Der Trost, von Topcheckern umgeben zu sein

Der Turm einer der Hamburger Hauptkirchen muss weichen. Sankt Jacobi wird enthauptet, der NDR berichtete. Die Nachkriegsdachkonstruktion im heute sonst so angesagten „Mid-Century-Modern-Look“ ist zu schwer für die alten Mauern darunter, so heißt es da. Dieser Umbau wird sich markant auch auf die Silhouette der Stadt auswirken. Eine Unzahl an Souvenir-Artikeln wird daher auf einmal fehlerhaft bedruckt sein, man wird alles umarbeiten oder überkleben, ausradieren müssen.

Ich freute mich kurz nach dem Erscheinen dieser Meldung erheblich über Kommentare von Männern (es waren ausschließlich Männer) unter diversen Posts von kirchlichen Einrichtungen und lokalen Medien auf Instagram, über diese speziellen Kommentare von denen, die es besser wussten.

Es gibt nämlich verblüffend viele topausgebildete Experten in dieser Stadt, vermutlich gar von Weltrang, die sich mit den Spezialgebieten Kirchenbau, Denkmalschutz, Turmstatik und Bedachungen aller Art derart oberligamäßig auskennen, dass sie lapidar und ohne mit der Wimper zu zucken unter so einem Post notieren können: „Das hätte man auch anders lösen können!“

Es ist für mich als General-Dilettant immer wieder beeindruckend und auch gut zu wissen, wie viel Fachkunde auf Spitzenniveau in so einer Großstadt zusammenkommt. Wir sind hier nämlich im Grunde, das kann man sicher daraus schließen, vermutlich doch für alle Krisen gerüstet. Trotz aller gesellschaftlicher Skepsis, trotz der allgemeinen Neigung zum Fatalismus und zur kollektiven Wehleidigkeit.

Wir müssen nur die jeweils richtigen User fragen, was auch immer uns passieren mag. Und schwer zu finden sind die nun nicht, sie melden sich verlässlich und auch umgehend freiwillig, wenn man die Probleme nur irgendwo öffentlich schildert. Und dann: Yes, we can. And even better than you!

Schön, schön. Ich fühle mich nun solcherart doch wieder etwas getröstet.

Denkt man aber mehr in Richtung Plot-Entwicklung, fällt mir gerade noch ein, will man eine Story daraus machen, dann dreht man in Gedanken bald von Scherz zu Spannung ab, nehme ich an. Denn dann wäre, man sieht die notwendigen Szenen fast sofort vor sich, unter all diesen kommentierenden Freaks, die ihr halbseidenes Topcheckerwissen unter irgendeiner Katastrophenmeldung kommentieren, selbstverständlich der eine dabei, in einem Film unbedingt gespielt von einem der ganz großen Schauspieler, gleich Oscar-Verdacht und alles, der tatsächlich allen anderen weit überlegen ist in Kenntnis und Fähigkeit.

Der aber, das kann man dann fast schon mitsingen, auf dem Höhepunkt seiner Karriere damals vor zwanzig, dreißig Jahren wegen Liebeskummer, Alkohol etc. aus allen Bezügen fiel, ja, wir kennen das, man muss es gar nicht weiter ausführen. Und nun, Zeitsprung zurück in die Gegenwart, ist er längst ein seltsamer Schrat geworden. Ein Unsympath erster Klasse ist er, seltsam angezogen, komisch eingerichtet, Kamerafahrt über Merkwürdiges im Innenraum.

Die Nachbarinnen ringsum wissen auch nicht recht, man hört da manchmal, sagen sie hinter vorgehaltener Hand, so seltsame Geräusche aus dem Haus.

Er ist eine merkwürdige Hauptfigur, so viel steht fest. Ein Schrat, dessen Name aber einem der heute für das Desaster Zuständigen doch etwas sagt, da klingelt etwas, weswegen man dann darauf kommt, wer er einmal war. Und der schließlich im Laufe des Films usw. … Dieses Drehbuch könnten wir vermutlich alle spontan schreiben, bis hin zur allfälligen Weltrettung, bis hin zum Happy-End. Doch, doch, so kann man es sicherlich auch ausführen, gar keine Frage.

Immer positiv denken, ne? Und sei es nur zum Zwecke des Entertainments.

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Ansonsten Winterbilder. Ich werde gar nicht mehr alle los, bevor die Temperaturen steigen. Schlimm.

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5 Kommentare

  1. Ich weiß nicht, ob das hier schon einmal Thema war, aber in einer Umfrage waren mehrheitlich Männer der Meinung, dass sie im Notfall ein Passagierflugzeug landen könnten – obwohl sie noch nie geflogen sind. Auch im Kampf gegen einen Bären würden sie gewinnen, waren viele überzeugt. 😉

  2. Wir haben auch verblüffend viele topausgebildete Experten in unserer Stadt, vermutlich gar von Weltrang. Nur kennen die sich bei uns unfassbar exzellent mit Infrastruktur und dem Bau von Straßenbahnen aus und vor allem, warum man die auf keinen Fall bauen kann und das die Stadt in den Ruin führen wird usw. usf. Na ja.

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