Am Sonnabendnachmittag gab es unerwartet den ersten Kaffee draußen, unter freiem Himmel, mit blendender Sonneneinwirkung, summender Bienenbegleitung und gefälligen Temperaturen. Der Wetterbericht hatte das vorher so nicht verheißen wollen, der Wetterbericht lag falsch.
Noch einmal gab es Torte von der Schwiegermutter für uns. Diesmal mit gleißendem Tageslicht auf den großen Kuchenstücken und Vogelsang aus den Büschen in der Nähe. Passend für einen Feiertag im Frühjahr.

Auch einen Spaziergang ohne Jacke unternahm ich direkt danach. Erstmalig in dieser Saison, wieder staunend über die Anzahl und Größe der Greifvögel, die in Nordostwestfalen über den Feldern patrouillierten. Auf den letzten Metern steigerte ich sicherheitshalber meine Geschwindigkeit, um der Abendkühle noch zu entkommen und die stimmungshebende Mai-Illusion des Tages nicht zu beschädigen.

Knapp habe ich es geschafft und kurz vor der rettenden Haustür habe ich mir das österliche Goethe-Zitat etwas umgewandelt und situativ angepasst: „Hier bin ich Mensch, hier lauf ich ein.“

In einer Ecke des Dorfes, in der ich noch nie war, habe ich dabei doch noch im Vorbeigehen einige Kühe gesehen. Da hat man es wieder, die Sache mit dem Wirklichkeitsausschnitt. Denn auch bei einem eher kleinen Dorf kennt man oft nicht das ganze Dorf. Ob die Kühe aber dort wohnhaft waren oder nur zwischen zwei Verkäufen dort standen, etwas seltsam zusammengetrieben in einem kleinen Hofstück, das weiß ich nicht.
Einen langen Text habe ich dann noch geschrieben. Der eher kein gutes Ende fand, der auch keine gute Stimmung verbreiten konnte und im Grunde auch keine gute Idee beinhaltete. Das brauchbare Ende dieses Gedankenganges, das ich zu Beginn der Niederschrift noch vage im Sinn gehabt hatte, es löste sich im Laufe meiner Schreibzeit auf und war schließlich nur ein Scheinriese von Wegweiser durch die Absätze.
Von dem fast nichts blieb, wie es bei Scheinriesen so ist, abgesehen von einem eher nüchternen, lapidaren letzten Satz.
Diesen Text habe ich am Abend dann versehentlich komplett gelöscht. Das Unterbewusstsein zog bei dieser Formulierung soeben kurz eine innere Augenbraue hoch, ich merkte es deutlich, aber mit wachem Verstand kann ich es mir jedenfalls immer noch nicht erklären, wo der Text geblieben ist. Und wieso er mit den normalen Methoden auch nicht wiederherstellbar ist.
Ich schreibe öfter Texte und meine, mich da ein wenig auszukennen. So etwas ist mir seit etlichen Jahren nicht mehr passiert, der unwiederbringliche Verlust von ganzen Seiten.
Aber weg ist weg, und dann soll das wohl so sein. Sagt man sich in solchen Momenten schließlich auch als eher nichtreligiöser Mensch. Der dem Numinosen auf diese leise Art heimlich doch ein wenig Platz einräumt. Hier und da, und auch nur bei passender Gelegenheit, versteht sich.
Aber unterm Strich eben doch. Darüber vielleicht auch mal länger nachdenken.
Einen Simenon aus dem öffentlichen Bücherschrank in Hamburg habe ich durchgelesen, „Der Mörder“. Ein besonders guter Non-Maigret-Roman, ein besonders bitterer auch. Ein verheerendes Lehrstück über den Einzelnen und die Gesellschaft, wenn man sich auf die Stimmung einlässt, braucht man seelisch ein Geländer. Es war jedenfalls ein passendes Gegengewicht zu den schokoladigen Ostersüßigkeiten, denn man muss es sich bekanntlich immer alles passend zusammensuchen.

Dann habe ich „Buridans Esel“ angefangen, ein Buch von 1968, Günter de Bruyn. Natürlich habe ich zunächst die Sache mit dem Esel sicherheitshalber nachgelesen, wobei ich aber feststellte, dass die berühmte Denkfigur Buridans Esel gar nicht von Buridan ist, wohl sogar eher gegen Buridan gedacht war.

So zerfällt, was man halbwegs sicher zu wissen meint, kaum dass man bei irgendetwas genauer hinsieht, kaum dass man eine Minute lang recherchiert.
Und schon wird es wieder deep wie sonst etwas. Dabei hat man von dem Roman noch keine Seite gelesen.
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