Luftig und leicht, liegend und knurrend

Da ich neuerdings, wie man es im Büro so unangenehm ausdrücken würde, ungemein erfolgreich an meiner Say-Do-Ratio arbeite, war ich nach dem Tippen des letzten und deko-orientierten Textes sofort auf einem Flohmarkt.

SOFOCHT, wie Isa es in solchen Momenten auszudrücken pflegt. Und zwar war ich bei dem saisoneröffnenden Flohmarkt am Museum der Arbeit im fernen Barmbek, noch am Ostermontag. Wo es aber entschieden zu voll und zu kalt für mich war, und beides auch sehr.

Der Osterbekkanal in Barmbek

Weswegen ich der Angelegenheit schon nach wenigen Minuten wieder den Rücken kehrte und stattdessen am Osterbekkanal entlang podcasthörend nach Hause ging.

Bei, wie hieß es im Wetterbericht so treffend, „rasch nach Hamburg einfließender Polarluft“. Wonach es sich auch überdeutlich anfühlte, zumal mir diese Luft mit einer solchen Vehemenz entgegenkam, dass sie sich wie ein besonders scharfer Fahrtwind beim Gehen anfühlte. Dabei gehe ich zwar stets zügig, aber so schnell nun auch wieder nicht.

Segelboote auf einem Steg an der Außenalster

Ich ahnte dabei schon, dies könnte vorerst der letzte Kaltlufteffekt dieser Art sein. Vielleicht sogar bis Oktober oder November, man wird ja kurz hoffen dürfen. Und das war es dann erst einmal mit polar und arschkalt und dergleichen. Nachdem dieser Wind durchgefegt hat, kommt hier der tatsächliche Frühlingseintritt, echtjetztmal.

Jedenfalls aber war ich dort gewesen, unter Menschen und auch draußen sowie an einem Ziel, daher war ich ausreichend zufrieden mit mir selbst. Manchmal ist es einfach, man muss im Grunde nur die Genügsamkeit und die Ansprüche passend einpegeln.

Ein blühender Baum an der Außenalster

Am nächsten Tag dann bereits der Triumph der Rechthaberei, denn die Luft war auf einmal anders, das Licht auch deutlich milder. Die Blüten an den Zierkirschen irgendwie schöner, intensiver und leuchtender und die Fußgängerzonen auf einmal voller Übergangsjäckchen in ungewohnter Farbgebung.

Am Rande die Beete, in denen die Hunde nun zwischen aufblühende Tulpen kackten, so schnell kann es nämlich gehen.

Blicm auf die Binnenalster durch blühende Kirschzweige

Sichtbar zunehmende Leichtigkeit und Luftigkeit also im Stadtbild. Ich aber plagte mich mit dem herum, was man früher Lumbago genannt hat. Das sagt allerdings kein Mensch mehr, glaube ich, obwohl es viel besser und auch würdevoller ist ist als die Bezeichnung Hexenschuss. Laut Wikipedia auch als Albschoss oder Mahrschuss bekannt, beides habe ich sicher noch nie gehört. Lumbago kommt von lateinisch lumbus, die Lende, und lumbus, das klingt doch zweifelsfrei wie ein lateinisches Schimpfwort. Du elender Lumbus.

Ich assoziiere Lumbago vage mit den Romanen von Eric Malpass, damals in der Kindheit habe ich die gelesen, mit dreizehn Jahren vielleicht. „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ und die Folgebände. Ich weiß aber nicht, ob diese Assoziation tatsächlich eine verlässliche Brücke ist oder eher in die Irre führt.

Englische Greise jedenfalls, die grummelnd und fluchend den Tee bockig in ihrem Zimmer trinken und partout nicht zur sorgenden Familie herauskommen wollen. Die auch nicht mit den Enkeln spielen wollen und vollkommen ungehemmt übellaunig sind, denn sie haben ja ihr Lumbago, und das berechtigt zu so etwas. Gepöbel durch geschlossene Türen, und man hat allgemein Verständnis dafür.

Bettruhe wird bei Lumbago nicht empfohlen, lese ich noch eben nach, als ob ich das noch nie gehabt hätte. Wohl aber „lockeres Gehen“. Woraufhin ich am frühen Abend einen Dennoch-Spaziergang der mühsamen Art runter zur Alster unternehme. Einen kleinen Gang, auf dem ich etlichen Menschen begegne, die sich vermutlich, kaum dass sie mich passiert hatten, so etwas sagten wie etwa:

Der sah aber nicht sehr locker aus, der krumme alte Mann da! Und dazu dieses garstige Gegrummel! Wie bei Waldorf und Statler, so sah der aus, nur leider ohne die Komik. Ganz schlimm, diese Typen, so möchte man ja auch nicht werden!“

Fluchend ging ich nach überschaubarer Wegeleistung wieder nach Hause und ächzend ab in die ausdrücklich nicht empfohlene Bettruhe. Aber eben als Trotzhandlung, und dann macht es bekanntlich gleich noch mehr Spaß. Und vielleicht, dachte ich, nachdem ich eine allerdings etwas seltsam anmutende Haltung gefunden hatte, in der endlich nichts mehr wehtat, macht es auf diese Art auch viel mehr Spaß als sonst. Als jemals!

Denn die Reaktanz hat bei mir eine Wirksamkeit, die kann kein Motivationstrainer jemals ereichen.

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Dieser Text wurde liegend und knurrend geschrieben. Wenn er anders klingt als sonst, wird es sicher nur darauf zurückzuführen sein.

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3 Kommentare

  1. Ich habe, angeregt von Ihren Gedanken über die Büchertisch-Trendwellen, über Ostern den hiesigen an der Apostelkirche intensiver studiert. Massive Eric Malpass Ausschüttungen, quasi Gesamtausgabe. Wurde wahrscheinlich zusammen mit Barbara Noack abgegeben. Eimsbüttel ist bei Romanen noch in den Siebziger und Achtzigern, bei Krimis dagegen eindeutig schon in den Neunzigern und Zweitausendern (Fred Vargas, Stieg Larsson).

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