Ansonsten rührt sich Protest im Stadtteil. Es gibt Demonstrationen und Aufrufe und politische Bestrebungen, man plakatiert auch Statements, aber alles in eher bescheidenem Umfang. Wieder einmal geht es um Mieten, ums Wohnen.
Gleich um die Ecke etwa, ein paar Meter nur von der Hotelbaustelle entfernt, wird ein nicht gerade baufällig aussehendes, großes Haus mit Mietwohnungen abgerissen, es soll einem Neubau weichen. Da es direkt an der Alster steht, wenn auch an einer Straße mit autobahnmäßigem Verkehr, kann man sich die Wertsteigerung durch einen Neubau dort gut vorstellen. Allerdings waren die Wohnungen wohl sämtlich noch vermietet. Ich war daher etwas überrascht, dass dies so einfach möglich zu sein scheint, die Mieterinnen vor die Tür zu setzen, um neu zu bauen. Es hat sich kein juristisches Gegenmittel gefunden, wie man am Ergebnis merkt. Ich bin allerdings mit den Details des Vorgangs nicht vertraut.
Ich habe aber durchaus Grund, äußerst unangenehm überrascht zu sein. Denn raten Sie einmal, welches Haus ebenfalls zum Besitz der Gesellschaft gehört, die da zwei, drei Häuser neben uns eines abreißen lässt, und welches Haus außerdem ein ganz ähnliches Baujahr hat? Genau.
Es verhilft einem nicht gerade zu einer zuversichtlicheren Weltsicht, so etwas zu registrieren. Aber der Gang zum Briefkasten immerhin, er wird wieder deutlich spannender. Der kleine Thrill zwischendurch, einfach auf Abruf. Haben auch nicht alle.
Außerdem wurde einem Restaurant, ebenfalls um die Ecke, der Mietvertrag gekündigt. Und das war nun das eine Restaurant, also selbstverständlich war es exakt dieses, welches sich eher an die Stadtteilbewohnerinnen gerichtet hat, nicht an die Laufkundschaft aus den Massen der touristischen Belagerungsarmee.
Ich nehme nicht an, dass der aktuelle Protest etwas nützen wird, da fehlt mir jeder Optimismus. Es handelt sich nur um ein klein wenig bürgerlichen Unmut auf der einen Seite und um einen gesellschaftlichen, geschichtlichen Trend in der Stadtentwicklung auf der anderen.

Wie auch immer. Die Wahrscheinlichkeit jedenfalls, dass die nächste Gewerbeeinheit, die dort einziehen wird, eher für Reiseführer, Instagram und Tourismus-Influencerinnen optimiert sein wird, nicht etwa für „uns“ im Sinne der Bewohnerinnen der Gegend, sie liegt wohl bei etwa 100 %. Denn so geht es zu.
Wenn man betroffen ist, dann kann es einem alles nicht passen. Wenn man aber nicht betroffen ist, dann geht man irgendwann in diesen interessanten neuen Laden in Bahnhofsnähe, von dem jetzt alle reden. Und das ist auch nachvollziehbar.
Ich würde da sicher ebenfalls hingehen, wenn ich nicht gerade ein beleidigter Nachbar wäre. Und würde womöglich sogar darüber bloggen. Auch du, Brutus Buddenbohm.

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