Es gibt Wochen, da fällt es etwas schwerer als sonst, nicht paranoid zu werden. Nicht über die Matrix-Verschwörungstheorie nachzudenken, nicht anzunehmen, dass nach der erfolgreichen Truman-Show auch z. B. die Buddenbohm-Show zu einem Erfolg gebracht werden soll. Diese Woche war so eine, wie ich allein schon am Beispiel des Regens darstellen kann.
Es hat mehrfach geregnet in den letzten Tagen. Aber eigentlich gar nicht so viel, durchziehende Schauer waren es eher nur. Es war definitiv keine vollkommen verregnete Woche, und bezogen auf die gesamt zur Verfügung stehende Zeit war der prozentuale Anteil der Stunden mit Regen recht gering.
Aber diese Stunden waren jeweils die, in denen ich ohne Schirm draußen war. Und ich habe wieder gemerkt: Etwa ab dem dritten Tag wird man bei so etwas doch misstrauisch. Und zwar, obwohl man es sich logisch erklären kann, dass es solche Wochen gibt, dass sie so häufig nicht sind und dass die anderen Wochen, in denen einem so etwas nicht passiert, deutlich überwiegen.
Ich kann zumindest für mich sagen: Solche Häufungen von Beobachtungen oder Erlebnissen rufen dennoch eine gewisse Skepsis hervor. In der Weiterführung dieses Gedankens über die Wechselwirkungen zwischen sich und der Welt kommt man vermutlich zwanglos bei der Entstehungsgeschichte der Religionen an. Das halte ich zumindest für einigermaßen naheliegend.
Der Höhepunkt des Ganzen, und da kommt die Truman-Show ins Spiel, war dann der wöchentliche Bürotag in der Hafencity. Dies war ein freundlicher Tag, einer mit viel blauem Himmel. Von dem ich aus dem Bürofenster eine erfreulich weite Erstreckung sehen konnte. In Richtung Südelbien sah alles heiter und erfreulich aus, verlockend geradezu.
Am frühen Nachmittag packte ich mein Notebook und das Zubehör ein. Ich rüstete mich für den Heimweg und sah nebenbei noch einmal aus dem Fenster und leider auch auf die zahlreichen Tropfen an der Scheibe, die dort eine Minute vorher noch nicht zu sehen gewesen waren. Es regnete. So pünktlich regnete es speziell für meinen Abgang, dass auch Kollegen anerkennend bemerkten: „Das hat auf dich gewartet.“
Und ihr Spaß daran war deutlich.
Nun schätze ich aber den Heimweg aus der Hafencity ins kleine Bahnhofsviertel sehr. Fast immer lege ich ihn zu Fuß zurück, schon wegen der überaus attraktiven Fotomotive am Wegesrand. Außerdem ist es ohnehin gut, sich nach der Arbeit eine halbe Stunde oder mehr zu bewegen, nicht gleich wieder etwas anderes an irgendeinem Bildschirm zu machen. Es ist sicher richtig, erst einmal ab- und umzuschalten.




Ich beschloss daher in typischer Trotzhaltung allem gegenüber, einfach dennoch zu gehen. Regen hin oder her! Dann eben ohne Schirm. Werde ich eben nass, na und. Wie so ein Mensch, der irgendwas mit Outdoor gutfindet und draußen Abenteuer sucht. Nur eben im Anzug, nicht in Funktionskleidung. Aber jedenfalls alles dennoch machen, ich sage es ohnehin immer wieder.
Ich fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten, ich verließ das Gebäude und bastelte mir dabei schon einmal halbwegs gekonnt eine Stimmungslage zurecht, in der ich den Gang durch den Regen gut finden konnte. Oder in der es mir zumindest nichts ausmachen würde, gründlich nass zu werden.
Vor der Tür dann der Regen, auch gar nicht so wenig davon. Dummerweise auch der Wind, und dieser in der Ausprägung „betont kalt und direkt von der Nordsee“. Ich ging dennoch ohne jeden Verzug los, Beschluss ist Beschluss. Nach ein paar Schritten hielt ich dann aber wieder an und sah mich irritiert um. Denn dafür, dass es regnete, war es in allen Richtungen seltsam hell um mich herum. Sah auch der Himmel ringsum erstaunlich blau aus.
Die Sache war, wie ich dann mit wachsendem Staunen feststellte, so: Es regnete nur über unserem Bürohaus. In einem Umkreis von vielleicht gerade einmal hundert Metern, mehr nicht. Der Rest der Hafencity genoss die Oktobersonne. Nur über der Firma diese vereinzelte Wolke, die konnte es nicht mehr halten.
Das Foto davon ist mir nicht gelungen. Aber es hätte ohnehin allzu sehr nach AI ausgesehen, ungefähr nach der Anweisung: „Mach mal ordentlich Regen nur über dieses eine Haus im Panorama.“
Ich trat aus dem Regen heraus, wie man einen Park verlässt: Man geht durch eine Begrenzung und die Umgebung ändert sich sofort. In diesem Fall durch Licht und Trockenheit. Es waren, nur ein paar Meter von meinem Büro entfernt, wohl andere für die Wetter-Effekte zuständig.
„Ich weiß ja nicht, wer mich hier beobachtet“, dachte ich auf dem Heimweg, „aber ich werde, so viel steht jedenfalls fest, das auch weiter beobachten.“
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