Vor einer Weile habe ich eine komplett neue Angst entwickelt. Eine, auf die ich vorher gar nicht gekommen war, und sie ist nicht einmal alters- oder lebensphasenbedingt.
Es ist keine Angst von der Art, die einen nachts umtreibt und zähneklappernd wachhält. Aber es ist selbst in der mildesten Form eine weitere gut vorstellbare und äußerst ungünstige Möglichkeit. Eine dieser nur negativ zu denkenden Möglichkeiten, von denen man als durchschnittlicher Erwachsener ohnehin jederzeit eine beträchtliche und dabei auch noch variable Menge vor sich hat.

Der Fall ging vermutlich auch bundesweit durch die Presse, ich meine den Hals-über-Kopf-Abriss der einsturzgefährdeten Häuser in der Holstenstraße. Es gab da ein baufälliges Haus, das auch andere Gebäude in Mitleidenschaft zog. Mieterinnen und Mieter mussten in kürzester Zeit nach drastischem Behördenbeschluss, Gefahr im Verzug, aus dem Haus raus, binnen zehn Minuten.
Sie konnten dann auch nicht mehr zurück, kein einziges Mal. Auch nicht für zehn Minuten. Auch nicht, um nur ein Ding, Medikament, Papier, was auch immer zu greifen. Ihre Wohnungen wurden vielmehr sehr spontan weggebaggert – mit allem darin. Auf eine gewisse Art eine gründliche Enteignung.
Und den Leuten blieb also lediglich, was sie im ersten Moment rausgetragen hatten. Viel wird es nicht gewesen sein. Im Ergebnis war es daher eine Situation wie nach einem verheerenden Großbrand oder nach einem Bombenangriff, wie bei Flucht und Vertreibung. Alles weg.

Das Schockierende war, wie rechtlos die rausgeworfenen Parteien dabei wirkten und auch, dass es überhaupt keine Möglichkeit für sie gab, irgendetwas zu retten. Man hatte da doch Zweifel, so wurde es in tausenden von Gesprächen in der Stadt diskutiert, ob man nicht doch irgendetwas hätte machen können, retten können, ob man nicht irgendwie hätte helfen können. Es konnte doch nicht sein, dass gar nichts ging? Mit Drohnen, mit Robotern, mit Industriebergsteigern oder weiß der Teufel womit? Nein?
Wenigstens für das Allerwichtigste … Aber ich kann es technisch selbstverständlich nicht beurteilen.
Später sah man, wie die Betroffenen den Schutt ihres Privatlebens durchwühlten, nach privaten Kleinigkeiten und Resten. Eine Tragödie, zweifellos.
Wahrscheinlich dachten viele, die davon gelesen hatten oder die sogar hingefahren waren, um sich das Drama anzusehen, mit Schaudern darüber nach, was dies für ihr Leben bedeuten würde. Was beispielsweise in unserem Haushalt aufgrund etlicher und fortgeschritten absurder Komplikationen und Rechtskonstruktionen gar nicht leicht vorstellbar ist, so katastrophal wäre das, wenn alles weg wäre. Alle Papiere, alle Belege, alle Scheine, Bestätigungen, Gutachten, Diagnosen, Zusagen, Urteile, Gott weiß was.
Man müsste, um dem vorzubeugen, ein Backup von nahezu allem Papierkram haben. Einige besonders patente Menschen werden das auch parat haben, schon klar. Wir nicht. In unserem Fall wäre es auch ein mir geradezu wahnwitzig vorkommendes Unternehmen, das nun zu erstellen.
So etwas gelingt nur, wenn man es immer schon mitgedacht hat. Haben wir aber nicht, wir mussten an zu viel anderes denken.
Bis vor einigen Monaten hätte ich, von den administrativ so ungeheuer wichtigen, geradezu lebensbestimmenden Papieren einmal abgesehen, den Verlust von Zeug aller Art vermutlich noch besser verkraftet als viele andere. Glaube ich.
Seit ich aber mein eigenes Zimmer habe, hat sich dies bei mir auch deutlich verändert. Denn ich merke, ich hänge an dem, was ich aus diesem Raum mittlerweile gemacht habe. Ich liebe es geradezu. Und kein Besitzen, keine Liebe ohne Ängste, man kennt das.
Moment, naheliegende Musik, eine fast verpflichtende Assoziation.
Nun kann man es natürlich abwegig finden, sich in solche Gedanken vorzuwagen und sich als Betroffenen zu fantasieren. Aber es gibt mehr baufällige Häuser in dieser Stadt, deutlich mehr, als man vielleicht vermutet. Gestern wurde tatsächlich um die Ecke eines geräumt, daher dieser Text. Die Mietparteien sind nun in der gleichen Situation wie im ersten Fall, man liest es mit Grauen. Und unser Haus ist gerade zum zweiten Mal direkter Nachbar einer Großbaustelle, wodurch es hier und da zu Schäden kommt …
Man kann sich hineinsteigern oder auch nicht, es ist wie bei vielen angstbesetzten Themen. Und man kann sich auch um den Umkehrschluss kümmern, was bekanntlich manchmal helfen oder lindern kann. Man kann sich also, wenn ich es auf diesen Fall anwende, noch etwas mehr über das freuen, was man hat, und auch solange man es hat. It all depends.
Ich würde übrigens, abgesehen von Familienangehörigen, zuerst nach meinem Notebook greifen, wenn so eine Situation, so eine Überstürzung eintreten sollte, habe ich überlegt. Es ist sicher irrational, denn es wäre austauschbar. Es wird ja auch ab und zu ausgetauscht, und die aktuellen Inhalte werden sogar weitgehend regelmäßig gesichert.
Aber ich glaube, es wäre seelisch enorm absichernd für mich, es noch zu haben. Ich könnte dann gewissermaßen am nächsten Morgen auf dem Trümmerberg noch bloggen.
Und das wäre dann schon etwas, da bin ich einigermaßen sicher.

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Witzig. Ich wohne in einem im Jahr 2001 errichteten Haus, quasi noch fast ein Neubau. Daher ist hier ein verheerendes Feuer wohl wahrscheinlicher als eine plötzliche Evakuierung auf Grund schlechter Bausubstanz und Einsturzgefahr. Ich habe aber neulich nach diesem Ereignis in Hamburg ähnliche Gedanken gehabt. Ich habe schon viele wichtige Dokumente in elektronischer Form, aber soll ich noch weitere digitalisieren? Wäre ein Bankschließfach mit dem Wichtigsten eine Option (Bankschließfächer … da war doch auch mal was?)? Undsoweiter.