Noch eine Frage und ein Outing zum Thema.
Die Frage, auf die ich bisher keine Antwort weiß: Wie kommt es, dass seit gar nicht so langer Zeit, seit dem Spätsommer etwa erst, vermehrt joggende Menschen in der Innenstadt auftauchen? In den Fußgängerzonen, auf dem Rathausmarkt, an der Binnenalster auf dem Jungfernstieg etc., überall.
Dort kamen sie sonst nicht vor, nun laufen sie auch dort einzeln und in Gruppen herum. Teils sogar mit Anführer vorweg, der Instruktionen ruft oder eher brüllt. Teils auch noch in verbindender Kostümierung. Als seien sie aus einem Sommerferiencamp in der Nähe gestartet, was doch sicher nicht der Fall sein wird.
Es ist nun einigermaßen meschugge, durch die Innenstadt zu joggen – sind dort doch noch mehr langsam gehende und herumstehende Menschen im Weg als auf der Alsterrunde. Wo also kommt dieser seltsame Trend her, ist es wieder irgendetwas von TikTok oder dergleichen und wie begründet es sich, weiß es jemand?

Das Outing: Es gibt vermutlich bei jedem Menschen Themen und Bereiche, bei denen er – und das mit einiger Wahrscheinlichkeit sogar unerwartet – merkt, dass er im Laufe des Lebens immer regelbesessener wird. Ob es dabei nun um eigene oder um gesellschaftlich gesetzte Regeln geht: Man möchte, dass all die anderen sich gefälligst so oder so verhalten. Und es ist ein empörendes Unding, dass sie es nicht tun.
Was man dann auch, wenn man sich nicht mühsam beherrscht, am liebsten in jedem Gespräch anbringen möchte. Denn die Welt wird immer schlechter, so insgesamt, aber vor allem, was dieses Thema betrifft. Man merkt daher, wie man darüber reden möchte, pausenlos merkt man das.
In diesem Sinne stelle ich nicht ohne ein gewisses Amüsement fest, dass ich seit einigen Jahren immer deutlicher zu einem StVO-Ultra mutiere. Was jüngere und in dieser Hinsicht lässigere Ausgaben von mir sicherlich mit erheblichem Befremden zur Kenntnis genommen hätten.

Aber gut, diese früheren Ausgaben konnten auch nicht wissen, dass irgendwann im Verkehr gar keine Regeln mehr gelten würden. Für niemanden. Was in etwa dem Zustand entspricht, in dem wir hier angekommen sind. Wenn man heute in Hamburg-Mitte mit irgendeinem Verkehrsmittel fährt, so geschieht das etwa auf Auto-Scooter-Niveau, was die regelhaften Vorgaben betrifft. Und das ist nicht gerade stark übertrieben, das kommt der Sache nahe.
Ich war vor einigen Jahren schon fasziniert davon, wie es immer deutlicher wurde, dass rote Ampeln keine zwingende Verbindlichkeit mehr darstellten. Was mich besonders interessiert hat, weil rote Ampeln bis vor einigen Jahren eine doch recht starke Verbindlichkeit waren. Sowohl als einfache gesetzliche Regel, die es unbedingt zu beachten galt, immer mit dem Satz im Kopf: „Sonst Führerschein weg!“ Wie auch als Tugendgebot, gegen das man auch aus moralischen Gründen einfach nicht zu verstoßen hatte. Das machte man nicht, dass man bei Rot fuhr, die Älteren erinnern sich.
In einer Zeitspanne, die ich, obwohl ich es nicht ganz genau sagen kann, wiederum in etwa mit dem Beginn der Pandemie verbinde, hat sich dieses Gebot von Jahr zu Jahr mehr erledigt. Es ist zu einer bloßen Handlungsempfehlung herabgesunken, der man folgen kann oder nicht.
Wie es gerade passt, die Anweisung ist nun unverbindlich.

