This is the modern world

In der Kunsthalle sah ich mir die neu eröffnete Ausstellung an. Sie läuft bis zum Mai 2027, Menschen mit Mangel an freier Zeit haben noch Spielraum: This is the modern world.

Die Fassade der Galerie der Gegenwart mit dem Riesen-Poster für die Ausstellung "This is the modern world"

Die Galerie der Gegenwart im Weitwinkel

Es geht um die Durchbrüche der Moderne in der Kunst von 1900 bis 1960. Um die großen Umwälzungen durch die radikal neu anmutende Kunst in dieser Zeit. Beckmann, Rée, Kirchner, Kandinsky, Feininger, Picasso, Braque, Modersohn-Becker, Heckel, Schmitt-Rottluff. Solche Namen.

Das sind die Namen von Menschen, mit denen ich mich in einer anderen Lebensphase intensiv beschäftigt habe, denen ich mich auch stark verbunden gefühlt habe. Was daran lag, dass ich jugendlich war, als ich sie kennenlernte, mich also mit Umbruch und Durchbruch vermeintlich selbst bestens auskannte und diesen Leuten daher durch die Bank Recht gab. Das, was sie da mit der Kunst machten, das war genau das, was unbedingt erstrebenswert war.

Gäste in der Ausstellung this is the modern world

Gäste in cer Ausstellung "This is the modern world"

Denn es ging gegen die alte Ordnung und die starren Regeln. Gegen den übermäßigen Druck der Tradition und die starre Last der kulturellen Verbindlichkeit. Um Freiheit ging es im Kern. Um viel Gefühl, um Sturm und Drang selbstverständlich auch, und bei welchem Jugendlichen wäre das nicht so. Es kam mir daher alles enorm anschlussfähig vor. Ich eiferte ihnen also folgerichtig auch nach, weniger von starker Begabung als vielmehr von der blitzmäßigen Erkenntnis angetrieben, dass dies die richtige und also auch die erlösende Art sein musste, sich künstlerisch oder überhaupt kreativ auszudrücken. Es war im Grunde der Weg, sich überhaupt auszudrücken und mit der Welt umzugehen. Und das musste man ja wohl, daran gab es keinen Zweifel.

Detail der Ausstellung "This is the modern world"

Detail der Ausstellung "This is the modern world"

Diese Werke, die da jetzt in der Kunsthalle gezeigt werden, kannte ich sicher fast alle aus den Bildbänden in der Lübecker Stadtbibliothek. In kiloschwerer Last habe ich sie wieder und wieder in großen Stapeln nach Hause getragen und dort mit Hingabe studiert. Mit großer Selbstverständlichkeit habe ich mit meinen doch arg begrenzten Kräften und Mitteln auch kopiert, was ich darin vorfand. Ich habe kopiert und dann auch imitiert. Und die ganze Zeit gedacht: „Ich verstehe das!

In einer gewissen Weise war es geradezu berauschend, das zu verstehen, sie alle zu verstehen. Als sei ich einem Geheimbund beigetreten. Nur dass dieser Geheimbund von meiner Existenz keine Notiz nahm, versteht sich. Die meisten Angehörigen waren allerdings eh schon verblichen.

Es überstieg meine damalige intellektuelle Kapazität deutlich, auch nur im Ansatz zu verstehen, dass ich dabei war, mir aus diesen Umbrüchen und Aufbrüchen eine neue Klassik zu bilden. Dass ich mir meine Regeln unter den Regelbrecherinnen und den Aufständigen suchte und dann meinte, durch deren Befolgung wie sie zu sein. Dass ich in keiner Weise originell war und auch keinen Anteil an irgendeiner Bewegung hatte, geschweige denn irgendwelche welterschütternden Erkenntnisse. Wie es bei Morgenstern heißt:

„O Mensch, du wirst nie nebenbei

Der Möwe Flug erreichen.“

Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass ich lediglich Fan einer nicht einmal mehr neuen Elite war. Die irgendwann auch jemand gründlich auf- und umbrechen würde, wie es das unabwendbare Schicksal aller Eliten ist.

Na, das ist lange her.

Aber ich merke, wenn ich heute an diesen Bildern vorbeigehe, so wie am Sonntag wieder in der Kunsthalle, dass ich bei einigen Werken immer noch stehenbleiben kann, fast wieder überwältigt von dem wohl unauslöschlichen Gedanken: „So ist es richtig, so muss man das machen.“

Die Kunst, die nach diesem Werken kam, sie hat mich nie richtig interessiert, und sympathisch wurde sie mir auch kaum. Mein innerer Jugendlicher klammert sich nach wie vor an Braque, an Feininger, Schmitt-Rottluff und an die ganze Bande aus dieser Zeit. Mein innerer Jugendlicher möchte dem so betont lässig wirkenden Mann auf dem fantastischen, unbedingt sehenswerten Selbstbildnis von Max Beckmann aus Florenz (hier) immer noch ausdrücklich kumpelhaft begegnen: „Na, auch hier?

Aber wenigstens verstehe ich es heute ein wenig besser.

Der Besuch lohnt jedenfalls sehr, das wollte ich eben sagen. Es ist eine wunderbare Auswahl, die man dort zeigt. Oder wie der NDR schreibt: „Eine überwältigend schöne Ausstellung.

Die Front der Kunsthalle (altes Gebäude)

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