ich habe noch gar keine Erdnüsse im Haus, ich bin noch nicht so weit.
Außerdem sollen es noch einmal fast 30 Grad werden, und zwar in zwei Tagen schon. Womit dann vielleicht das große Sommerfinale aufgeführt werden wird, das jährliche Special zum Staffelende. Aber das wussten diese drei Vögel natürlich nicht, denn die nutzen keine Wetter-Apps. Die leben vielmehr so dermaßen im Hier und Jetzt, davon können sämtliche spirituell interessierten Menschen nur träumen. Vollkommen unerreichbar bleibt uns diese Gegenwärtigkeit.
Aber es hat Vor- und Nachteile, wie alles.
Um zehn Uhr fingen dann die Glocken an zu schlagen, und zeitgleich brachen die ersten Sonnenstrahlen durch, nahezu auf die Sekunde genau. Ich stand am Fenster und freute mich für die religiösen Menschen, deren Existenz in der Nachbarschaft ich dabei voraussetzte, auch wenn ich keinen einzigen Kirchgänger sehen konnte, über den kleinen Kick, den sie diesem Zusammentreffen von Glockenschlag und Sonnenstrahl vielleicht entnehmen konnten.
Denn man muss auch gönnen können. Das ist sehr wichtig und hebt die Stimmung. Auch oder gerade an einem ansonsten verregneten, deutlich eingetrübten Sonntagvormittag.

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