Die roten Ampeln waren aber nur der erste und besonders auffällige Veränderungsschritt, der nach meiner Wahrnehmung erstaunlich schnell vollzogen wurde. All die kleineren Abweichungen, dass man also etwa nicht mehr blinkt, dass man beim Fahren aufs Smartphone sieht, dass man überall parkt, wo Platz ist etc., sie fielen im Vergleich dazu kaum auf.
Die zweite und erneut besonders auffällige Befreiung, die mich wiederum gewundert hat, ist tatsächlich erst etwa ein Jahr alt. Das ist die von den Einbahnstraßen. Denn die sind mittlerweile ebenfalls nur noch als unverbindliche Vorschläge zu betrachten, und wenn einem gerade keiner entgegenkommt, dann kann man ruhig dadurch, vorgegebene Richtung her oder hin.
Zwischendurch der wichtige Hinweis, dass dies alles für Hamburg-Mitte gilt. Es kann bei Ihnen aber durchaus anders sein. Die deutschen Großstädte haben jeweils ihre eigenen Verkehrsriten, Traditionen, Verhaltensmuster etc. Daher rede ich hier nicht von einem Deutschlandtrend.
Ich weiß noch, wie Anke Gröner vor etlichen Jahren einmal schrieb, und ich erinnere mich da hoffentlich richtig, dass in München das Fahren auf der falschen Straßenseite mit dem Fahrrad vollkommen unüblich sei, in Hamburg aber ein normales Verhalten. So etwas meine ich, diese Abweichungen muss man im Sinn behalten.

Die Sache mit den Einbahnstraßen kann ich mir vielleicht sogar erklären. Denn ich nehme an, dass die zahlreihen Lieferwagenfahrer, tatsächlich sind sie fast immer männlich, damit begonnen haben. Aus halbwegs verständlichem Zeitdruck und aufgrund ihrer ungemein harten Arbeitsbedingungen, was also in etwa nachvollziehbar, aber dennoch nachteilig für alle ist. Denen jedenfalls wird man es wohl nachgemacht haben, nehme ich an. Und ich fand es als Trendbeobachtung dann besonders faszinierend, wie schnell es üblich wurde. In nur etwa sechs Monaten war das Thema durch, und eine neue Art, mit diesen Straßen umzugehen, war hier etabliert.
Man kann es sicher etwas abstrahieren und an dieser Stelle kurz feststellen, wie schnell eine Gesellschaft grundlegende Regeln umdefinieren kann. Was an sich weder gut noch schlecht ist, es ist erst einmal nur ein erstaunlicher Umstand. Den man mit Gruseln oder auch mit Hoffnungen zur Kenntnis nehmen kann, je nach Interpretation und Thema. Wir könnten auch ganz anders, und wir könnten es bald.

Abschließend noch eine Miniatur-Szene, etwa drei Jahre ist sie alt und illustriert meine letzte Anmerkung zum Thema.
Es ist ein früher Sommerabend, muss man sich vorstellen. Unser wildes kleines Szene-Viertel belebt sich gerade, das abendliche Ausgehen hebt an. Alles ist voller Touristen, es wimmelt wieder einmal auf allen Wegen. Es geht auf den Straßen mit der vielversprechenden Außengastro dicht gedrängt zu.
Auf einem E-Scooter fahren zwei Jugendliche wild herumhampelnd und krakeelend über den Fußweg. Der eine hat dabei ein Smartphone, der andere eine Dose Bier in der Hand. Ich denke mir das übrigens nicht aus, auch wenn es so klingt. Ich habe es mir die ganze Zeit gemerkt, weil der Anblick so überaus absurd war, denn die beiden fuhren in ihren wilden Schlangenlinien direkt auf zwei Streifenpolizisten zu.
Die allerdings diskret zur Seite sahen und ihren Weg plaudernd fortsetzten. Was für mich seitdem als Sinnbild für eine weitere verblüffende Entwicklung in diesem Zusammenhang steht: dass nämlich die Polizei eher nicht mehr zuständig für den Verkehr ist. Abgesehen von öffentlichkeitswirksamen Großaktionen, Blitzermarathon etc., die dann von den Pressesprechern und Medien groß abgefeiert werden. Aber sonst: Man sieht längst eher nicht mehr hin, man sieht eher konzentriert weg.


Aus soziologischer Sicht finde ich das bemerkenswert, denn die Abweichung zu der Polizeiwahrnehmung, mit der meine Generation großgeworden ist, sie fällt doch erheblich aus.
Mein innerer Nörgelrentner jedenfalls, das wollte ich nur eben noch sagen, geht seit etwa sechs Jahren nur noch krückstockfuchtelnd durch die Straßen hier. Er hat es wahrhaftig nicht leicht. Und er ist auch der Grund, warum mir die zahllosen Belästigungen durch Jogger, E-Cargo-Bikes, E-Scooter etc. auf den Fußwegen erstaunlich viel ausmachen:
Mir reicht es ernsthaft schon, was ich alles auf und an den Straßen erlebe. Ich würde ansonsten gerne ungestört und ungefährdet auf den Fußwegen herumgehen.

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