Dann fuhr ich wieder zurück nach Hamburg, ohne aber das Thema Tourismus hinter mir zu lassen. Denn ich hatte vor, mir den gerade sanierten Alten Elbtunnel anzusehen und Ihnen zwei, drei Bilder aus der Röhre für das Blog mitzubringen. Zweimal habe ich es jetzt versucht, und zweimal habe ich das Vorhaben wieder abgebrochen.
Denn vor dem Alten Elbtunnel stand jeweils eine Schlange von Besucherinnen und Besuchern an, was ich vorher noch nie erlebt hatte. Geparkte Reisebusse in Sichtweite, man wartete wohlgeordnet darauf, die fotogenen Treppen zum Tunnel hinabzusteigen. Diese Schlangen waren mir entschieden zu lang. Und überhaupt, eine Schlange vor dem Elbtunnel. Selbstverständlich bin ich da schon etliche Male durchgelaufen, zu jeder Jahreszeit, nie habe ich warten müssen. Ein hamburgischer Normalfall war es jeweils gewesen.
Am Sonnabend habe ich es dann aber etwas weiter beobachtet. Nur wenig vom schönen Tunnel entfernt die Anlegestellen der Hafenfähren. Lange Schlangen vor der gerade anlegenden Fähre, ein Gedränge an den Landungsbrücken fast wie vor den Fernzügen am Sonntagabend im Hauptbahnhof, und das will etwas heißen. Dieser Umstand war neulich auch in der Presse, weil diejenigen, welche diese Fähren nach wie vor als das nutzen, was sie vom Zweck her sind, nämlich schlicht als Nahverkehrsmittel, nicht davon begeistert sind, wenn sie keinen Platz bekommen, wenn so viele andere die Fähren für attraktive und vor allem billige Ausflugsdampfer im Retrolook halten.
Aber so steht es eben in den Reiseführern, so wird es überall empfohlen (auch schon in diesem Blog, ich weiß). Und will man nun Tourismus oder nicht, da hängen all die sattsam bekannten Fragen dran.

In diesem Zusammenhang steht auch der Streit, den man gerade um den besonders postkartentauglichen Isemarkt hatte. Auf dem mehr und mehr touristen- und instagramfreundliche Food-Trucks standen, zulasten der Stände, an denen die Menschen aus dem Stadtteil ringsum tatsächlich und vermeintlich noch ganz normal eingekauft haben.
Ist es nun ein Ort der banalen Alltagsbewältigung, wo man Kartoffeln und Kohlrabi erwirbt, ist es eher eine viral gehende Fressmeile – es wird gerade neu ausgehandelt. Und man ahnt, welcher Zweck trotz aller noch gegenläufigen Bemühungen gewinnen wird. Nein, man weiß es.
Denn es ist nun einmal ein Muster, das sich weltweit und oft wiederholt.

Ich gehe weiter durch die Stadt. Die nächste Schlange sehe ich vor einem dieser neuen Keks-Läden. In denen man tatsächlich nichts als Kekse bekommt, die aber für Instagram, Tiktok etc. besonders geeignet sind. Es sind also wahnsinnig fotogene, besonders dekorativ gestaltete und auch besonders teure Kekse. Nicht etwa irgendwelche Plätzchen. Es sind Star-Model-Cookies.
Dann eine weitere Schlange vor einem Laden für Frozen Yogurt, neulich wurde er wohl erst eröffnet. War Frozen Yogurt nicht schon längst durch? Ist es denn bereits wieder dran, in welchem Tempo laufen jetzt bitte diese Trendzyklen durch die Stadt?
Lassen Sie mich bitte an dieser Stelle eben eine feine Cover-Version von Blossom Dearies „I’m hip“ anwerfen, es musizieren Veronica Swift und Emmet Cohen:
„I’m hip, I’m alive
I enjoy any joint where there’s jive
I’m on top of every trend
Look at me go, vo-dee-oh-doh“
Eine weitere Schlange vor einem Bekleidungsgeschäft für jüngere Menschen mit irgendeiner Sonderaktion. Vermutlich macht eine bekannte Influencerin irgendetwas, hält etwas in Kameras, das kommt auch immer häufiger vor. Nicht viel weiter eine Schlange vor einer weiteren Touristenattraktion, dann noch eine … Ich komme dann auf insgesamt sieben Schlangen auf meinem Weg. Gehzeit etwa eine Stunde.
Ein wahres Schlangennest war die Innenstadt also, zumindest in der typischen Reiseführer-Zone. Vermutlich war es mein Rekord, vermutlich kann ich das nun beliebig oft wiederholen. Und, so viel Prophezeiung darf wohl sein, vermutlich kann ich es bald auch steigern.
Es erinnerte mich im Gesamtbild etwas an ältere deutsche Sketche aus den Achtzigern, in denen man sich noch über die überall so besonders brav schlangenstehenden Briten lustig gemacht hat. Nur fehlten leider in der Wirklichkeit sämtliche Pointen.

Aber wie auch immer. Ich halte jedenfalls für die Chronik fest, dass Hamburg nun auch zu einer Stadt wird, in der man für alles anstehen muss. Für alles, was im weitesten Tourismus- und Social-Media-Travel-Kontext erwähnt und fotografiert, gefilmt und livegestreamt wird. Ich grüße an dieser Stelle freundlich in Richtung Venedig, Dubrovnik, Heidelberg etc.
Und ich halte mich mit Meinungen zurück. Denn es ist überaus kompliziert, wie wir alle wissen, und vor wenigen Tagen erst war ich selbst noch Tourist und stand vermutlich irgendwelchen Einheimischen im Weg herum oder verdarb ihnen die Fischbrötchenpreise.
Womit ich gerade immerhin einen Anfang gemacht habe und die bekannte Regel, dass der Mensch kategorisch unfähig ist, sich selbst als Tourist zu erkennen, gnadenlos gebrochen habe. Wer immer strebend sich bemüht!
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wer und wo es war, aber irgendein Comedian hatte vor zwei, drei Jahren einmal die Idee ausgeführt, dass sich Europa geschlossen und mit Hochdruck um eine rapide und vollkommen freiwillige, also selbstbestimmte Disneyfication bemühen müsse. Um dann als riesiger Freizeitpark für den Tourismus aus verbleibenden oder neu entstehenden Weltmächten zu dienen, ein Freilichtmuseum von Lissabon bis Oslo.
Es würde schließlich Millionen Arbeitsplätze dauerhaft sichern. Man könnte auf diese Art auch vieles so lassen, wie es ist, man müsste es sogar zwingend so lassen. Was wir bekanntlich alle besonders toll finden. Denn „Das haben wir schon immer so gemacht“ – da stehen wir nun einmal drauf. Man könnte sich manchem Fortschritt und auch manch lästigem Wertewandel gut begründet und vor allem dauerhaft verweigern. Schon wegen der Optik!
Und es ist so: Es war einer der Scherze, die man ganz erstaunlich weit ausbauen kann, in denen man immer mehr Wahrheiten findet. Ich denke seitdem oft und lange darüber nach.
Vielleicht denke ich zu lange und zu oft darüber nach. Aber wer weiß: Vorbereitung ist alles.

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