Dann widmete ich mich wieder einer Freizeitbeschäftigung, der man nicht in jedem Bundesland nachgehen kann, nämlich dem Begrüßen frisch eingeweihter Brücken. Nach der riesig wirkenden Sternbrücke neulich besuchte ich diesmal ein Bauwerk in feinerer Gestaltung, im direkten Vergleich eher filigran wirkend. Eine Brücke für Menschen zu Fuß und auf dem Rad nämlich, von den Elbbrücken aus rüber nach Entenwerder, Rothenburgsort. 135 Meter ohne Autos, immerhin.
Von der S-Bahn-Station Elbbrücken kommend muss man noch durch etwas unappetitlichen Infrastruktursalat, unübersichtliches Absperrgewimmel, oder wie wir in Hamburg an solchen Stellen augenrollend sagen: „Da bauen sie also auch noch jahrelang.“

Danach schwingt sie sich übers Wasser, die neue Brücke. Kein Bauwerk berauschender Schönheit, immerhin aber mit etwas Schwung versehen, da ist man heute schon dankbar. Und so neu noch, so frisch eröffnet, dass kaum jemand da ist, abgesehen von ein paar Menschen, die Ähnliches vorhaben wie ich. Die hier also nur mal gucken und ein paar Fotos machen wollen. Wobei wir uns alle dauernd im Weg stehen und, da wir versuchen, Rücksicht zu nehmen, eine vermutlich aus der Ferne recht seltsam wirkende Choreografie aufführen.

Nebenbei lerne ich, wiederum etwas überrascht, dass sich Brückenfotografen grüßen, ganz wie bei Begegnungen in einem Dorf. Ausgesprochen freundlich geht es auf dieser Brücke zu. Auch die wenigen Radfahrenden umkurven uns Fußgänger noch betont rücksichtsvoll, nicht in der sonst in dieser Stadt üblichen Version des Sturmangriffs. Und man muss ja auch kurz anhalten und gucken, wohin man guckt, von so einer neuen Brücke aus. Man steht da dann so über dem Wasser, belastet die neue Konstruktion mit seinem ganzen Gewicht und mit der Fülle seiner Skepsis gegenüber den Errungenschaften der Gegenwart, und man hat dabei diesen schwer zu beschreibenden, ernst sinnenden und dennoch unwillkürlich etwas blöd wirkenden Gesichtsausdruck, den man auch hat, wenn man sich etwa prüfend auf einen brandneuen Schreibtischstuhl setzt oder im Möbelhaus auf eine eventuell zu erwerbende Matratze. Ist das jetzt wirklich gut unter einem?
Ja, stellen wir fest, diese Brücke ist gut. Wir gehen herum, wir nicken, wir finden okay. Und wir sind das Volk, für uns macht man das, weswegen wir hier auch genau richtig stehen.

Hier auch der NDR zur neuen Brücke. 16 Millionen Kosten werden da genannt, da staunt man vielleicht noch einmal kurz und möchte das kurz nachrechnen. Ich jedenfalls, denn für 16 Millionen würde ich doch etwas mehr Barock und Bombast erwarten. Aber das wird selbstverständlich nur daran liegen, dass ich bei diesen Themen erheblich nachgehe.
Wenn man jedenfalls schon auf dieser Brücke ist und sie auch überquert, was ich also empfehlen kann, denn sie trug, hielt und überbrückte korrekt, was zu überbrücken war, dann kann man auch noch etwas weiter gehen. Ein kleines Stück durch den Elbpark nur, am Wasser entlang. Bis man beim nächsten lohnenden Ziel ankommt, bei Entenwerder1, dem Ponton-Café auf der Elbe (hier auch Instagram).





Wo sie, ich habe auch das mit Ernst und Hingabe getestet, Mohnkuchen im Sortiment haben und viele Plätze mit Fluss- und Schiffs- und Wolkenblick.
Auf dem Rückweg kann man schließlich, je nach Stimmungslage, auf die neue Brücke oder auf die mittlerweile alt wirkende Elbtower-Ruine direkt daneben sehen. Und man kann sich aussuchen, was davon man wie auf sich wirken lassen will. Memento mori oder auf zu neuen Ufern, hier ist alles im Bild, und gleich dermaßen sinnig.

Ja, man kann es sich je nach Lage der seelischen Verfassung aussuchen, und wer hätte keine wechselnden Stimmungen. „There is no one answer to life”, wie die Philosophin Michelle Gurevich einmal sang.
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